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1943 geraten der englische Leutnant Halliday und der amerikanische Sergeant Braddock in Italien in Kriegsgefangenschaft und sollen per Zug nach Innsbruck verfrachtet werden. Unterwegs wird der Konvoi aber von alliierten Bombern angegriffen, die beiden entkommen und schaffen es mit ein bisschen Hilfe zum Langensee – auf der anderen Seite wartet die neutrale Schweiz. Doch spätestens als die Deutschen eine Offensive starten und das Gebiet einnehmen, wird das Übersetzen per Boot zu gefährlich, stattdessen versteckt man sich in einem Güterzug und landet schliesslich in einem Bergdorf.

Dort hat sich unter dem Schutz des örtlichen Pfarrers ein ganzer Haufen von Flüchtlingen versammelt, darunter der englische Major Telford. Dieser will mit seinen Kollegen über die Berge in die Schweiz abhauen, als die SS, vom örtlichen Gastwirt alarmiert, das Dorf angreift; dabei kriegen die Angelsachsen die Flüchtlinge aufs Auge gedrückt. Für die Kinder, Frauen und Greise wird die Kletterpartie eine Tortur… und der Feind ist ihnen auf den Fersen.


Die Schweiz, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Nach der Kapitulation Deutschlands wurden die Filme der so genannten Geistigen Landesverteidigung, welche die Moral der eidgenössischen Bevölkerung und Soldaten angesichts einer übermächtigen Bedrohung hochhalten sollten, obsolet, eine Neuorientierung der Filmindustrie stand an. Resultat war die so genannte Humanismus-Phase, die sich den Opfern des Krieges annahm, die globale Verständigung propagierte und nebenbei noch ein bisschen Werbung für die Schweiz machte – die hatte das auch bitter nötig, war sie doch ihrer Flüchtlingspolitik während des Krieges wegen international in Kritik geraten.

Einer der herausragenden und erfolgreichsten Vertreter dieser Gattung war nun DIE LETZTE CHANCE von Leopold Lindtberg (FÜSILIER WIPF, LANDAMMANN STAUFFACHER, MARIE-LOUISE, VIER IM JEEP), ein Film, der weltweit bei Publikum und Kritikern Erfolge feierte (selbst ein Alfred Hitchcock hatte ein paar freundliche Worte übrig) und das Bild der Schweiz als Land des Friedens und des Humanismus mitprägte: Für die Leute hier ist die Eidgenossenschaft eine Art Paradies auf Erden, ein echtes Utopia der Völkerverständige, und wenn Flüchtlinge abgewiesen werden (für unsere Protagonisten allerdings winkt ein Happy End), so nur deshalb, weil es halt wirklich nicht anders möglich ist (die Realität sah freilich etwas anders aus, aber kritische Filme wie DAS BOOT IST VOLL sollten noch einige Jahrzehnte auf sich warten lassen). Die Konzentration auf die Opfer des Krieges sorgt dafür, dass der Film politisch vage und die faschistische Bedrohung seltsam gesichtslos bleibt: Ja schön neutral bleiben und niemandem auf die Füsse treten. Wobei man hier anmerken muss, dass dies nicht primär an den Filmemachern, sondern auch an den damaligen Politikern liegt, die der Produktion Steine in den Weg legten, wo sie nur konnten, und auf deren Geheiss der Streifen heftig entschärft werden musste (selbst Mitglieder des Bundesrates mischten sich ein!).

Sieht man über die kitschige Verherrlichung der Schweiz und das manchmal etwas penetrante Gutmenschentum hinweg, bleibt immer noch ein spannender Thriller mit ein paar packenden Szenen übrig: Mehr als einmal entkommen die Protagonisten dem Feind nur knapp, die Naturgewalten machen die Sache auch nicht gerade leichter und manch einer muss sein Leben aufs Spiel setzen, um die Gruppe zu retten. Für den Adrenalinschub ist gesorgt.

Die Kameraführung hat in ihrer Sachlichkeit oft einen dokumentarischen Touch, aber auch eher poetische Momente (das Boot im Nebel auf dem Langensee, die junge Frau in ihrem weissen Kleid am Ufer) kommen vor. Filmkomponist Robert Blum beherrscht das Register von eher spassigen über besinnliche bis hin zu hübsch grimmigen Tönen (die auch in einen Horrorfilm passen würden) und steuert damit einen Score bei, der zu begeistern weiss.

Als Schauspieler wurden Laien verpflichtet (neben dem Realismus der Darstellung eine weitere Parallele zum italienischen Neorealismus): Die drei angelsächsischen Militärs waren echte solche, die Ähnliches erlebt haben wie im Film dargestellt. Die Kamera bleibt (unter anderem in vielen Grossaufnahmen) nahe bei den Darstellern, fängt die Verzweiflung glaubwürdig ein und stellt sie der eisigen, tödlichen Bergwelt gegenüber.

Fazit: Ein Film, der etwas weniger Pathos und Propaganda vertragen hätte, aber auch heute noch ordentlich spannend rüberkommt und einen Blick wert ist.

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