Das Ehepaar Anna (Isabelle Adjani) und Mark (Sam Neill) hat sich auseinandergelebt - ständiges Streiten ist an der Tagesordnung. Mark, der schon wegen ihres gemeinsamen kleinen Sohns die Ehe retten will, verdächtigt seine Frau, einen Liebhaber zu haben. Seine diesbezüglichen Recherchen, in die er auch Detektive einbindet, stellen sich als richtig heraus, der Liebhaber ist allerdings eine tintenfischartige Kreatur, die von Anna mit allen Mitteln bis hin zum Mord verteidigt wird...
Possession, Anfang der Achtziger von Andrzej ?u?awski im seinerzeit noch geteilten Berlin gedreht, ist ein höchst authentisch abgefilmtes Ehedrama mit einigen Thriller-Zutaten sowie einer Messerspitze Horror. An dieser winzigen Portion Horror jedoch scheitert meiner Ansicht nach dieser mit erkennbar viel Herzblut gedrehte Film, der mehr Fragen aufwirft als er beantwortet. Mit dem erstmaligen Auftauchen der schleimigen Kreatur dreht der Film zunehmend ins Surrealistische ab, um dann in den letzten 10 Minuten, in denen sich die Ereignisse geradezu überschlagen, noch ein paar Action-Elemente einzubauen, die den bisher schon eher staunenden Zuseher vollends verwirren.
Die beiden Hauptdarsteller gehen in ihrer Performance bis an ihre Grenzen - unglaublich intensiv, was die Französin Adjani und der Neuseeländer Neill hier abliefern. Gekonnt und in jeder Szene authentisch offenbaren sie ihre Gefühlswelt, sie schreien, schwitzen und bluten, sie leiden, lügen und freuen sich, es gibt kaum eine Facette der menschlichen Ausdrucksform, die hier nicht dargestellt wird - streckenweise fühlt man sich an eine Bewerbung an einer hochgestochenen Filmakademie erinnert: Einfach unfassbar intensiv beispielsweise die Szene mit der Fehlgeburt, in der Anna in einer dreckigen Unterführung zunächst einen ekstatischen Tanz aufführt, sich dabei schreiend am Boden wälzt, um schlußendlich völlig erschöpft auf die Knie zu sinken, während aus allen Körperöffnungen die Säfte strömen... nicht minder intensiv der eher ordnungsliebende Mark, der sich mit dem elektrischen Tranchiermesser selbst Schnitte beibringt, um deren Wirkung auszuprobieren und der am Ende schon selbst angeschossen Blut spuckt und dennoch die Ruhe hat, auf seinen Doppelgänger zu zielen und den gemeinsamen Suizid durch Herunterspringen in einem Treppenhaus zu vollziehen... Auch Heinz Bennent als leicht tuntiger, abgehobener Nebenbuhler Heinrich spielt seine Rolle überzeugend - was für ein Ende, in der Toilette ersäuft zu werden...
Ein besonderes Lob verdienen sich auch die Kameraarbeit und das Setting: Herrlich abgefuckt die Location eines scheinbar verlassenen alten Hauses in unmittelbarer Nähe zur Berliner Mauer, dessen völlig zerschlissene Tapeten, die alten Bretter des Holzfußbodens, davor fast menschenleere Straßen, eine fahrbare Imbißbude, hier wohnt Anna seit Kurzem, hier kann sie ihr Geheimnis verstecken, hier kommt ihr niemand ungestraft zu nahe. Im Gegensatz dazu die sauber aufgeräumte bisherige gemeinsame Wohnung mit dem hellblauen Ami-Schlitten davor, eine Wohngegend, in der Mark seinen Sohn aufwachsen lassen möchte - viel größer können die Unterschiede nicht sein im geteilten Berlin. Possession ist an keiner Stelle Hochglanzkino, die geschilderten Kulissen dienen nur als wirkungsvoller Hintergrund für die reichlichen Close-Ups auf die Gesichter der (Haupt-)Darsteller, die diesen Film prägen. Die hervorragend geführte Kamera variiert hierbei jedoch: auch ungewohnte Blickwinkel von oben im Treppenhaus, von direkt am Boden, von der anderen Straßenseite etc. schaffen immer wieder eine Atmosphäre der Nähe und Direktheit: Man kann den schmutzigen Staub fast schmecken...
Was mir allerdings weniger gefiel, ist eine schnitttechnische Besonderheit, diverse Szenen vor ihrem logischen Ende zu kappen. Beispielsweise bei der geschilderten Fehlgeburt, aber auch bei anderen Gelegenheiten erfolgt bei teilweise laufendem Score ein harter Schnitt auf die nächste Szene. Diese Cuts haben storytechnisch keine Bedeutung und stellen auch keine selbstzensurierenden Abblendungen dar - sie scheinen ein reines Stilmittel zu sein. Warum gönnt man dem Zuseher nicht die wenigen Sekunden, um die Szene logisch abzuschließen?
Auch zum großen Finale, bei dem man mächtig aufs Tempo drückt, hätten ein paar wenige Minuten mehr dem Film gut getan: Beispielsweise die Ablenkung der Polizisten mit dem Rammen, die Schießerei, auch die geschrotteten Autos hätten sich etwas mehr Screentime verdient, erst recht Marks Flucht auf dem Motorrad mit der sehenswerten Kamerafahrt durch die Berliner Hinterhoftore hätte durchaus länger ausfallen können.
Wie schon angedeutet, läßt Possession extrem viel Spielraum für Interpretationen. Die bekannteste ist die Aufarbeitung der eigenen Ehekrise durch den Regisseur. Weiters können viele Begebenheiten als Projektionen, Wunschträume und somit reine Fantasieprodukte der Beteiligten erklärt werden. Trotz allem aber bleibt die Frage, was das - physisch greifbare - Monster in dieser Geschichte zu suchen hat. Weiter oben schrieb ich, daß der Film daran scheitert - denn auch wenn alles andere zumindest irgendwie nachvollziehbar ist, ein glibberiges Monster (handwerklich übrigens absolut solide dargestellt), das nur in wenigen Einstellungen gezeigt wird, das sich vom Tintenfisch zu einem Menschen entwickelt (wie?) und am Ende als unverwundbarer Doppelgänger von Mark auftritt (mit welchem Ziel?), hinterläßt in diesem kulissentechnisch sehr geerdeten Film nur Fragezeichen. Ich habe mir überlegt, ob Possession auch ohne Monster funktionieren würde, beispielsweise wenn der geheimnisvolle Liebhaber ein normaler Mensch wäre, der nur abgeblendet oder im Gegenschnitt gezeigt wird - zumindest würde dann dieser vollkommen surrealistische Einfall mit dem Tintenfisch für weniger Verwirrung sorgen. Wahrscheinlich aber ist der am Cover beworbene plakative Satz "It´s about a woman fucking an Octopus!" zentraler und damit unverzichtbarer Bestandteil der grundsätzlichen Filmidee gewesen, um den herum sich dann erst alles andere langsam aufgebaut hat. Das allerdings fände ich wiederum schade, denn "It´s about a woman fucking an Octopus!" würde die hervorragenden schauspielerischen Leistungen auf ein paar Sekunden, in denen Adjani nackt unter den rotglänzenden Tentakeln des Monsters zu sehen ist, reduzieren. Ob das Sinn und Zweck war?
Obgleich sich ein Autorenfilm wie Possession mit seinen ganzen surrealistischen Einschüben wenig dafür eignet, muß ich als Thriller-Liebhaber dennoch ein paar dezente Logiklöcher hinterfragen: Welchen Sinn (außer gesteigerter Dramaturgie) hatten die Action-Szenen ganz am Schluß, wieso kann der Taxifahrer, der so bereitwillig den Polizeiwagen gerammt hat sich ohne eine Schramme davon machen, wieso explodieren zwei Autos, als der blaue Ami-Schlitten aus der Einfahrt herausfährt und welchen Sinn machte das Shoot-out in derselben Szene? Und schließlich, ebenfalls am Schluß, wie können die unvermittelt losschießenden Polizisten mit ihren MP-Salven in einem Stiegenhaus mit Wendeltreppe vom Erdgeschoß aus in mindestens dem dritten Stockwerk in die Außen(!)wand desselben treffen? Wieso macht eine x-beliebige Mieterin dieses Hauses dem zum Doppelgänger von Mark mutierten Monster ohne Weiteres die Räuberleiter, und wohin führt diese dann? Was geschieht in der allerletzten Einstellung, als Sirenen und andere Geräusche ertönen, Sekunden bevor das Doppelgänger-Paar(!) friedlich zusammenzukommen scheint?
Selten habe ich einen Film gesehen, bei dem die darstellerischen Leistungen so unzweifelhaft hervorragend waren, dessen Story mich aber schlichtweg unbefriedigt zurückließ. Trotz des intensiven Spiels fühlte ich keine Sekunde Empathie oder irgendwelche Verbundenheit mit den Protagonisten, zu abgedreht und überdreht stellt sich mir dieses Ehedrama dar. Der ambivalente Schluß, der jede Menge Raum für Spekulationen bereithält, tut ein Übriges - Unterhaltung, selbst im weitesten Sinne des Wortes, bedarf einer greifbaren Logik, die ich bei Possession weitgehend vermisse. So folge ich meinem Bauchgefühl und gebe diesem verstörenden Stück Arthouse-Kino eine ehrliche, wenngleich leider weniger gute Bewertung. 4 Punkte.