Review

>>>>> ACHTUNG: hier wird gnadenlos GESPOILERT! <<<<<



Ich kann mich an keinen Film erinnern, der es mir so dermaßen schwer gemacht hat. Es geht dabei nicht um den Film an sich, an die gesehenen Bilder, an die Empfindungen dabei oder an das „Danach“, sondern um genau diese Rezension, Inhaltsangabe, Interpretation (bzw. der Versuch, einzelne Szenen zu entschlüsseln), Analyse, wie auch immer man es nennen mag. 

Was habe ich nicht schon alles gesehen, geschrieben und verarbeitet, aber POSSESSION hat mich in die Knie gezwungen. Es gibt Filme, die man nicht begreift, die man einfach nur wirken lässt, die man nicht unbedingt hinterfragt. Und es gibt POSSESSION, der mir wirklich alles abverlangt hat. Ich habe diesen Film nun schon 3x gesehen, habe Kritiken gemieden (auch das Bonusmaterial habe ich mir bis heute verkniffen) und bin somit völlig unvoreingenommen an diesen Film herangegangen. Nach der ersten Sichtung wusste ich, dass es eine harte Nuss wird, über diesen Film zu schreiben. Nach der zweiten Sichtung ging es mir nicht viel besser, allerdings machte so Manches plötzlich einen Sinn. Und auch nach der dritten Sichtung bin ich noch nicht vom selbst auferlegten Zwang befreit, diesen Film entschlüsseln zu wollen, auch wenn ich mich nach dem dritten „Trip“ wieder ein ganz klein wenig schlauer fühlte. Dieser Film beschäftigt mich seit Monaten (ich wollte bereits unmittelbar nach der VÖ im November 2009 über ihn schreiben) und wird es sicherlich noch eine ganze Weile tun. Vielleicht sollte ich mich mehr mit dem Regisseur befassen, andere Werke von ihm anschauen, um seine filmische Sprache vielleicht ein wenig besser zu verstehen. Vielleicht bringt mich das aber auch nicht weiter. Vielleicht sollte ich auch mit dem „cine-masochistischen“ Gehabe aufhören und es mir einfacher machen, indem ich alles aufsauge, was ich zu diesem Film finden kann. Hmmm, nö, will ich nicht, jedenfalls noch nicht. Ich möchte trotzdem versuchen, meine Gedanken und Eindrücke zu POSSESSION in Worte zu fassen.

In POSSESSION geht es um ein Ehepaar (Isabelle Adjani als Anna und Sam Neill als Mark), welches offensichtlich ein gewaltiges Kommunikationsproblem hat. Dies zeigt uns Zulawski gleich zu Beginn des Films, als Mark von einer Geschäftsreise zurück nach Hause kommt und es gleich wieder Spannungen zwischen den beiden gibt. Worum es geht, wird (noch) nicht erklärt. Mark scheint ein (Doppel-?)Agent zu sein, vor dem gemeinsamen Kind Bob spielt man heile Welt zwischen Mama und Papa, aber kurz darauf gehen die Spannungen zwischen den Eheleuten in die nächste Runde. Als beide im Bett liegen, „stichelt“ man sich gegenseitig mit unangenehmen Fragen und noch unangenehmeren Antworten. Bei ca. 00:03:30 fragt Anna Mark, was er genau jetzt fühlt. Mark fragt zurück, ob Anna das denn wirklich wissen will, was Anna verneint. Warum tut sie das? Ist ihr egal, was Mark fühlt? Oder will sie die Antwort aus Selbstschutz lieber gar nicht hören? Ich weiß es nicht, aber ich tendiere zur zweiten Möglichkeit, denn während sie seine Frage, ob sie das wirklich wissen möchte, verneint, sagt ihre Mimik etwas ganz Anderes.

Mark vermutet, dass Anna eine Affäre hat, was Anna aber (noch) nicht zugibt. Als Anna anruft (ab ca. 00:06:30), wird der Ton zwischen den beiden härter (Mark war vorher noch ruhiger und verständnisvoller) und seine Vermutungen bezüglich der Affäre verhärten sich. Nach dem Telefonat durchsucht er ihre Sachen, vor allem ihre Bücher, um einen möglichen Hinweis auf den von ihm vermuteten Nebenbuhler zu finden. Er ruft ihre beste Freundin Margie an, fragt sie, ob Anna eine Affäre hat, was Margie dann auch bestätigt. Es ist offensichtlich, dass Mark Margie nicht leiden kann, was er ihr auch am Telefonat sagt. Diese Abneigung zwischen den beiden ist aber möglicherweise nicht echt, ich werde später noch einmal darauf zurückkommen.

Als Anna wieder nach Hause zum Mann und ihrem Sohn kommt, stellt Mark ihr ein Ultimatum: Er ist bereit, ihr zu verzeihen, wenn sie die Affäre mit dem Unbekannten beendet. Wenn er bei ihr bleiben soll, dann soll sie ihren Lover anrufen und die Sache beenden. Anna besteht darauf, dass sie das nicht per Telefon machen kann, sondern es ihm persönlich sagen muss, was Mark aber überhaupt nicht verstehen kann. Als ich den Film zum ersten Mal gesehen hatte, wusste ich zwar, was für eine Art Lover Anna hat, aber ich habe auch nicht nachvollziehen können, warum Anna nicht einfach anruft. Nun ist klar, warum sie das von Mark verlangte Telefonat nicht führen kann......wenn Mark ihren Geliebten kennen würde, wäre es ihm auch klar, aber da Anna nicht den Grund nennt, warum dieses Telefonat nicht möglich ist, gibt es wieder einen heftigen Streit zwischen dem Ehepaar, welcher in einem hysterischen Anfall von Anna gipfelt (es sollen noch viele solcher Anfälle folgen). Als Anna danach fertig ist mit den Nerven und sich zum Schlafen ins Bett legt, deckt Mark sie dennoch liebevoll zu, er hat seine Frau immer noch nicht aufgegeben. Als Mark wieder aufwacht, ist Anna verschwunden, sie hat eine Notiz auf ihrem Kissen hinterlassen. Das Telefon klingelt und ein Unbekannter sagt, dass Anna bei ihm ist. Mittlerweile weiß Mark ja von Annas Freundin Margie, dass es tatsächlich einen Liebhaber gibt und er besorgt sich die Telefonnummer von Annas exzentrischem Lover Heinrich, entzückend dargestellt von Heinz Bennent. Er ruft Heinrich an, aber der ist lt. Aussage seiner Mutter (bei der er noch wohnt) nicht in der Stadt. Später stellt sich heraus, dass Heinrichs Mutter nicht gelogen hat, Heinrich war zu dem Zeitpunkt tatsächlich nicht in der Stadt, aber wer hat dann angerufen? Sollte es Annas heimlicher Geliebter gewesen sein? Das ist eigentlich unmöglich, da ihr Liebhaber ja nicht telefonieren kann (Anna konnte die Beziehung ja auch nicht mit einem Telefonat beenden und wir wissen, warum das nicht möglich ist). Dieser Anruf des Unbekannten fuchst mich wirklich, ich komme nicht dahinter, wer Mark angerufen hat.

Da Anna nur noch gelegentlich nach Hause kommt, um den Sohn Bob zu versorgen, bringt Mark Bob zum ersten Mal zur Schule. Vorher hatte Anna das getan. Mark war ja lange auf Geschäftsreise und schon am Anfang des Films sehen wir Mark bei seinen Auftraggebern, die ihn zu einem neuen Auftrag überreden wollen, was Mark aber mit der Begründung ablehnt, dass er mehr Zeit für seine Familie braucht. Und so bringt nun halt Mark den Sohn zur Schule. Als er Bobs Lehrerin zu ersten Mal sieht, fühlt er sich verarscht, denn die Lehrerin sieht genau so aus wie Anna (Doppelrolle), sie hat nur hellere Haare. Er reagiert dementsprechend, fragt, was denn die Perücke soll und ob es ein Scherz sei. Er zieht der Lehrerin leicht an den langen Haaren, diese reagiert aber ungewöhnlich sanft und verständnisvoll, lächelt, ist keineswegs erbost über sein Verhalten. Er entschuldigt sich, fragt die Lehrerin, ob sie seine Frau schon mal gesehen habe, was sie lächelnd bejaht (sie hat Anna natürlich täglich gesehen, wenn sie Bob zur Schule gebracht hat). 

Mark möchte wissen, wer sein Nebenbuhler ist. Er besorgt sich die Adresse von Heinrich und fährt zu ihm (bei ca. 00:21:45). Als er vor Heinrichs Tür steht und dieser ihm öffnet, ist Mark natürlich geladen und Heinrich gegenüber feindlich eingestellt. Heinrich reagiert (vorerst) ungewöhnlich, er bittet Mark in die Wohnung und beantwortet Marks Fragen zu ihrer Affäre überraschend offen und ehrlich. Heinrich ist ein Exzentriker, ein skurriler Typ, älter als Mark (nehme ich mal an), wie die Lehrerin ebenfalls in weiß gekleidet, das Hemd fast bis zum Bauchnabel geöffnet, sehr sprachgewandt (fast schon poetisch) und offensichtlich überdurchschnittlich gebildet. Man könnte den Eindruck haben, dass Heinrich bisexuell ist, so wie er sich bewegt, wie er Mark mustert, wie er redet, wie er Mark berührt und streichelt, was Mark nicht gerade angenehm ist. Mark muss sich wohl doppelt gedemütigt fühlen, nicht nur, weil Heinrich ihm geistig evtl. überlegen ist, sondern auch weil er beim folgenden Kampf zwischen den beiden unterlegen ist. Gegen Heinrich hat er keine Chance, Heinrich ist ein grandioser Fighter, was er beim Kampf unter Beweis stellt. Man beachte hier ganz besonders Heinrichs coole Pose kurz vor dem Tritt in Marks Gesicht bei etwa 00:24:36, hier musste ich zum ersten Mal grinsen .

Als Mark später wieder nach Hause kommt, trifft er dort auf Anna. Er fragt sie aus, will wissen, warum sie weg war, wo sie war etc. Anna verstrickt sich mit ihren Antworten in Widersprüche, sie kann Mark einfach nicht die Wahrheit sagen. Es folgt erneut ein heftiger Streit, Anna sagt Mark, dass sie von ihm angeekelt ist, dass er sie nicht berühren soll, sie wird hysterisch und schreit und kreischt, bis Mark sie verprügelt. Aber seine Schläge beeindrucken sie nicht wirklich. Er hört auf, nachdem sie ihm etwas sagt, was ihn tief verletzt haben dürfte. Sie verlässt das Haus, läuft auf die Straße und Mark folgt ihr. Anna scheint extrem verzweifelt zu sein, denn kaum ist sie auf der Straße, will sie sich vor einen nahenden Transporter werfen. In letzter Sekunde weicht sie aus, ein irrer Blick ist in ihren Augen zu sehen und sie läuft wie hypnotisiert weg. 
Warum wollte sie sich umbringen? Hält sie die Situation und den ständigen Streit nicht mehr aus? Wollte sie Mark bestrafen? Wollte sie Mark nur einen Moment lang Angst machen? Oder wollte sie nur testen, wie er in solch einer Situation reagiert? Ich weiß es nicht.

Als sich Anna immer seltener zu Hause blicken lässt, kommt Annas Freundin Margie Mark zur Hilfe, sie will sich ein wenig um Bob kümmern. Die Chemie zwischen Mark und Margie stimmt nicht, als Mark vorher schon mal mit ihr telefoniert hatte, um herauszufinden, ob Anna einen Liebhaber hat, war das schon klar. Beide sind zwar nett zueinander und reden in einem normalen Tonfall, aber es hagelt Sticheleien und fiese Sprüche. Man könnte meinen, die beiden verbindet eine Art Hassliebe. Zwischenzeitlich beauftragt Mark einen Detektiv, der herausfinden soll, wohin Anna immer verschwindet, wenn sie von zu Hause flüchtet. Als Mark abends wieder nach Hause kommt, liegt Margie im Ehebett (auf Marks Seite). Mark deckt sie zu, verlässt das Zimmer, kommt kurz darauf wieder rein und setzt sich neben Margie aufs Bett. Margie wird wach, schaut ihn an, legt ihren Kopf in seinen Schoß und umarmt ihn. Wie wir bereits wissen, mögen sich die beiden nicht. Wie kommt es, dass sie nun doch liebevoll miteinander umgehen? Lief da vorher schon etwas zwischen ihnen? Hatte Mark seine Frau Anna früher schon mit Margie betrogen? Oder dient der Körperkontakt zwischen den beiden lediglich dem menschlichen Grundbedürfnis nach Nähe? Wie weit die beiden gehen (ob sie anschließend miteinander schlafen) wissen wir nicht, der Regisseur lässt uns hier im Unklaren.

Eine weitere intensive Szene spielt in der heimischen Küche. Mark will Antworten von Anna, man sieht, dass ihn die Ungewissheit fertig macht und er ohne Antworten kaputt gehen wird. Reden möchte Anna nicht mit ihm, sie sagt ihm lediglich, dass sie Angst hat, dass er sie nicht mehr mögen könnte, wenn sie reinen Tisch macht. Das ist höchst verwunderlich, denn ihre Aussage bestätigt, dass sie wohl doch noch etwas für Mark empfindet, auch wenn es meist überhaupt nicht danach aussieht. Wie oft hat sie ihn schon abgewiesen, ist wortlos und wie in Trance zu ihrem Liebhaber geflüchtet, hatte sogar die Dreistigkeit, Mark anzurufen, während sie bei ihrem Lover war. Wie vorhin erwähnt, ekelt er sie an, zumindest hat sie ihn das wissen lassen. Und jetzt so ein Spruch. Nach allem, was bereits passiert ist, hätte ich nicht gedacht, dass es ihr (noch) wichtig ist, was er von ihr hält. Aber das ist auch das Einzige, was sie ihm sagt. Weitere Antworten gibt sie ihm nicht, zumindest nicht verbal, bei manchen Fragen nickt sie zumindest oder schüttelt den Kopf. Im Endeffekt ist Mark aber nicht schlauer als vorher. Sie sagt (oder nickt bejahend mit dem Kopf), als Mark sie fragt, ob sie glücklich ist. Auch hier steht ihre Antwort in krassem Widerspruch zu ihrer Körpersprache, denn sie sieht höchst unglücklich aus. Warum sagt sie ihm dann, dass sie glücklich ist? Will sie sich selbst und auch Mark gegenüber nicht eingestehen, dass sie alles andere als glücklich ist? Sagt sie das nur, damit er keine Schwachstelle bei ihr findet und weiter bohrt mit Fragen? Oder ist sie tatsächlich glücklich? Auch hier kann ich keine Antwort geben. Bei ca. 00:37:00 rastet sie dann wieder aus und diesmal geht sie sogar einen deutlichen Schritt weiter: Mit der elektrischen Säge, mit der sie eben noch das Fleisch zerlegt hat, schneidet sie sich in den Hals und es folgt erneut ein intensiver hysterischer Anfall. Wieder sehen wir, dass Mark noch sehr an seiner Frau hängt, denn er beruhigt und verarztet sie. Danach geht er zurück in die Küche, schnappt sich die elektrische Säge und schneidet sich seelenruhig 3x in den Arm. Warum tut er das? Ist es ein verzweifelter Versuch, seine Frau zu verstehen? Will er fühlen, was sie fühlt, um wenigstens noch eine Gemeinsamkeit mit seiner entfremdeten Frau zu haben, auch wenn es sich dabei um Selbstverstümmelung handelt? Während er schneidet, kommt Anna zurück in die Küche. Sie ist nicht entsetzt, als sie sieht, was ihr Mann sich angetan hat. Sie fragt ihn nicht, warum er das getan hat, sie sagt lediglich „Es tut nicht (mehr?) weh“ und er stimmt ihr zu. Was genau könnte sie damit gemeint haben? Ist es die Entfremdung, die ihr nicht mehr weh tut? Oder meint sie damit den Schnitt im Hals? Diese Aussage von ihr ist wieder einer von vielen doppel- bzw. mehrdeutigen Sätzen im Film, die es mir nicht leicht gemacht haben. Warum stimmt er ihr zu? Hat er beim Schneiden nichts gefühlt? Hat er Anna in diesem Moment aufgegeben? Das ist sehr unwahrscheinlich, wie sich im Laufe des Films noch herausstellt. Anna verlässt die Wohnung, Mark schaut ihr aus dem Fenster hinterher. Wir sehen einen Mann (bei ca. 00:39:40), der sich (nicht gerade unauffällig) an Annas Fersen heftet. Es ist ein Privatdetektiv aus der Detektei, bei der Mark vorher war, um die Beschattung seiner Frau in Auftrag zu geben. Die Kamera folgt den beiden, der Detektiv sieht, wie Anna in einem Supermarkt einkaufen geht und anschließend in die U-Bahn steigt (diese alten U-Bahnen fahren in Berlin auf manchen Strecken tatsächlich noch). Sie setzt sich neben einen Penner, obwohl der Waggon so gut wie leer ist. Der Detektiv folgt ihr und versucht, sich möglichst unauffällig zu verhalten (was ihm aber nicht unbedingt gelingt). Anna hat die Einkaufstüte auf dem Schoß, der Penner neben ihr schaut sie an und greift dann in ihre Tüte, um sich eine Banane zu nehmen, die er dann auch sofort verspeist. Anna zeigt dabei keine Reaktion, als wäre es ihr völlig egal, dass sich wildfremde Leute bei ihr bedienen. Auch diese Szene kann ich nicht deuten. Für den Film hat sie meiner Meinung nach keine Bedeutung, denn Anna wehrt sich nicht gegen den Bananendieb, sie schenkt ihm aber auch kein kurzes Lächeln o.ä., um ihm zu zeigen, dass es schon in Ordnung ist, wenn er sich eine Banane nimmt. Anna zeigt gar nichts, keine Aktion/Reaktion. Und ich weiß nicht, was ich mit dieser Szene anfangen soll. Soll diese Szene zeigen, dass doch noch Gutes in Anna steckt? Indem sie einen armen Mann gewähren lässt, auch wenn er sie bestiehlt? Wobei hier von Diebstahl im eigentlichen Sinn nicht die Rede sein kann, denn der Penner fixiert Anna genau, als er die Bananen aus der Tüte nimmt, eine Banane abreißt und die anderen zurück in die Tüte legt. Hat sie in dem Moment evtl. geschlafen? Da sie eine dunkle Sonnenbrille trägt, kann man das leider nicht erkennen.

Als sie wieder aus der U-Bahn steigt, folgt ihr der Detektiv bis zu dem Haus, zu dem Anna hin möchte. Das Haus steht in der Sebastianstraße in Kreuzberg und die Berliner Mauer ist nicht mal 10 Meter davon entfernt. Ich bin mir sicher, dass Zulawski dieses Haus nicht zufällig ausgewählt hat. Die Mauer ist so nah, dass man vom Dach aus mit ordentlichem Anlauf rüber in den Osten springen könnte. Aber warum genau dieses Haus, das so nah an der Mauer steht? Nimmt man es bildlich, könnte man sagen, dass dieses Haus (oder das, was sich darin verbirgt bzw. abspielt) „grenzwertig“ ist. Auf den letzten Metern vor dem Haus fangen beide an zu rennen, es ist offensichtlich, dass Anna bemerkt hat, dass sie verfolgt wird. Der Detektiv folgt ihr bis zur Wohnungstür, geht dann wieder runter und ruft aus einer Telefonzelle Mark an, um ihm die Anschrift des vermeintlichen Lovers seiner Frau zu geben. Anschließend isst er eine Currywurst und geht wieder ins Haus. Unter einem Vorwand verschafft er sich Zutritt zur Wohnung. Er sagt Anna, dass ihn die Hausverwaltung geschickt hat, da es wohl ein kaputtes Fenster in der Wohnung geben müsse, denn eine Frau, eine junge Türkin, wurde auf der Straße von herabfallendem Glas verletzt. Die folgende Aussage von ihm (bei ca. 00:44:10) hat mich wieder ordentlich schmunzeln lassen: Während er Anna vom Glas und der angeblich verletzten Frau erzählt, sagt er zu Anna, dass man sich jetzt sicher fragen könnte, was sie (also die junge Türkin) hier überhaupt zu suchen hat, aber er muss trotzdem der Sache auf den Grund gehen und die Fenster überprüfen. Hmmm...was hat eine junge Türkin in Kreuzberg zu suchen? Gibt es denn in Kreuzberg normalerweise keine Türken? Haha! In Kreuzberg wurde in den 70er Jahren der Döner erfunden, so viel dazu. Was hat sich Zulawski bloß bei diesem Spruch gedacht..... 

Der Detektiv hat Anna überredet, ihm den Zutritt zu gewähren und er betritt die Wohnung. Die Wohnung ist in schlechtem Zustand und es sind keine Möbel vorhanden. Lediglich im Schlafzimmer steht ein Stuhl und es gibt ein Bett, mehr nicht (später im Film sieht man in der Küche noch einen Kühlschrank). Er überprüft alle (natürlich unversehrten) Fenster und möchte abschließend noch das Badezimmerfenster überprüfen. Anna sagt ihm, dass es im Bad gar kein Fenster gibt (das ist nicht gelogen), aber er will sich nicht davon abbringen lassen. Anna möchte ihren Liebhaber schützen (der sich offensichtlich im Bad aufhält) und sieht ihre letzte Chance darin, den Detektiv zu verführen. Sie versucht sexy zu sein, lacht, bietet ihm Wein an, aber er lässt sich nicht davon abbringen. Das Lachen in Annas Gesicht ist nicht normal und während der Detektiv ins Bad geht (bei ca. 00:45:50), schmeißt sie die Weinflasche auf den Boden. Sie redet eher mit sich selbst als mit ihm, ihr Blick und das irre Grinsen lassen erahnen, dass sie etwas Schlimmes vorhat. Sie schnappt sich den abgebrochenen Flaschenhals und geht ins Bad, wo der Detektiv ungläubig auf Annas Lover starrt, der hier zum ersten Mal (teilweise) gezeigt wird. Anna sticht ihm mit dem scharfen Flaschenhals tief in den Hals und der Detektiv sinkt zu Boden. Wir wissen zuerst nicht, ob er diese Attacke überlebt, aber später wird sich herausstellen, dass er in der Wohnung gestorben ist.

Mark ist zu Hause, als es zwei Mal überraschend kurz hintereinander an seiner Wohnungstür klingelt. Zuerst kommt Bobs Lehrerin herein, sie möchte nach Bob gucken, der gerade in der Badewanne planscht. Als es das zweite Mal klingelt, ist Heinrich an der Tür. Er will wissen, wo Anna ist (bei ca. 00:48:00). Heinrichs Verhalten ist äußerst seltsam, er torkelt im Treppenhaus herum wie ein Besoffener, aber wenn er spricht, macht er einen nüchternen Eindruck. Bei dieser Szene fällt auf, dass die Lehrerin und auch Heinrich wieder komplett weiß angezogen sind (wenn ich mich nicht irre). Außerdem scheint es, dass diesmal Mark der Überlegene von beiden ist, denn Heinrich wirkt sehr verwirrt und verzweifelt, während Mark ihm gegenüber solide auftritt und Heinrich auch wissen lässt, dass er keine Angst mehr vor ihm hat. Man könnte fast meinen, dass Heinrich aus Sehnsucht nach Anna wie ein armes Würstchen rüber kommt, während Mark den Eindruck macht, dass er langsam über den Verlust seiner Frau hinweg ist, was vielleicht auch an der Anwesenheit der Lehrerin (sie trocknet Bob gerade im Badezimmer ab) liegen kann. Die Lehrerin bietet Mark ihre Hilfe im Haushalt an (sie putzt die Küche und wäscht ab), außerdem ist sie besorgt um Bob, da er beim Mittagsschlaf in der Schule oft schreiend aufwacht und nur schwer wieder zu beruhigen ist. Dieses Verhalten zeigt er aber wohl nur in der Schule, denn der Zuschauer hat solch ein Verhalten von Bob im Film bisher nicht gesehen und auch Mark sagt, dass Bob zu Hause noch nie schreiend aufgewacht ist. Die gegenseitige Zuneigung ist hier deutlich zu sehen, später umarmen sie sich und schlafen miteinander (bei ca. 00:53:30). Hier fällt auf, dass die Lehrerin links im Bett liegt (wie auch vorher schon Margie, Annas Freundin) und Bob rechts. Hat es eine Bedeutung, dass Mark sonst (also zusammen mit Anna, siehe Anfang des Films) links im Bett liegt? Und was meint die Lehrerin nach der gemeinsamen Nacht, als sie zu Bob sagt „Und du glaubst, du hättest die ganze Nacht richtig gelegen“? Meint sie damit seinen Platz im Bett? Hat ihre Aussage eine ganz andere Bedeutung? Oder gar keine? Auch hier bin ich immer noch am Grübeln.

Der von Mark beauftragte Detektiv fährt zum Haus in Kreuzberg, da sein Kollege nicht zu Hause aufgetaucht ist und sich auch nicht gemeldet hat. Er hatte sich vorher mit Mark getroffen und sich die Anschrift geben lassen. Beim Gespräch zwischen dem Detektiv und Mark stellt sich heraus, dass die beiden Detektive homosexuell sind und zusammen leben. Das ist insofern interessant, weil der getötete Detektiv sich nicht von Anna hat verführen lassen (als sie mit ihm Wein trinken wollte) und ihr gesagt hat, das er Kinder hat. Wenn ich mich nicht täusche, war nur von Kindern die Rede, nicht von einer Ehefrau. Der Detektiv fährt zum besagten Haus in Kreuzberg und findet eine offene Wohnungstür vor. Er betritt die Wohnung und sieht Anna, wie sie den Boden wischt. Sie scheint nicht überrascht wegen dem Eindringling zu sein, sie hat auch diesmal keine Ambitionen, ihn möglichst schnell wieder loszuwerden. Im Gegenteil, sie führt ihn zum Schlafzimmer und zeigt ihm ihren Liebhaber, das Tentakelmonster. Sie sagt, er/es wäre müde, weil er/es sie die ganze Nacht geliebt hat. Der Detektiv entdeckt die Leiche seines Freundes, zieht eine Waffe und schießt. Er schießt definitiv nicht Richtung Bett (also auf das Monster), sondern eher in Annas Richtung, aber er verfehlt sie (wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass er auch nicht wirklich auf Anna zielt). Das Monster scheint telepathische Kräfte zu haben, denn der Detektiv lässt die Waffe fallen und hält sich schmerzverzerrt die Hände an den Kopf. Anna nimmt die Waffe und feuert drei Schüsse auf den Detektiv ab. Vorher hat sie dem Detektiv noch gesagt, dass er/es noch immer unvollständig ist. Wenn man den Film bis zum Ende verfolgt, fällt einem auf, dass sich die Gestalt des Monsters im Laufe des Films ändert. Als man das Monster zum ersten Mal sieht (als der erste Detektiv es erblickt), sieht es von der körperlichen Statur ganz anders aus als in der Szene, wo der zweite Detektiv das Monster sieht. Und Annas Aussage, dass er/es immer noch unvollständig ist, lässt in Zusammenhang mit den erwähnten telepathischen Kräften des Monsters erahnen, wie der Hase läuft: Anna ist wohl besessen von diesem Monster, es hat sie voll im Griff und zwingt sie offenbar, Menschen zu töten, damit das Monster eine Art Metamorphose durchleben kann. Was am Ende der Verwandlung dabei heraus kommt, erwähne ich später noch. 

Anna wird wahnsinnig. Als sie mit Mark zu Hause ist, will er testen, ob die beiden es wenigstens noch schaffen, nebeneinander auf der Couch zu sitzen. Das tun sie auch und diesmal hat Anna einen gewaltigen Redebedarf, sie erzählt ihm von 2 Schwestern, die sich in ihr gegenseitig bekämpfen und es fiel mir verdammt schwer, ihren Äußerungen zu folgen (Mark ging es sicher nicht anders). Man sieht Anna, wie sie Gottes Hilfe sucht, denn in einer Einstellung steht sie direkt vor einem großen Jesus-Kreuz, sie schaut fragend und flehend nach oben (diese Szene wird aus Jesus’ Perspektive gefilmt, also von oben) und wimmert dabei immer lauter. In ihren Augen ist so viel Verzweiflung und Traurigkeit zu sehen, dass es mich wirklich berührt hat. Ich gehe davon aus, dass sich Karim Hussain für eine Sequenz in SUBCONSCIOUS CRUELTY stark von dieser Szene inspirieren lassen hat. 

Ab ca. 01:11:50 folgt eine Szene, die sich danach als Flashback entpuppt und eine Fehlgeburt darstellen soll. In diesem Flashback zeigt uns Zulawski Isabelle Adjani in einer der beeindruckendsten Szenen, die ich jemals gesehen habe:
Anna läuft durch einen U-Bahn-Tunnel (warum der Boden überall nass ist, kann ich mir nicht erklären, das hat vielleicht ästhetische Gründe) und hat eine Einkaufstüte in der Hand. Sie hat einen total irren Blick drauf und lacht wie eine Geisteskranke, während sie durch den Tunnel torkelt. Sie fängt an zu kreischen, schmeißt sich gegen die Wände, rollt auf dem Boden umher (vielleicht war deshalb der Boden nass, damit sie dreckiger aussieht) und bringt eine unglaublich wahnsinnige Performance, die man gesehen haben muss. Ich hab keine Ahnung, wie Zulawski es geschafft hat, sie zu solch einer Leistung zu bringen, aber diese Szene bleibt für immer unvergesslich. Meine Güte, die Adjani kann wirklich gruselig aussehen! Aber auch wie ein Engel, wenn man mit anderen Szenen aus dem Film vergleicht. Irre, einfach irre, was sie sich zugetraut hat. Nach dieser Performance muss die Frau total fertig gewesen sein. Wer hat noch mal gesagt, dass sich Laura Dern in INLAND EMPIRE auf beeindruckende Weise durch den Film schreit und heult? OK, das tut sie auch, aber in Isabelle Adjani sollte sie ihre Meisterin gefunden haben. 
Am Ende dieser Szene kniet Anna auf dem Boden, eine galleartige Flüssigkeit läuft aus ihrem Mund, Blut aus ihren Ohren und sie sitzt wie ein Häufchen Elend im eigenen Saft. 

Bei ca. 01:18:00 gibt Mark Heinrich die Adresse vom Haus in Kreuzberg und Heinrich fährt auf seinem Motorrad hin (wieder bzw. immer noch ganz in weiß gekleidet). Er trifft Anna in der Wohnung und will umgehend mit ihr schlafen. Als er das Monster sieht, hält er es für einen Witz (zumindest sagt er das), kriegt dann aber die telepathischen Kräfte zu spüren und erblindet kurzzeitig. Kurz darauf sticht ihm Anna ein Messer in die Brust (nicht tödlich), er flieht aus der Wohnung und Anna zieht sich aus, wahrscheinlich wird sie nun mit dem Monster schlafen. Heinrich ruft Mark an, Mark fährt daraufhin zum ersten Mal zur Wohnung, trifft dort aber weder auf Anna noch auf das Monster. Dafür findet er Leichenreste im Kühlschrank und flippt aus. Er fasst einen Plan, stellt den Gasherd an und verlässt die Wohnung, um sich mit Heinrich am vereinbarten Treffpunkt, einer Kneipe ganz in der Nähe, zu treffen. Heinrich hat sich auf dem Kneipenklo versteckt, er blutet stark und ist total verstört, kann nicht fassen, was er gesehen hat. Er möchte Anna helfen, weiß aber nicht wie. Es ist erstaunlich, dass er immer noch Gefühle für Anna hat, nachdem er gesehen hat, dass sie mit einem Monster Sex hat. Er muss von ihr besessen sein, wie auch Mark von ihr besessen ist....und wie Anna vom Monster besessen ist. Mark lockt Heinrich aber in eine hinterhältige Falle, schlägt ihn bewusstlos und steckt anschließend seinen Kopf in ein verstopftes Klo, damit Heinrich ertrinkt. Danach geht er wieder zur Wohnung, spielt den MacGyver (Gas + Tauchsieder) und sprengt die Wohnung. Er schnappt sich Heinrichs Motorrad, fährt nach Hause und trifft im Fahrstuhl auf die stark blutende und schwer verletzte Margie. Anna wollte sie umbringen, weil Margie das Monster töten wollte. Offenbar ist Anna (wie auch immer) mit dem Monster zu sich nach Hause gefahren, weil es zu gefährlich wurde, in der Wohnung in Kreuzberg zu bleiben. Anna ist noch in der Wohnung, sie ist plötzlich wie verwandelt, sie wäscht Mark, ist sanft zu ihm, küsst ihn, berührt ihn (und zwar genau auf die Art, wie Mark vorher im Film Anna und dem gemeinsamen Sohn Bob berührt hat) und will mit ihm schlafen. Sie vereinbaren, dass Mark die Leiche von Margie verschwinden lässt und sie sich später in Margies Wohnung treffen, dem einzigen sicheren Ort, der ihnen geblieben ist. Mark steckt Margies Leiche in eine halbtransparente Kunststofftasche (z.B. für Bettdecken) und verstaut sie in seinem Kofferraum. Anschließend telefoniert er noch mit Heinrichs Mutter, ein bizarres Telefonat, denn Heinrichs Mutter weiß inzwischen vom Tod ihres Sohns (sie hat die Leiche auf der Kneipentoilette gesehen und identifiziert), aber sie vermisst seine Seele. Sie bittet Mark, für sie herauszufinden, wo Heinrichs Seele geblieben ist und er verspricht ihr, sich darum zu kümmern. Er fährt Bob zur Lehrerin und dann zu Margies Wohnung, wo er Anna und ihren schleimigen Liebhaber beim Sex sieht (bei ca. 01:42:10). Anna liegt unten und das Monster hat sie mit seinen Tentakeln regelrecht eingewickelt, es gibt für Anna kein Entkommen. Mark beobachtet die beiden, ist schockiert und fasziniert zugleich. Als Anna bemerkt, dass Mark sie beobachtet, wirkt sie nicht überrascht, sie versucht auch nicht, sich aus dieser pikanten Situation zu lösen, sondern macht einfach weiter. Dabei schaut sie Mark an und wiederholt sehr oft das Wort „almost“. Ich habe lange überlegt, was dieses „beinahe“ oder „fast“ in diesem Kontext bedeuten soll. Meint sie damit, dass sie fast gekommen wäre, wenn Mark nicht reingeplatzt wäre? Oder ist sie kurz vor dem Höhepunkt? Bezieht sich dieses „almost“ vielleicht gar nicht auf etwas Sexuelles? Meint sie damit vielleicht, dass Mark sie beinahe noch hätte retten können? Oder dass sie beinahe noch die Monster-Affäre beendet hätte? Sieht sie evtl. ihren Tod kommen? Wieder eine offene Frage mehr.

Mark fährt zu Heinrichs Mutter, aber er kann ihr nicht sagen, wo Heinrichs Seele ist (wenn ich das richtig verstanden habe, braucht das Monster menschliche Seelen, um die besagte Metamorphose erfolgreich abschließend zu können). Sie hat anscheinend auch einen übernatürlichen Sinn, denn als sie Mark zum ersten Mal sieht, sagt sie, dass er den Tod bringt. Und damit hat sie in doppelter Hinsicht recht, denn Mark hat nicht nur ihren Sohn umgebracht, er hatte auch vor, seine Mutter umzubringen, was er ihr gegenüber auch nicht verschweigt, gleichzeitig aber erwähnt, dass er sie jetzt nicht mehr töten will. Das muss er auch gar nicht, denn Heinrichs Mutter nimmt die Sache selbst in die Hand und nimmt eine Überdosis Tabletten, bevor sie sich auf ihr Bett legt und der Welt entgleitet. 

Mark will Anna vor der Polizei schützen und ihr zur Flucht verhelfen, doch die Polizei ist ihr schon auf den Fersen und steht vor der Haustür (ich nehme an, dass es sich hier um Margies Haus handelt, eine Außenaufnahme hat man zuvor nicht gesehen). Er hat den nächsten tollkühnen Plan, wie er die Polizei in letzter Sekunde ablenken und Anna die Flucht ermöglichen kann, aber sein Plan geht schief, er wird angeschossen, flieht auf einem Motorrad und hat kurz danach einen Unfall (der allerdings aussieht, als wäre er absichtlich herbeigeführt). Er schleppt sich schwer verletzt in ein unbekanntes Haus und schleift sich die imposante Wendeltreppe empor. Als er fast ganz oben ist, hört er, wie jemand ins Haus kommt und er erkennt Anna in Begleitung einer weiteren Person. Als Anna bei ihm angekommen ist, fragt Mark sie, wie sie ihn gefunden hat (dieses Haus mit der markanten Wendeltreppe taucht als Motiv an dieser Stelle des Films zum ersten Mal auf). Sie antwortet „Wie hätte ich dich nicht finden können?“. Man sieht nun auch Annas Begleitung, einen Mann, der Mark vom Aussehen her völlig gleicht (Doppelrolle). Anna sagt Mark, dass sie „es“ ihm zeigen wollte, weil es jetzt fertig ist. Damit meint sie das Monster, die Verwandlung ist abgeschlossen, das Monster hat ein menschliches Aussehen. Bleibt noch zu klären, wie Anna Mark in diesem fremden Haus irgendwo in Berlin finden konnte. Liegt es evtl. am Monster? Kann das Monster jeden, der es gesehen hat, wieder auffinden? Oder sind vielleicht irgendwelche übernatürlichen Kräfte durch den Sex vom Monster auf Anna übergegangen und Anna hat jetzt so eine Art eingebautes Navigationssystem? Ich hab keine Ahnung.

Mark will Anna erschießen (auch hier sieht man deutlich, dass er nicht wirklich auf Anna zielt), aber verfehlt sie. In diesem Moment betritt die Polizei das Gebäude und schießt von unten auf Anna und das äußerlich menschlich gewordene Monster. Während Anna getroffen zu Boden sinkt, zuckt das Monster nicht mal mit der Wimper, es ist anscheinend unverwundbar. Die schwer verletzte Anna zieht sich mit letzter Kraft auf Mark, gibt ihm einen letzten Kuss und schießt sich dann selbst in den Rücken. Mark rafft seine letzte Kraft zusammen und stürzt sich über das Geländer in die Tiefe und somit in den sicheren Tod. Am Ort des Geschehens taucht nun auch wieder dieser mysteriöse Mann mit den pinkfarbenen Socken auf. Da Mark zu Beginn des Films, als er einen weiteren Job seiner Familie zuliebe ablehnt, gefragt wird, ob das Subjekt immer noch pinkfarbene Socken trägt und sich Mark später im Film mit diesem Mann trifft, gehe ich stark davon aus, dass Mark als Doppelagant arbeitet. Nun ist nur noch das Monster übrig, es steigt die letzten Stufen des Treppenhauses hoch, wo es auf eine Mieterin trifft, die vor ihrer Wohnungstür steht und das Geschehen beobachtet hat. Das Monster nutzt seine telepathischen Kräfte, um die Mieterin dazu zu bringen, auf die ihn verfolgenden Polizisten zu schießen. Sie verhilft dem Monster dann auch noch zur Flucht, indem es per Räuberleiter auf ihre Schultern klettert und dann durch eine Dachluke verschwindet. Betrachtet man diese Einstellung sinnbildlich, könnte man meinen, das Monster steigt in den befreienden Himmel empor.

Bob ist noch bei seiner Lehrerin zu Hause. Als es an der Tür klingelt, möchte er nicht, dass die Lehrerin die Tür öffnet, was sie nicht verstehen kann, schließlich könnte es ja sein Vater sein, der ihn abholt. Aber Bob besteht darauf, er hat Angst davor, dass sie die Tür aufmacht und flüchtet ins Bad, wo er in die volle Wanne springt, sich auf den Bauch legt und tot stellt (oder einfach nur die Luft möglichst lange anhält, wie er es vorher im Film schon gemacht hat). Die Lehrerin ist ganz in weiß gekleidet und durch die halbtransparente Haustür sieht man das Monster vor der Tür stehen, es scheint die Tür zu streicheln und ist ebenfalls ganz in weiß gekleidet. Die Lehrerin steht wie paralysiert vor der Tür, man sieht nun deutlich ihre grünen Augen (Anna hatte blaue Augen). Diese letzte Einstellung wird mit einem Sounddesign unterlegt, das an Chaos, Blitze, Bombenexplosionen und Sirenen erinnert, aber nach kurzer Zeit mit zarten Klavierklängen vermischt wird.

Was für ein Film! Vor allem in den letzten Minuten überschlagen sich die Ereignisse regelrecht, ich musste alle paar Sekunden die Pausentaste drücken, weil ich mit den Notizen gar nicht mehr hinterher kam. 

Was bleibt am Ende auf der Habenseite übrig? Ich fasse mal zusammen:

- Mark und Anna wurden ausgetauscht. Das Monster hat Marks Aussehen angenommen und Anna wurde durch die Lehrerin ersetzt. Am Ende kommen in der Wohnung der Lehrerin alle wieder zusammen. Ende gut, alles gut? Auf keinen Fall. Der arme Bob...

- Das verwandelte Monster und auch die Lehrerin sind komplett in weiß gekleidet. Weiß steht für die Unschuld (das Reine), aber unschuldig sind beide nicht. Warum hat Zulawski den beiden schneeweiße Kleidung verpasst? Ganz sicher nicht ohne Grund. Will er uns verwirren? Das ganz bestimmt. Aber warum ausgerechnet weiße Kleidung? Mark und Anna streiten sich im Film fast ununterbrochen, sie finden nicht mehr zueinander, von Harmonie keine Spur. Nachdem beide durch die Hölle gegangen sind, finden sie am Ende wieder zueinander. Es sind zwar nicht dieselben Menschen, aber äußerlich wirken sie so. Und man kann sich vorstellen, dass beide gut miteinander klar kommen werden. Wie es Bob dabei ergehen wird, ist eine andere Frage. Hat die permanente Spannung zwischen Mark und Anna die Wirkung einer Katharsis? Tragen die beiden aufgrund dieser Reinigung die weiße Kleidung? Allerdings steht in manchen Kulturen die Farbe Weiß für den Tod. Sind aus Mark und Anna Todesengel geworden? Werden sie Bob töten? Oder ihn verwandeln? Außerdem steht „das weiße Gewand“ (also weiße Kleidung) in manchen Religionen für die Erlösung, d.h. die Erlösten sind in weiß gekleidet. Sind Anna und Mark am Ende des Films erlöst? Das wage ich zu bezweifeln, wenn aber meine These mit der erwähnten Katharsis stimmen sollte, kann man die beiden Hauptprotagonisten durchaus als „erlöst“ bezeichnen, vielleicht erlöst von menschlichen/irdischen Qualen. Was es mit der Farbwahl (nun ja, Weiß ist ja eigentlich keine Farbe) auf sich hat, möchte ich gerne noch herausfinden.

- Was genau hat es mit dem Mann mit den pinkfarbenen Socken auf sich? Wie ich bereits erwähnt hatte, bin ich der Meinung, dass Mark als Doppelagent tätig war. Anscheinend sollte er den besagten Mann beschatten, aber später sieht man, wie er sich mit diesem Mann trifft und es drängt sich der Verdacht auf, dass Mark auch für ihn arbeitet bzw. arbeiten könnte. Mark hat ein doppeltes Spiel gespielt, er hat für zwei gegnerische Seiten gearbeitet. Mir ist noch aufgefallen, dass wir ab und zu ostdeutsche Grenzsoldaten sehen, die mit einem Fernglas rüber schauen und in einer Szene sieht es so aus, als ob sie direkt in Marks Wohnung gucken. Als ob auch er beschattet wird. Anna hatte ebenfalls ein Doppelleben, einerseits Mutter und Ehefrau, andererseits eine Frau mit einer höchst sonderbaren sexuellen Vorliebe. Wobei ich daran zweifle, dass sie aus freiem Willen Sex mit dem Monster hatte, sie wurde sicher durch die telepathischen Kräfte manipuliert, Sex mit dem Monster zu haben und Menschen zu töten, damit sich das Monster mit dem Fleisch der Opfer und deren Seelen in ein menschenähnliches Wesen verwandeln kann (und dann....sein Unwesen auf der Erde treibt?).

- Wie und wo hat Anna eigentlich das Monster kennen gelernt, wie haben sich die beiden getroffen? Anfangs dachte ich, dass das Monster vielleicht nur in ihrer Phantasie existiert, dass das Monster lediglich eine Metapher ist, aber das kann nicht sein, denn Heinrich, Mark und die Detektive haben das Monster ja auch mit eigenen Augen gesehen.

- Interessant ist auch der Titel des Films, der mehr hergibt, als ich zuerst dachte. POSSESSION hatte ich bisher nur mit „Besessenheit“ übersetzt, aber lt. leo.org bedeutet es auch „Beherrschung“ und „Besitz“. Wobei beim „Besitz“ lediglich die Sachherrschaft, aber nicht das Eigentum gemeint ist. Diese Bedeutungen kann man durchaus auf die Protagonisten im Film übertragen: Das Monster „besitzt“ Anna, lässt ihr aber gewisse Freiheiten, es sieht Anna offenbar nicht als „Eigentum“, es „beherrscht“ Anna nur. Mark und Heinrich sind von Anna „besessen“, sie wollen sie „besitzen“, sie verlieren oftmals die „Beherrschung“, sie verlieren Anna.


Ich glaube, ich habe mich bisher mit keinem anderen Film so intensiv auseinandergesetzt und dabei bis an meine Grenzen gegangen, was für mich eine neue Erfahrung war. Das allein reicht schon aus, um dem Film die Bestnote zu geben. BILDSTÖRUNG hat erneut eine wunderbare VÖ gebastelt, hier ist alles, aber auch wirklich alles auf höchstem Niveau. Dafür ein extra breites D---A---N---K---E .

Ich werde mir den Film noch mal anschauen, bestimmt sogar mehrfach. Und das Bonus-Material studieren. Und andere Kritiken lesen. Ich muss nur aufpassen, dass es nicht in einer POSSESSION endet.</span>

Details
Ähnliche Filme