"Königreich der Himmel" kann man am bestem mit einem Wort beschreiben: Wundersam.
Der Film ist der gigantische Selbsterfahrungstrip eines Mannes, der zu Hause alles verloren hat. Wer etwas anderes erwartet wird todsicher enttäuscht, denn "Königreich der Himmel" ist eines ganz sicher nicht: Der neue "Gladiator". Leider war es genau dieser Vergleich der im Vorfeld viele Erwartungen aufgebaut hat, die im Kinosaal dann zumeist restlos enttäuscht wurden. Die Mundpropaganda tat ihr übriges und der Film blieb weit hinter seinen Erwartungen zurück, wenn er auch nicht floppte.
Ich persönlich finde diese Tatsache beschämend, denn sie trifft eine vernichtende Aussage über den Geschmack des Massenpublikums, der seit einigen Jahren bereits im Niedergang begriffen ist.
Man muss sich eben auf diesen Film einlassen, denn das Drehbuch hat, zugegeben, einige unnötige Längen. Es ist kein Film um stupide Popcorn in sich reinzumampfen um dann ab und an, bei einem schlechten Witz zufrieden, zu grunzen und noch noch am selben Abend den Inhalt des soeben gesehenen Machwerks vergessen zu haben.
"Königreich der Himmel" hingegen ist ein fast schon surreales, filmisches Meistererk, mit einer starken politischen Grundaussage die ganz klar auf die heutigen Misstände verweist.
Die Geschichte beginnt im Frankreich des Jahres 1184. Eine Gruppe von Kreuzrittern aus dem heiligen Land unter Führung des Ritters Godfrey (Liam Neeson), seines Zeichens Baron von Ibelin, einer kleinen Baronie im Königreich Jerusalem, zieht durch das winterliche Frankreich um den Sohn des Ritters zu suchen. Dieser wird auch gefunden und erweist sich als Hufschmied, sein Name: Balian (Orlando Bloom). Doch dieser möchte zunächst gar nicht mit seinem Vater ins heilige Land ziehen, erst durch eine Tat die ihn sein eigenes Leben kosten würde, wird Balian umgestimmt. Bei einem Kampf der Kreuzritter mit Balians Häschern wird Godfrey von einem Pfeil getroffen und schwer verletzt. Doch noch bevor er stirbt, schlägt er seinen Sohn zum Ritter und ernennt ihn zu seinem Nachfolger. Nach seinem Tod zieht der Junge Balian schließlich ins heilige Land wo in einen Strudel aus Hass, Fanatismus und Intrigen gezogen wird...
Soviel zur Geschichte, man will ja nicht zuviel verraten. Wie oben schon erwähnt ist leider festzustellen, dass das Drehbuch, das ansonsten großartige Arbeit leistet, leider auch einige, dramaturigisch völlig unnötige Längen produziert hat. Diese Längen betreffen allesamt die Liebesbeziehung von Balian zu Sybilla, der Prinzessin von Jerusalem. Diese Beziehung ist zwar wichtig für das endgültige Ende der Geschichte, dennoch wirken die einzelnen Szenen ein wenig aufgesetzt und irgendwie überflüssig. Das ist allerdings auch der einzige Wermutstropfen denn ansonsten stimmt die Geschichte bis aufs i-Tüpfelchen.
Natürlich bleibt bei einem solch historisch auftretendem Film die Frage nach der Historizität nicht aus. Hier verhält sich der Film ähnlich wie Gladiator. Balian hat es wie Maximus nie gegeben, das geschichtliche Umfeld, die Beschreibung der Zeit stimmt aber im Groben und Ganzen.
Es gab im Jahre 1187 den Sturm Saladins auf Jerusalem.
Nun zu den Schauspielern. Orlando Bloom überrascht hier in seiner ersten wirklich großen Hauptrolle. Anders als bei "Fluch der Karibik" oder "Troja" hat er diesmal keinen internationalen Superstar wie Johnny Depp oder Brad Pitt an seiner Seite, der ihm die Kohlen aus dem Feuer holt. Und siehe da Legolas ist erwachsen geworden und das liegt nicht (nur) an dem Bart. Bloom macht seine Sache zum ersten Mal so richtig überzeugend und auch wenn er zumindest zum Anfang des Films den grünen Jungen mimt, so kann man seine Wandlung zum besonnenen Strategen und Feldherr gut nachvollziehen. Diese Rolle ist umso schwerer als das das gesamte dramaturgische Gewicht auf der Rolle des Balians lastet. Der Film steht und fällt mit dieser Rolle. Alle anderen Darsteller können da nur noch Nebendarsteller sein, darunter Größen wie Liam Neeson, Jermey Irons (endlich wieder richtig gut seit dem D&D-Debakel) und auch Edward Norton, dessen Gesicht man allerdings nur einmal sieht, und selbst da hab ich ihn nicht erkannt. Eine Polarisierung auf einen Helden und einen ultimativen Bösewicht, wie noch in Gladiator (Maximus und Commodus), entfällt völlig, allein schon wegen des völlig anders aufgebauten Drehbuches. Das ist aber nicht weiter schlimm, die Geschichte funktioniert auch so bestens, vor allem Dank Orlando Blooms großartiger Leistung. Bösewichter als solche gibt es nicht, höchstens die Mitglieder des fanatischen Templerordens, die allerdings weniger das Böse, als vielmehr die Unvernunft repräsentieren. Das wiederrum ist sehr clever gemacht, da doch eben diese Repräsentanten der Unvernunft die ersten Verlierer des Films sind.
Über diesen Aspekt wirkt auch die Kernbotschaft des Filmes. Besonders beeindruckend fand ich in diesem Zusammenhang die Frage Balians an Saladin:
"Was ist Jarusalem wert?"
"Nichts. Alles!"
Auch Handwerklich gehört der Film zum Besten was in den letzten Jahren so auf den Markt kam. bei einem Regiesseur wie Ridley Scott erwrtet man auch nix anderes. Die Kamera leistet großartiges. Man versteht es die Ödnis der "Terra Sancta" durch entsprechende Landschaftsbilder einzufangen, ohne das dabei die Spiritualität dieses Fleckchens Erde abhanden kommt. Genauso gut wird das hektische Treiben in den Städten eingefangen und erinnert oft an die Anfangssequenzen aus "1492 - Conquest of Paradise". Bei den Schlachten läuft einem dank der Kamerafahrten und der großartigen Musik regelmäßig ein Schauer über den Rücken.
Die Musik ist zweifelsohne eines der Filetstücke des Filmes. Ohne sie würde er wahrscheinlich nur halb so gut funktionieren. Allein schon das Thema erzeugte bei mir Gänsehaut.
Noch ein Wort zur Schnittechnik während der Kampf- und Schlachtsequenzen, die viele Leute als zu hektisch empfanden. Eben diese Schnittechnik, die übrigens auch schon bei "Gladiator" angewandt wurde, verleiht diesen Sequenzen erst ihre packende Atmosphäre und unbeschreibliche Dichte. Wem das zu hektisch ist, dem kann ich nur sagen: "Du wirst alt, Kumpel!"
Der Film hat mich, bis auf diese klitzekleine Drehbuchschwäche, vollstens überzeugt und ich freu mich jetzt schon auf den angekündigten Director's Cut. Darum gibt es für den wahrscheinlich unterschätztesten Film Jahres 9 von 10 Punkten.