Review

Die folgende Rezension könnte "Spoiler" enthalten!

Nach längerer Abwesenheit kehrt Marc (Sam Neil) zu seiner Frau Anna (Isabelle Adjani) nach Berlin zurück und muss feststellen, dass sich die Beziehung zu seiner Frau stark verändert hat. Sie verhält sich merkwürdig, ritzt sich den eigenen Körper auf, wirkt melancholisch und verstört. Ihr gemeinsames Kind bleibt von diesen Ereignissen nicht unangetastet. Zuerst scheint der ältere Heinrich (Heinz Bennent) für die Situation verantwortlich zu sein, da er Annas Liebhaber war. Marc versucht in der Folgezeit Heinrichs Adresse ausfindig zu machen, um sich mit ihm zu treffen. Bedauerswerterweise endet die Konversation der beiden Männer in Handgreiflichkeiten und der Erkenntnis, dass Annas Verhalten auf eine andere Ursache zurückzuführen sein muss, da sie Heinrich seit langer Zeit nicht mehr gesehen hat. Von nun an gewinnt das Phantastische immer mehr Einfluss auf den Plot des Films. Marc beauftragt einen Privatdetektiv, der die Aufgabe erhält, Anna zu beschatten. Die Spur führt den Ermittler in einen schäbigen Bau, nah der Berliner Mauer. In einer der Wohnungen haust eine schleimige Kreatur, die vermutlich Annas neuer Liebhaber darstellen soll und mit der sie auch sexuellen Kontakt hat…

"Possession" ist ein Film, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. Was macht Marc beruflich? Was hat es mit der Kindergärtnerin auf sich, die Anna zum verwechseln ähnlich aussieht? (Adjani in einer Doppelrolle) Wer ist der Mann mit den pinken Socken, mit dem Marc am Ende des Films konfrontiert wird? Aus diesen unbeantworteten Fragen ergibt sich ein äußerst kryptischer Film, der für Freunde des Mainstreams gänzlich ungeeignet scheint.

Ferner ist die Atmosphäre und Wirkungskraft des Films vor allem auf den hervorragenden schauspielerischen Leistungen gegründet (wie auch bei anderen Zulawski-Filmen). Adjani und Neil spielen sich an den Rand der Extase und Heinz Bennent überzeugt als exzentrischer „Guru". Die Szene, in der sich Neil und Adjani mehrere Minuten von Zorn erfüllt anschreien und schlagen, wird beim Zuschauer definitiv eine Wirkung hinterlassen. Andere Szenen, die zum Teil sehr blutig sind, tragen den Rest zur Verstörung des Zuschauers bei. Besonders gelungen betrachte ich noch das Finale des Films, das sogar recht viel „action" enthält.

Zulawski schuf "Possession" um die Scheidung von seiner langjährigen Ehefrau Malgorzata Braunek zu verarbeiten. Beide hatten sich 1971 bei den Dreharbeiten zu "Third Part of the Night" kennengelernt. Aus ihrer Ehe ging ein Sohn hervor, der heutzutage ebenfalls als Filmregisseur arbeitet.

Das im Ausland wohl bekannteste Werk dieses polnischen Ausnahmekünstlers, bestehend aus kryptischen Elementen, Blut und Phantastik wurde von vielen Sittenwächtern alles andere als positiv rezipiert. In Großbritannien landete „Possession" auf der berüchtigten „video nasty"-Liste; in Deutschland wartet man noch heute sehnsüchtigst auf die erste, offizielle Veröffentlichung.

Als großer Zulawski-„Fan" kann ich „Possession" jedem empfehlen, der sich auf ein außerordentliches Filmerlebnis einlassen möchte. Wie in vielen Werken Zulawskis stehen Liebe und menschliche Beziehungen auch im Zentrum dieses Films. Was wie eine klassische, konventionelle Liebesgeschichte beginnt, entfaltet sich innerhalb von zwei Stunden zu einem tiefgründigen Alptraum, der viele Facetten, Unklarheiten und Nebenplots aufsaugt und integriert. Anstatt alle Elemente zusammenzufügen entsteht vielmehr ein undurchdringliches Mosaik, das den Zuschauer auch nach dem Filmgenuss noch beschäftigen wird.

Ich werde diesen unvergesslichen Film niemals aus dem Herzen schließen. Er rangiert in meiner persönlichen Top 50 bis heute unangefochten auf dem ersten Platz. Noch nie war ich mir bei einer Bewertung so sicher:

Natürlich 10/10

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