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Es gibt nicht viele Filme, die sich dieser ernsten Thematik seriös annehmen: Inzest. Um so erstaunlicher, wie es Schauspieler Tim Roth – der in seiner Kindheit ähnliche Erfahrungen gemacht hat – in seinem Regiedebüt schafft, einen der besten und beklemmendsten Beiträge zum Thema abzuliefern.

„The War Zone“ schildert die Geschichte einer Familie, die aus London in ein Kaff an der Küste gezogen ist. Der Vater arbeitet an einem Job, die Mutter ist Schwanger. Eines Tages wird der introvertierte 15jährige Sohn Tom Zeuge einer Annäherung seines Vaters an seine 18jährige Schwester Jessie. Später macht er aber eine noch viel entsetzlichere Entdeckung, die das Familiengefüge nicht mehr aufrechterhalten kann. Es kommt zur Eskalation…

Wer Tim Roth nur als Verräter aus „Reservoir Dogs“ oder als Restaurant-Kidnapper aus „Pulp Fiction“ kennt, wird überrascht sein, dass er auch einen ernsthaften Film inszenieren kann. „The War Zone“ besticht vor allem durch seine düstere und erlesene Bebilderung, die nicht zum Selbstzweck dient, sondern zweifellos passend ist zum schleichenden Untergang und Auseinanderbrechen der Familie durch Inzest. Auch wird dadurch eine ungemein beklemmende und beängstigende Stimmung erzeugt. Das Drama ist nahezu schmerzend intensiv, da sowohl die Darsteller brillant als auch der Film schonungslos in seiner emotionalen und körperlichen Offenheit sind. Das wäre in einer verklemmten US-Produktion nicht möglich gewesen. Obwohl es die Thematik zugelassen hätte, fehlen hier grelle Effekte glücklicherweise ganz und der Film ist eher ein Meisterwerk der leisen Töne und unterschwelliger Wut. Die raue Schönheit der Landschaft scheint dabei mit dem emotionalen Leben der Familie überein zu stimmen: brechende Wellen als Symbol für Aufgewühltheit. Neben der Inzest-Thematik geht es auch noch um das Erwachsenwerden: während Tom noch eher desinteressiert an Sexualität zu sein scheint, ist seine Schwester aufgeschlossener und aktiver, was der ganzen Story noch einen zusätzlichen emotionalen Aspekt verleiht.

Die Darstellerriege spielt durchweg genial: Freddie Cunliffe als introvertierter, aber geschockter Sohn; Ray Winstone („Sexy Beast“, "King Arthur") als leugnender Vater; Lara Belmont als missbrauchte Tochter; Tilda Swinton („The Beach“, „Young Adam“) als naive Mutter und kurioserweise Colin Farrell („Nicht Auflegen!“, „Alexander“) als trinkende Kneipenbekanntschaft von Jessie (!) in einer kleinen Nebenrolle.

So ist „The War Zone“ der packendste und intensivste Beitrag zur Inzest-Problematik. Dennoch wirkt der Film um so mehr verstörend, da er deutlich um Realismus bemüht ist und glaubhaft das Auseinanderbrechen einer Familie im Endstadium schildert.
Einzig beim weitgehend offenen Ende hätte man sich eine klarere Linie und eine endgültige Konsequenz gewünscht. Das ist aber auch mein einziger Kritikpunkt.

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