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Erwin C.Dietrich hatte offensichtlich Blut geleckt. Nach seinem Einstieg als Produzent in das Erotik-Genre mit "Schwarzer Markt der Liebe" (1966, Regie Ernst Hofbauer) und "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen" (1967), die vom Stil des französischen Erotik-Pioniers José Bénazeraf geprägt waren, der beim "St.Pauli" - Streifen selbst Regie führte, begann Dietrich sein Engagement und damit den Einfluss bei der Entwicklung seiner Film-Produktionen zu erhöhen. Offiziell wurde er zwar erstmals bei "Hinterhöfe der Liebe" (1968) als Regisseur geführt, aber die sonst unbekannt gebliebenen Regisseure Georg Ammann ("Seitenstraßen der Prostitution" (1967)) und Hansjörg Amon ("Unruhige Töchter") hatten offensichtlich nur die Funktion seines verlängerten Arms, bevor mit Kameramann Peter Baumgartner bei "...und noch nicht sechzehn" (1968) sein ständiger Mitstreiter ausnahmsweise einmal auch auf dem Regie-Stuhl Platz nahm.

Neben Baumgartner, seit "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen" festes Crew-Mitglied, hatte der Schweizer Produzent für "Unruhige Töchter" auch Drehbuchautor Wolfgang Steinhardt nach seiner Mitwirkung beim Bénazéraf-Film ein weiteres Mal verpflichtet, um den "Quick"-Fortsetzungsroman "Unruhige Töchter" der Autorin Ilse Collignon für seinen ersten erotischen Farbfilm zu adaptieren. Der Handlungsort Bern schien angesichts der zuvor in Berlin und Hamburg angesiedelten Filme vordergründig provinziell, aber Baumgartner fing die Schweizer Hauptstadt mit großstädtischem Flair ein. Begleitet von der Schweizer Beat-Band „The Countdowns“, die bei einem Konzert auch im Bild ist und deren Musik den Film prägt, gelang es, das stylische 60er Jahre Feeling der Vorgängerfilme fortzuführen, kombiniert mit einer Farbgebung, die besonders bei der Garderobe von Hauptdarstellerin Brigitte Skay die gewollte Wirkung erzielte.

Die Story selbst bedeutete hingegen eine Abkehr vom bisher bevorzugten Gangster- und Prostitutions-Milieu und widmete sich jungen Frauen aus der bürgerlichen Mitte, die nicht mehr klaglos bereit waren, die für sie traditionell vorgesehene Rolle als Ehefrau und Mutter einzunehmen. „Unruhige Töchter“ war ein typischer Kolportage-Roman dieser Zeit, der die sozialen Veränderungen in Richtung Hedonismus und frei gelebter Sexualität unter Vorgabe eines angeblichen Realitätsanspruchs bewusst dramatisierte. Damit wurden gleichzeitig Sensationslust und aufkommende Ängste bedient, um diese durch die Beschränkung auf ein Einzelschicksal wieder zu beruhigen.

In Dietrichs Film wurde die im Mittelpunkt stehende Susanne (Brigitte Skay), cool „Sue“ genannt, zu einem entsprechend künstlichen Charakter hochstilisiert. Obwohl die 18jährige, damals noch minderjährige Schülerin kurz vor dem Abitur steht, lebt sie weit entfernt von ihren reichen, sie finanziell großzügig unterstützenden Eltern allein in einer mondän eingerichteten Wohnung und fährt täglich mit dem Sport-Coupé zur Schule. Außer ihren Klassenkameradinnen, mit denen sie sich regelmäßig trifft, existiert kein soziales Umfeld, dass zu ihrem selbstbestimmt, kessen Verhalten hätte Stellung nehmen müssen. So kommt es zu der außergewöhnlichen Situation, dass es die Schülerin ist, die ihren Lehrer zuerst mit ihren Besitztümern beeindruckt und dann verführt. Während die Ehefrau des sonst so pünktlichen Lateinlehrers zu Hause auf ihn wartet, lässt Sue ihn ans Steuer ihres Motorboots und cruist mit ihm durchs nächtliche Bern, bevor sie in einem angesagten Dance-Club zu Beat-Rhythmen eine Sohle aufs Parkett legen. Mit der Konsequenz, dass er danach sein kleinbürgerliches Leben satt hat und sich in seine Schülerin verliebt.

So irreal diese Konstellation auch wirkt, auf illegalen Sex zwischen Lehrer und Schülerin wollte sich der Film nicht einlassen, sondern nutzte die Szenerie nur dafür, um Sues kaltblütiges, strategisches Vorgehen zu demonstrieren. Dem verliebten Lehrer zeigt sie nach dem gemeinsamen Abend nur noch die kalte Schulter – für den Sex ist dagegen ihr Fotograf zuständig, dessen von ihr gemachten Aktaufnahmen sie nicht nur bereitwillig vorzeigt, sondern die auch ihren Einstieg ins Film-Business vorbereiten sollen. Ihm verdankt sie auch die gute Vorbereitung auf den älteren Regisseur (Ruedi Walter) ihres ersten Films, dessen Vorliebe für sehr junge Frauen noch durch deren jungfräuliche Zurückhaltung gesteigert wird. Kein Problem für Sue, die nicht lange dafür braucht, bis ihr der selbstverliebte Künstler aus den Händen frisst. Doch auch er ist nur Mittel zum Zweck, denn Sue will ganz nach oben - bis nach Hollywood.

Die Rolle der Sue bedeutete für die damalige Mittzwanzigerin Brigitte Skay den Durchbruch nach zuvor nur kleineren Rollen, legte sie aber auf den Rollentypus der verführerischen Schönen fest („Bengelchen liebt kreuz und quer“, 1968). In Dietrichs Film blieben ihre Nacktaufnahmen noch dezent, zudem begleitet von einem bewusst mädchenhaften Gestus, der wenig von der „Femme fatale“ an sich hatte, die die Handlung vorsah. Weder das Schicksal der Männer, die nur ihrem Ehrgeiz dienten, noch die Vergewaltigung ihrer lesbischen, ebenfalls in Sue verliebten Mitschülerin (Bella Neri) durch einen verklemmten Klassenkameraden, lassen Tragik aufkommen – immer bleibt die linear vorgetragene Story spielerisch leicht und ohne dramatische Wendungen. Sue tröstet ihre Freundin eben ganz auf ihre direkte, mitfühlende Art.

Ob Autor Steinhardt und Erwin C.Dietrich dem Kolportage-Charakter der literarischen Vorlage die Schärfe nehmen wollten, um sie Mitte der 60er Jahre als Erotik-Film auf die Kinoleinwand bringen zu können, bleibt spekulativ, aber sie trieben der Story damit erfolgreich den pädagogischen, warnenden Gestus aus. Die Figur der Sue ist so überhöht, dass sie weder als Vorbild, noch als abschreckendes Beispiel für junge Frauen dienen konnte. In Erinnerung bleibt ein jederzeit fröhliches, zunehmend sympathisches Mädchen, das reihenweise lächerliche Männer hinter sich lässt, ohne Schaden daran zu nehmen. Dass der griesgrämige Lateinlehrer sie am Ende durchs Abitur fallen lässt, spielt da schon keine Rolle mehr. (7/10)

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