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Nadine Chevalier (Romy Schneider) sitzt auf ihrem Filmpartner. Es ist eine miese, sensationalistische Pornoproduktion, für die sie hier ihren Körper hergibt. Um sie herum das geschäftige Chaos der schmuddeligen Filmcrew, allen voran, die vulgäre Regisseurin, die sie dazu antreibt, endlich den von ihr geforderten Dialog zu sprechen. Doch Nadine Chevalier kriegt den Satz nicht über die Lippen - obwohl sie beteuert, eine echte Schauspielerin zu sein. Nadine scheitert an dem Satz "Ich liebe dich", da sie zu viel privaten Schmerz und innere Zerrissenheit mit diesem Satz verknüpft. In dem Augenblick absoluter Verzweiflung, macht der Fotograph Servais (Fabio Testi) heimlich Paparazzi-Aufnahmen von der scheiternden Darstellerin. Der Anbeginn von Andrzej Zulawskis "Nachtblende", der Anbeginn einer komplizierten Liebe.

Zulawski, schon immer ein Provokateur, der sein Handwerk als Assistent bei Andrzej Wajda erlernte, schuf mit "Nachtblende" einen schwierigen, komplexen Film, der wie ein halluzinatorisches Drama wirkt. Die Geschichte, die er nebenher erzählt ist wackelig und unausgewogen. Zulawski geht es bei seinem Film darum, seine Figuren an die Grenzen ihrer Existenz zu führen. Er sieht sich gerne die Figuren Schneiders, Testis und Jacques Dutroncs an, wie sie kurz vor dem Zusammenbruch stehen, wie sie mit ihrem seelischen Überleben kämpfen. Dass er dabei eine nicht hundertprozentig runde Erzählweise an den Tag legt, ist dabei vermutlich notwendig, wie auch kalkulierte Absicht.

Nach der oben beschriebenen Szene kommen sich Nadine und Servais näher. Servais verliebt sich schnell in die Mittdreißigerin, erkennt aber auch gleichzeitig, wie unzufrieden sie mit ihrem Leben ist: Eigentlich möchte sie endlich als anspruchsvolle Schauspielerin anerkannt werden, bekommt jedoch nur Angebote aus der Sexfilmbranche. Auch scheint ihre Ehe mit Jacques (Dutronc) nicht glücklich. Einst rettete er sie vor der Prostitution, doch wirkliche Liebe scheint zwischen dem verschrobenen Clown und der schwermütigen Künstlerin längst verflogen. Nadine lässt Servais so weit an sich heran, dass er zumindest diese Dinge über sie erfährt, begegnet ihm daraufhin dann allerdings kalt.

Um die Schauspielerin für sich zu gewinnen, nimmt Servais wieder Aufträge von dem Mafiosi Mazelli (Claude Dauphin) an, der ihn für fragwürdige Porno-Fotoshootings überdurchschnittlich bezahlt. Mit dem Geld finanziert Servais klammheimlich eine gewagte Theaterproduktion des homosexuellen Inszenators Messala, unter der Voraussetzung, Nadine würde einen wichtigen Part bekommen. "Richard III." wird gespielt, und Nadine soll als Lady Anne neben dem exzentrischen, maßlosen Karl-Heinz Zimmer (Klaus Kinski) spielen. Doch das Stück gerät zu einem desaströsen Flop, und die Spannungen im Leben zwischen Nadine und den beiden Männern werden immer komplizierter und gewagter.

"Nachtblende" ist ein Schauspielerfilm. Ohne die psychisch und physisch intensiven Leistungen von Romy Schneider, Fabio Testi und Klaus Kinski, die sich hier an den Rand des Wahnsinns spielen, wäre der Film nur halb so viel Wert. Der Rest macht die barocke Stimmung aus. Die Welt, in der die schicksalhaften Figuren wandeln, ist düster und ohne Glück. Testi spielt den Fotographen, der zwar viele lukrative Angebote bekommt, aber seinen künstlerischen Anspruch unterordnet, und nur die Bilder schießt, die von ihm verlangt werden - zumeist nackte Körper. Ein Loser. Ganz ähnlich die Schneider: Ihr Talent wird verschwendet. Während sie von einer Karriere auf den großen Theaterbühnen und vor den Kameralinsen der einflussreichen Regisseure träumt, kann sie gerade mal auf ein Engagement in einem billigen Exploitation-Streifen namens "Nympho-Kuda" zurückblicken. Kinskis Figur ist ein exzessiver Schauspieler, der sich selbst als unterschätzt und unverstanden ansieht. Ein Narzisst ohne Natürlichkeit, ohne die Liebe, die Testi und Schneider bewegt.

Zulawskis Position in dem chaotischen Reigen aus Liebe, Moral und Abhängigkeit ist meist die eines Beobachters. In wenigen Szenen, beispielsweise in der Sequenz, in der sich Testi und Dauphin als dessen Gangster-Mentor eine Aussprache unter freiem Himmel liefern, scheint Zulawski sich die Optik wirklich an die Figuren heranzutrauen. Viel lieber versteckt er sich voyeuristisch, wie die Auftraggeber des Fotographen, hinter der authentischen Kamera und lässt seine Darsteller theaterhaft agieren. Die selten eingesetzte, dafür um so lauter in den Vordergrund gemischte, schwere Filmmusik Delerues scheint manchmal das einzige, filmtechnische Spiegelbild für die zögerliche Liebe zwischen Schneider und Testi zu sein.

"L'Important c'est d'aimer", so der Originaltitel, der übersetzt "Was zählt, ist Liebe" bedeutet, ist eine pessimistische Reflektion Zulawskis auf das Leben mehrere Künstler - seien sie Schauspieler oder Fotographen (oder Regisseure), die ihr Leben und ihre Leidenschaft für die Kunst irgendwo zwischen dieser und dem Kommerz arrangieren müssen, und die darüberhinaus ihren Halt bei ihrer anderen, menschlichen Liebe finden müssen. Zulawski ist dabei nie freundlich oder heiter, sondern immer kritisch und fast schon dekadent. "Nachtblende" ist ein Skandalfilm. Brutal, nackt, obsessiv und intensiv. Ein Filmgenuss der komplizierteren Art.

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