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Luciano Lutring (Robert Hoffmann) ist ein junger Mann in Mailand, der im Milchladen seines Vaters mitarbeitet und diesen eigentlich später übernehmen soll, obwohl er nicht wirklich große List darauf hat. Bei einer Spritztour mit Freunden nach San Remo an die Riviera lernt er in einem Nachtklub die Sängerin Candida (Lisa Gastoni) kennen. Um sie zu beeindrucken, klaut er aus einem Schaukasten, während einer großen Parade, Schmuck und Uhren. Damit bezahlt er das teure Hotel, in das er sie zum Beeindrucken eingeladen hat. Beide verlieben sich und werden ein Paar. Lutring wird aber immer krimineller und überfällt mehr und mehr Juweliere, allerdings schießt er nie und ist nie aggressiv. Aggressiv ist er nur gegenüber seiner späteren Frau, wenn er eifersüchtig ist oder glaubt, dass sie ihn verraten hat. Durch seine Cleverness und pures Glück entkommt er immer wieder der Polizei unter Inspektor Moroni (Gian Maria Volonte), der bald aber einen unerwarteten Verbündeten hat. Seine Jagd auf Lutring verlagert sich bis nach Frankreich, wohin er geflohen ist, weil es in Mailand zu gefährlich für ihn wurde. In Paris zieht sich die Schlinge allmählich zu…

Ganz am Anfang des Films gibt es eine wahrlich beeindruckende Szene: man sieht ein graues Morgendämmern, triste Hochhäuser und Luciano wird Zeuge, wie Gangster sich beschießen, eine Frau verprügeln und das Auto eines anderen Gangsters anzünden. Aber anstatt der Frau zu Hilfe zu kommen oder zumindest die Polizei anzurufen, schaut er nur fasziniert zu. Dazu ertönt dunkle Musik von Meister Ennio Morricone.
Schöner Auftakt eines faszinierenden Films von Carlo Lizzani. Er war ein höchstproduktiver Regisseur in den unterschiedlichsten Genres, nie in den Sphären eines Visconti oder Fellini, wohl aber ein guter, vom Dokumentarfilm geprägter Handwerker, der wunderbare Genrewerke kreiert hat. Zu diesen gehört „Feuertanz“ von 1966 definitiv dazu. Er liefert quasi eine frühe Blaupause für den späteren Poliziotti der 70er, allerdings differenzierter und um weniger Action und Gewalt bemüht.
„Feuertanz“ ist eine wahre Geschichte: wenige Monate nach dem Prozess gegen Lutring in Paris begannen bereits die Dreharbeiten in beiden Ländern, Italien und Frankreich. Und Lizzani ging auch nicht nur um die Abbildung einer kriminellen Karriere, sondern um das Porträt eines gelangweilten, oberflächlichen, jähzornigen und bauernschlauen Mannes aus Mailand, der bald zum Popstar unter den Kriminellen in Italien mutierte, schließlich benutzte er seine Waffen so gut wie nie und verletzte auch niemanden… fast wie ein Gentleman-Gauner. Die aalglatte Persönlichkeit wird kongenial von Robert Hoffmann verkörpert, der allerdings in einigen Szenen etwas an seine darstellerischen Grenzen kommt (wobei dies nicht sehr stört). Die interessantere Person ist sowieso Candida, die Lisa Gastoni wunderbar verkörpert. Sie ist getrieben von ihrer Liebe zu ihrem Mann, ihrer Angst, ihrem Streben nach einem „anständigen“ Leben und nach Anerkennung der Gesellschaft. Letzteres ist wahrlich nicht leicht zu erreichen, als Nachtklubsängerin, die mit einem Räuber verheiratet ist. All dies ist wahrlich zu viel für sie, so dass sie aus purer Verzweiflung und Überforderung eine unheilvolle Allianz eingeht. Prekär ist das Verhältnis zwischen ihr und Luciano: oft genug schlägt er sie brutal, doch sie akzeptiert das nahezu hündisch, aus Angst vor Verlust oder noch Schlimmeren.

Interessant an Lutrings Fall ist auch seine mediale Verarbeitung: er beherrschte die Schlagzeilen (immer wieder sieht man diese als Zwischentitel eingeblendet) und Candida gibt sogar ein Interview mit dem TV, in dem sie ihn bittet, sich zu ergeben. Lizzani hat dieses Phänomen noch relativ gemäßigt dargestellt – in der Realität war Lutring wohl medial noch präsenter.
Neben Gastonis Leistung, der hervorragenden Morricone-Musik (Lisa Gastoni singt auch ein wundervolles Lied in ihrem ersten Nachtklubauftritt) fiel mir besonders die starke Kameraarbeit ins Auge (Armando Nannuzzi), deren hervorragende Farbdramaturgie das Geschehen nicht nur hervorragend ergänzt, sondern geradezu stellenweise überragt. Das graue Mailand, das sonnige San Remo, düstere Vorstädte, kleine Zimmerchen, dunkle Keller, glutrote Klubs… ein visuelles Fest!

Ich habe mir die vollständige, italienische Kinoversion von ca. 120 Minuten angeschaut, die deutsche Kinoversion war ca. 15 Minuten kürzer, eine spätere VHS-Version noch mehr gekürzt. Allen Fans sei die überwältigende Veröffentlichung von Subkultur ans Herz gelegt, die auch noch die DDR-Synchro (neben der bundesdeutschen) sowie zwei hochinteressante Interviews (u.a. mit Lisa Gastoni!) und ein informatives Booklet anbietet.

Insgesamt ein sehenswerter Film mit einigen Drehbuchschwächen (und sinnlos schneller gedrehten Actionszenen, die wie im Zeitraffer aussehen), spannend und ein interessanter Vorläufer aller italienischen Polizeifilme mit hochgradig zeitgemäßer Medienkritik.
Knapp 8/10.

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