In Zeiten, in denen die Filmstudios mit exzessiven Tentpole-Strategien Franchises zu unüberschaubaren Filmuniversen verknüpfen, um auf diese Weise selbst zu Giganten zu mutieren, denkt man wehmütig an die kleinen Produktionsstudios aus der Videozone der frühen 90er Jahre zurück – beispielsweise an Charles Bands Full Moon Entertainment, das mit kleinen, autarken, mechanisch simplen Produktionen eine spezielle Klientel ansprach und eher durch seine Machart als durch inhaltliche Querbezüge Serienbildung betrieb. Megalomanie wurde durch den Fokus auf das Phantastische und Übernatürliche zwar stets behauptet, nie jedoch real verkörpert – dazu waren die Mittel zu begrenzt, das „B“ vor dem „Movie“ zu groß.
„Doctor Mordrid“ allerdings ist die inoffizielle Verfilmung ausgerechnet einer Comicfigur aus dem Hause Marvel, das inzwischen zum größten Planetenfabrikanten Hollywoods aufgestiegen ist und im Zuge dessen den Charakter des Doctor Strange als Original selbst mit einer Verfilmung auf Blockbuster-Niveau beehrt hat – was angesichts der unzugänglichen Fantasy-Anlage nur möglich war, weil „handfestere“ Helden wie Iron Man, Spider-Man oder DC-Konkurrent Batman die Bereitschaft des Publikums gewonnen haben, sich auf jeden Hokuspokus einzulassen, wenn er nur irgendwie in das liebgewonnene Superheldenuniversum eingebettet wird.
Als prähistorische Erbbegünstigte der heute bekannten Marvel-DNA trägt die vorliegende Full-Moon-Produktion, obgleich sie nicht einmal ansatzweise mit der gleichen Intention wie ein „Doctor Strange“ realisiert wurde, von Natur aus die Absicht zur Bildung eines Universums in sich. Auch wenn der kleine Rahmen (74 Minuten Spielzeit!) und einige intime Dialoge in verschrobener Umgebung (etwa in Pyjamas auf dem Hausflur einer Miethausebene) typische Full-Moon-Elemente darstellen, so ist es das mit vergleichbar hohem Aufwand umgesetzte Gesamtergebnis sicher nicht; anstatt unüberlegter Bildaufteilung gibt es mit Bedacht ausgeleuchtete Einstellungen einer wunderschönen Bibliothek, anstatt hässlicher Gummimasken werden Licht- und Animationseffekte geboten, die zwar in einer Zeit revolutionärer Computereffekte („Terminator 2“, 1992; „Jurassic Park“, 1993) altbacken mit den ausgelaufenen 80er Jahren anbandeln, andererseits aber aufgrund ihrer sauberen Umsetzung heute so reuelos wiederentdeckt werden können wie die Stop-Motion-Klassiker aus der Schmiede von Ray Harryhausen. „Jason and the Argonauts“ wird Tribut gezollt, dem jüngeren Familienabenteuer „Night At The Museum“ mit Ben Stiller der Teppich ausgerollt, obwohl dieser sich dem Selbstverständnis nach auf „Jurassic Park“ zu beziehen meint. Dass man bei der kurzen Live-Action des Kampfes zwischen einem Tyrannosaurus und einem Mammut in Skelettform den gesamten Film hierzulande kurzerhand in „Rexosaurus“ umtaufte, um auf der Dinowelle mitzusurfen, ist eine andere Geschichte.
Ähnlich wie viele Fantasy-Produktionen der 80er Jahre, „Masters of the Universe“ beispielsweise, nutzt „Doctor Mordrid“ den Raum dimensionaler Überlappung, um den schnöden Alltag der normalen Welt mit dem Unvorstellbaren jenseits der Grenzen unserer Welt zu verbinden, wie es das Konzept „Twilight Zone“ bereits seit über dreißig Jahren erfolgreich vorgab. Das Resultat dessen sind grelle Lichttore, die sich temporär öffnen, um deformierte Knetfiguren in die Filmrealität zu spülen, uns im Gegenzug aber auch einen kurzen Blick auf deren Herkunftsort zu gewähren. Die Bildmanipulation ist für den Betrachter ebenso sichtbar wie das mit knackigen Blitz- und Donnergeräuschen arbeitende Foley Design hörbar ist, doch lässt man sich den durchschaubaren Mummenschanz des Spektakels wegen gerne gefallen. Die vollkommene Illusion einer komplett fremden Welt, wie sie von vielen Jules-Vernes-Verfilmungen angepeilt wurde oder auch von den schundigen „Herkules“-Verfilmungen aus der Cannon-Schmiede, ist der Band-Familie fremd – den eigentlichen Reiz der Verquirlung von Phantastik und Gegenwartsrealität teilt „Mordrid“ also mit „Strange“, auch wenn letzterer natürlich dieser Tage vielfältigere Möglichkeiten besitzt, sie darzustellen.
Erstaunlich ist es auch, wie kompatibel sich das Werk trotz seiner Kürze für mögliche Fortsetzungen oder anderweitige Erweiterungen zeigt, ohne diese jemals umgesetzt zu haben. Immerhin wuseln allerorten Kreaturen mit ungenutztem Potenzial ebenso wie Andeutungen des Wirkungsgrades der hier dargestellten Welt, die viel größer zu sein scheint als das, was der Film zeigen kann. Da auch die Titelrolle durch B-Urgestein Jeffrey Combs mit einem linkischen, knorrigen Typus eher unheldenhaft besetzt ist, hätte es nicht einmal verwundert, wenn man dem Antagonisten Kabal, von Brian Thompson gewohnt höhnisch-überlegen verkörpert, einen eigenen Film spendiert hätte. Insofern erweist sich die verwendete Charakterzeichnung sogar als zukunftsweisend, bedenkt man, welche Entwicklung das Bild von Helden und Antihelden in den letzten Jahren genommen hat, bis hin zum egomanischen Schurken aus dem Familien-Animationsfilm („Despicable Me“).
„Doctor Mordrid“ ist schlussendlich wie vieles mit dem Full-Moon-Label zu träge, um waschechter Kult zu sein, zu kurz für ein Epos, zu altbacken, um als Effektspektakel in Erinnerung geblieben zu sein und zu räudig für einen anerkannten Klassiker, wirkt aber dennoch wie der ambitionierte Versuch, das Zentrum einer Franchise zu erschaffen, die in jede Himmelsrichtung expandieren kann – gerade auch, weil das Ende keinen Ausblick auf eine zerstörte oder gerettete Welt bietet, sondern bloß auf eine Tasse Kaffee. Combs in der Hauptrolle bei einer Filmsorte, die sonst nur strahlende Blondlinge wie Dolph Lundgren oder Sam Jones kennt, ist für sich genommen schon ein Clou – in seinen unmodischen Stofflappen hat er Anteil daran, dass Helden nicht perfekt aussehen müssen, um selbstbewusst zu sein. Und niemals ist auch nur eine Minute verschwendet, in denen Urzeittiere per Stop Motion aufeinander losgehen – auch nicht, wenn sie kein Fleisch mehr auf den Knochen tragen.