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Böse Menschen, böse Dämonen

1944. In einem Niederländischen Dörfchen zwingen Nazis den Pfarrer Lankester Merrin (Stellan Skarsgård) dazu, zehn Dorfbewohner auszusuchen. Diese Zehn sollen sterben, dafür bleiben die anderen am Leben. Merrin willigt ein. Und wählt. Es ist eine Entscheidung, die ihn sein ganzes Leben verfolgen wird. Er gibt sein Priesteramt auf und wird Archäologe. Im Norden Kenias entdeckt Merrin 1947 eine Kirche, die historisch gesehen ein Anachronismus ist. Gemeinsam mit Priester Francis (Gabriel Mann) dämmert ihm, dass dieser Bau entstand, um etwas zu versiegeln. Etwas Böses. Vielleicht sogar das Böse schlechthin. Francis besteht darauf, die britische Armee einzuschalten. Doch Major Granville (Julian Wadham) und seine Truppen sind alles andere als bestrebt, die Gemüter der schwarzafrikanischen Einwohner abzukühlen.

Um 2004 schien es an der Zeit, die gute alte Exorcist-Reihe wieder aufzuwärmen. Und wie sonst, wenn nicht mit einer Origin-Story? Die Drehbuchautoren William Wisher und Caleb Carr wollen das Publikum vertraut machen mit der Feinschaft zwischen Merrin und dem Dämonen Pazuzu. Ihr Ansatz ist gar nicht so verkehrt: Sie liefern eine durchaus komplexe Charakterstudie von Merrin, der seit seiner Begegnung mit den Nazis mit dem Glauben hadert. Umgesetzt wird diese Idee recht stilvoll – wenn auch etwas dröge – von Paul Schrader, dem Drehbuchautor von Taxi Driver und Raging Bull. Alles gut also? Nein. Die Produktionsfirma Morgan Creek Entertainment fand das Endresultat so mies, dass sie flugs einen anderen Regisseur engagierte, um einen »massentauglicheren« Film zu fabrizieren. Dieser Film von Renny Harlin lief 2004 unter dem Titel Exorcist: The Beginning an. Er wurde zu einem Publikumsflop.

Um nicht noch mehr Geld in den Sand zu setzen, zeigte Morgan Creek schliesslich doch noch die Urfassung des Stoffes. Und wer hätte das gedacht: Die Erstversion Dominion: Prequel to the Exorcist (2005) ist tatsächlich um Meilen besser als der Re-Shoot – wenn auch finanziell ebenso erfolglos. Die Schrader-Version ist allerdings auch nicht über jeden Zweifel erhaben. Das liegt vor allem an fehlender Subtilität. »Evil is a human condition«, heisst es ganz zu Beginn. Der Plot spricht aber eine andere Sprache. Die Gräuel des Zweiten Weltkrieges und des Kolonialismus werden – zumindest implizit – an den Teufel delegiert. Wenn man die schrecklichen Taten des Major Granville auch nur im Ansatz auf eine übernatürliche Macht schiebt, hinterlässt das einen bitteren Nachgeschmack.

Immerhin reflektiert Dominion die missionarische Tätigkeit des Christentums mit der gebotenen Skepsis. Diese wächst jedoch nie zu einer echten kritischen Haltung heran, was sehr naiv wirkt. Friedkins The Exorcist fühlte sich nie missionarisch an. Dasselbe kann man von Dominion leider nicht behaupten. Dass Pfarrer Merrin zurück zum Glauben findet, scheint zudem eher äusseren Umständen als innerer Bewegung geschuldet. Hier werden abstrakte Konzepte in einfache Symbole gestopft. Gerade gegen Ende wird das schmerzlich offensichtlich: Der Auftritt des Teufels ist zwar gruselig, aber geschmacklos glatt. Überhaupt sind die Spezialeffekte von einer fraglichen Ästhetik, viel zu bunt und glänzend für den Rest des Filmes. Die rassistischen Spannungen sind nicht uninteressant, wirken aber forciert.

Stellan Skarsgård (Good Will Hunting, Nymphomaniac) als Merrin ist der Meister des geflüsterten Wortes. Er schlüpft gekonnt in die Rolle, die Max von Sydow so ikonisch vorlebte. Skarsgård ist der beste Schauspieler des Filmes. Highlight ist die Szene, in der er gefragt wird: »So behandelt der Allmächtige jene, die den Glauben an ihn behalten haben?« Seine Antwort – ein gehauchtes, bitteres »Ja!« – ist nichts weniger als erschütternd. Auch Gabriel Mann als gutgläubiger und dann erschütterter junger Priester gibt eine gute Figur ab. Clara Bellar als Ärztin Rachel Lesno wirkt den ganzen Film über wahnsinnig abgespaced. Aber na ja, solche Menschen gibt’s.

Sehenswert ist das alles im Grunde nicht. Gut gemeint, aber langweilig gemacht. Der Schockwert des Filmes ist mässig: Es gibt genau zwei Szenen, die unter die Haut gehen. Es fühlt sich so an, als hätte Schrader hier zu viel, zu Abgehobenes gewollt. Dominion will Kunst sein, scheitert aber an der spröden Umsetzung – und an der hastigen Postproduktion. Neben The Exorcist III kommt dieser Film am ehesten noch an die Atmosphäre des Originals heran. Nur für Exorcist-Fanatiker. Aber die Höhen dieses Klassiker erreichte keiner der Nachfolger. Besonders nicht das Machwerk, das die Produzenten an die Stelle von Dominion setzen wollten.

5/10

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