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Der siebte „Kolle“, also der siebte Aufklärungsfilm des dem Zeitgeist geschuldet skandalträchtig um die Sexualerziehung der prüden und religiös beeinflussten Westdeutschen bemühten Journalisten Oswalt Kolle, fällt stark aus der Reihe: Nicht nur, dass Kolle jetzt Bart trägt, er arbeitete auch erstmals ohne Regisseur bzw. übernahm die Regie seines Dokumentarfilms selbst. Der Grund: Sein 1971 veröffentlichter Film „Was ist eigentlich Pornographie?“ kommt komplett ohne eigens inszenierte Spielfilmsequenzen aus.

Stattdessen hätte Kolle lieber reichlich explizite Ausschnitte aus Pornofilmen gezeigt, jedoch machte die Zensur bzw. die Rechtslage ihm einen Strich durch die Rechnung. Als Aufhänger für seinen Film, durch den Kolle einmal mehr höchstpersönlich führt, dienen die Irrungen um den damals erst gelockerten, dann wieder verschärften „Porno-Paragraphen“, wozu er mit einer Erklärung eröffnet. Er zieht alte Urteile zu Pornographie heran und zitiert sie, zeigt Ausschnitte aus der TV-Reportage „Pornographie als Gesellschaftskritik“ und lässt sich darüber aus, dass er seinen Film nur verstümmelt zeigen könne. In sehr scharfem Tonfall wendet er sich gegen Reaktionäre und Katholiken, bevor er relativ sachlich auf die schwierige Definitionsfrage von Pornographie eingeht. In diesem Zusammenhang zeigt er klassische Zeichnungen des Koitus bis hin zu Sodomie, Pädophilie und Sadomasochismus. Ein kurioses Stück Zeitkolorit ist der Pornoschmuggel von Dänemark in hiesige Gefilde, der aufgrund der seinerzeit wesentlich liberaleren Gesetzeslage unserer nordischen Nachbarn stattfand und unter Kolle ebenfalls Erwähnung findet. Im Anschluss geht er auch dazu über, diverse Beispiele für zeitgenössische Pornographie zu zeigen, verdeckt jedoch die „entscheidenden“ Stellen. Er zeigt sogar Ausschnitte aus einem albernen Zeichentrickporno und kündigt weitere Hardcore-Ausschnitte an, die jedoch der Zensur zum Opfer fielen und durch informierende Texttafeln ersetzt wurden. An diesen Stellen wurde der Film also bewusst nicht umgeschnitten, sondern wird mit der Enttäuschung oder Empörung der Zuschauer kalkuliert, die sich auf die avisierten Sexszenen gefreut hatten. Zwischenzeitlich wird’s literarisch und Kolle zitiert aus Henry Millers „Sexus“, aus „Fanny Hill“ sowie aus der „Geschichte der O.“, letzteres zu Bildern einer S/M-Darbietung, er zeigt einen Einblick in die gemischtrassige Aufführung in einem Live-Sex-Club, bringt weitere entschärfte Porno-Ausschnitte und führt/zeigt Interviews, u.a., als handele es sich um eine quasi gleichberechtigte Form der Sexualität, mit einer Sodomistin, ferner mit einem Porno-Produzenten.

Kolle betont zwar mehrmals und vollkommen richtig, wie wenig die Darstellung in Pornos mit der Realität zu tun habe, bleibt ansonsten aber oberflächlich und nur in eine Richtung kritisch. Seine undifferenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema Pornographie liefert kaum tiefere Einblicke in die Branche und spart sämtliche Schattenseiten aus, findet keine kritischen Worte zu Rand-, Begleiterscheinungen und Themen wie Kinder- und Jugendpornographie, Sodomie, die Ausnutzung von Darstellerinnen, Geschlechterklischees, Zwang, Sucht, Geschlechtskrankheiten, gesellschaftliche Ächtung etc., ist stattdessen in erster Linie eine spürbar wütende, provokante Reaktion auf die Gesetzeslage der damaligen BRD, über die sich Kolle deutlich erregt echauffiert, der anscheinend am liebsten seinem Publikum unter dem Mantel des Dokumentarischen eine ordentliche Breitseite echten Sex um die schamesroten Ohren gehauen hätte. Inwieweit auch kommerzielle Erwägungen dabei eine Rolle spielten, vermag ich nicht zu beurteilen. Kolles Empörung über Erwachsenenbevormundung ist verständlich, seine Trotzreaktion ist es auch, ein unaufgeregterer, auf mehr echte Information bedachter Film wäre aber bestimmt ein adäquateres Argument geworden. Einige Szenen wurden aus anderen Dokumentationen entliehen, Kolle liest ständig ab und auch, wenn er schöne Worte zum Schluss zum Themenkomplex Liebe, Sex und Abenteuerlust findet, scheint sich die eigene Recherchearbeit auf ein Minimum zu beschränken. Filmhistorisch betrachtet ein interessanter, bisweilen kurioser, in seiner Undifferenziertheit aber auch entlarvender Kommentar zur damaligen Zeit auf dem Weg zur Porno-Liberalisierung.

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