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„Wer geht schon in so'nen dummen Zeichentrickfilm, der auch noch jugendfrei ist?!“

Nachdem US-Filmemacher Steven Spielberg mit „Der weiße Hai“ Zuschauerrekorde gebrochen, das Subsubgenre der Shark- bzw. Fishploitation losgetreten und das Image jener Tiergattung nachhaltig zerstört hatte, ging es für ihn vom Ozean ins Weltall und um die Kontaktaufnahme mit einer ganz anderen Spezies: „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ aus dem Jahre 1977 ist einer jener Science-Fiction-Filme, in denen die Extraterrestrischen in friedvoller Absicht bzw. ohne böse Hintergedanken kommen. Was damals als Innovation und globalpolitisches Statement gefeiert wurde, war indes nicht ganz neu, wurde unabhängig davon aber zu einem weiteren Spielberg’schen Kassenknüller.

„Das ist wie Walpurgisnacht mit Hexensabbat!

In der Wüste tauchen im Jahre 1945 einst spurlos verschwundene US-Flugzeuge wieder auf, von ihren Piloten fehlt jedoch weiter jede Spur. Elektriker Roy Neary (Richard Dreyfuss, „Der weiße Hai“) macht ebenso wie die alleinerziehende Mutter Jillian Guiler (Melinda Dillon, „Dieses Land ist mein Land“) nachts eine eigenartige Erfahrung, die sich als Ufo-Sichtung herausstellt. Jillians Sohn Barry (Cary Guffey, „Der Große mit seinem außerirdischen Kleinen“) folgt dem Phänomen und ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Landesweit fällt der Strom aus. Roy und Jillian sind fortan davon besessen, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, während Ufo-Forscher um (den an den französischen Ufologen Jacques Vallée angelehnten) Claude Lacombe (François Truffaut, eigentlich Nouvelle-Vague-Regisseur) sich von wissenschaftlicher Warte aus der Thematik nähern. Tatsächlich wollen Außerirdische Kontakt zu den Erdenbewohnern aufnehmen und funken Geokoordinaten sowie geheimnisvolle Tonabfolgen…

„Kommt doch rein, dann können wir spielen!“

Nach dem Prolog, der bei stürmischen Wetterverhältnissen die Flugzeugfunde in der mexikanischen Wüste zeigt, setzt sich das Spielzeug des kleinen Barry nachts wie von Geisterhand in Bewegung. Mystik und Grusel vereinen sich in den ersten Filmminuten und machen neugierig. Neugierig ist auch Roy, doch seine Frau Ronnie (Teri Garr, „Der Dialog“) will nichts von Ufos wissen. Spielberg etabliert zwei parallel verlaufende Handlungsstränge: den um Roy, Jillian und Barry sowie den um die Ufo-Wissenschaftler. Klänge und Formen spielen eine Rolle, das Bewusstsein für Details wird geschärft. Barry soll als eine Art von den Ängsten und Vorurteilen der Erwachsenenwelt vollkommen unbelastete, im positiven Sinne naive und ebenfalls neugierige Figur eingeführt werden, die keinerlei Angst vor den fremden Besuchern zeigt. Dass ein kleines Kind jedoch gänzlich unbeeindruckt bleibt, auch, als die Außerirdischen sich gewaltsam Zutritt zu seiner Wohnung zu verschaffen versuchen, ist etwas arg unwahrscheinlich. Die Quittung dafür erhalt Barry, indem er kurzerhand von den Außerirdischen entführt wird.

Die Besessenheit Roys, der verzweifelt versucht, seine Erlebnisse und Visionen zu verstehen, einzuordnen und mehr zu erfahren, führt dazu, dass der Haussegen mittlerweile extrem schiefhängt. Spielberg übertreibt es dabei, indem er Roys psychischen Ausnahmezustand seinem Publikum mit dem Holzhammer einprügelt. Die Hysterie wirkt derart übertrieben, dass sie unverständlich wird (Stichwort: „Heulboje!“). Roys Verrücktheit macht den Film fast unfreiwillig komödiantisch. Seine Wege kreuzen sich schließlich mit denen Jillians und man tut sich zusammen. Bei ihrer Reise zum imposanten Berg „Devils Tower“ in Wyoming wirken beide eher wie Junkies auf der Suche nach Stoff. Die indischen Hindus in Dharamsala wiederum haben offenbar nichts Besseres zu tun, als die von den Außerirdischen abgespielte Tonfolge mit gen Himmel gerichtetem Blick zu Tausenden wieder und wieder zu wiederholen. Das wirkt lächerlich und unangenehm despektierlich. Generell stört die religiöse Konnotation, mit der die Besucher- und Entführungsthematik vermengt wird. Fragen nach möglicher Kommunikation mit außerirdischen Wesen, worum es eigentlich gehen sollte, werden hingegen nur unzureichend beantwortet. Und im Finale wird’s erneut komödiantisch – fehlt nur noch, dass alle zu tanzen beginnen…

Keine Frage, visuell ist „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ toll, insbesondere in Bezug auf die Ausleuchtungen des Himmelfirmaments. Und mit seiner Farbenfreude nahm er sicherlich ein gutes Stück weit die 1980er vorweg. Die Handlung, die Spielberg als Allegorie auf kindliches Staunen, deren Wiederentdeckung durch Erwachsene und religiöse Sinnsuche konzipierte, ist jedoch über weite Strecken langatmig und unspektakulär. Zu sehr in die Länge gezogene Sequenzen führen zu einer Überlänge von rund 140 Minuten (es existieren indes unterschiedliche Schnittfassungen), sogar das Finale scheint in Zeitlupe abzulaufen. Damit erinnert der Film eher an die „Space Night“ im TV denn an einen packenden Science-Fiction-Thriller und gerät zu einer unheimlich einschläfernden Begegnung der dritten Art, aus der einen ein leider typisch spielbergeskes, gefällig kitschiges Ende erweckt. Die populärkulturelle und filmhistorische Bedeutung dieses Films ist mir bewusst, allein: nachvollziehen kann ich sie nicht.

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