So romantisch der Titel Mourir d'aimer auch klingen mag, handelt dieser Film im Kern jedoch weniger von tragischer Liebe, als vielmehr von dem Problem, dass Gesetze und Paragraphen der wirklichen Beschaffenheit menschlichen Lebens oft nicht gerecht werden. Bedenkt man, dass der Regisseur André Cayatte Rechtsanwalt war und sich in seinen Filmen hauptsächlich mit Justizthemen befasste, so verwundert dieser Schwerpunkt nicht.
Auch wenn eine einleitende Texttafel jede Ähnlichkeit mit realen Ereignissen bestreitet, liegt dem Film doch ganz klar der Fall der Lehrerin Gabrielle Russier zugrunde, die 1968 strafrechtlich verfolgt wurde, weil sie eine Beziehung zu einem minderjährigen Schüler eingegangen war.
Der sechzehnjährige Gérard wirkt bereits sehr erwachsen und liebt seine Lehrerin Danièle – und sie liebt ihn ebenfalls. Cayatte zeigt beide als vernünftige, reflektierte Menschen. Gérard ist weder ein willenloses Opfer noch ein naiver Schwärmer. Der Film macht klar, dass hier keine simple Täter-Opfer-Ordnung greift.
Doch für den Staat zählt im Zweifel nicht die konkrete Wirklichkeit zweier Menschen, sondern die formale Einordnung anhand starrer Kategorien. Was individuell differenziert betrachtet werden müsste, wird sozusagen administrativ vereinheitlicht.
Die Frage, in welchem Maß Liebe und Begehren durch Regeln normiert und in gesellschaftlich erwünschte Bahnen gelenkt werden sollen, ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Nur die Antworten wechseln mit dem Zeitgeist.
Bis in die späten sechziger Jahre hinein herrschten in dieser Hinsicht vergleichsweise enge moralische und soziale Leitplanken; vieles, was heute als Ausdruck individueller Freiheit gilt, war damals verpönt, tabu oder sogar strafbar. Cayattes Film ist genau an dieser historischen Schwelle angesiedelt, in den Jahren 1967 und 1968, als sich in Frankreich und im Westen allgemein ein Umbruch vollzog, der alte Autoritäten erschütterte und neue Freiheitsversprechen hervorbrachte.
Und hier liegt auch eine bittere Ironie: Gérards Eltern agitieren als überzeugte Kommunisten gegen die konservative Ordnung de Gaulles, doch sobald die Freiheit den eigenen sechzehnjährigen Sohn betrifft, ist plötzlich Schluss mit liberal. Dann rufen sie genau den Staatsapparat zu Hilfe, dessen Repression sie sonst so laut anprangern.
Bemerkenswert ist, wie aktuell der Film trotzdem geblieben ist. Er berührt nämlich einen Bereich, in dem selbst unsere heutige, hochgradig liberalisierte Gesellschaft immer noch rigide bleibt. Man darf heute außerhalb der Ehe herumvögeln mit wem und wie man will, Pornographie ist allgegenwärtig, junge Frauen monetarisieren auf Online-Plattformen ihre nackten Körper, Homosexualität und alle erdenklichen Fetische wurden weitgehend enttabuisiert, Spießbürger mähen tagsüber den Rasen und peitschen sich nachts im Swingerclub gegenseitig aus – doch wenn es um Beziehungen mit hohem Altersunterschied oder vermeintlichem Machtgefälle geht, sind Zeitgeist und Gesetze noch genauso restriktiv wie vor sechzig Jahren. Auch heute noch werden Lehrerinnen für Beziehungen mit Schülern ins Gefängnis gesteckt, und wenn die Geschlechter dabei vertauscht sind, fordert der Online-Mob gerne mal direkt die öffentliche Kastration.
Somit funktioniert der Film ironischerweise heute immer noch so gut wie zu seiner Entstehungszeit – oder sogar noch besser, weil er den paradoxen Umstand sichtbar macht, dass trotz all der (aus meiner Sicht zweifelhaften) Errungenschaften, die die 68er-Revolution für die sexuelle Freiheit der Menschen erfochten hat, eine solche eher harmlose Beziehung heute nach wie vor justiziabel und vielleicht sogar noch verpönter als damals wäre.
Aber auch ganz unabhängig davon, wie nun gerade der vorherrschende Zeitgeist aussehen mag, ist Mourir d’aimer ein gelungenes Plädoyer für die verantwortungsvolle Urteilskraft und gegen die blinde Paragraphengläubigkeit, die unredlichen Geistern erlaubt, Kopf und Herz bequemerweise auszuschalten und die Mühlen von Staat und Bürokratie alles plattwalzen zu lassen, was nicht in den grob hingeschusterten Rahmen der Gesetzesschinken passt, anstatt ehrlich und menschlich zu beurteilen, was wirklich vorgefallen ist. In diesem Fall also, ob es sich um einen Missbrauchsfall oder um eine auf gegenseitigem Einverständnis beruhende Liebesbeziehung handelt.
Eine Justiz, die äußere Konstellationen höher bewertet als die innere Wahrheit eines Falles, lädt gerade dadurch zum Missbrauch ein – sei es durch Übeltäter, die legale Grauzonen auszunutzen wissen, oder durch einen Staat, der anständige Menschen bestraft, weil ihr Leben nicht sauber in seine Raster passt.
Formal ist der Film souverän inszeniert. Die markante Verwendung von Off-Stimmen fügt sich gut in das Geschehen ein und sorgt für zusätzliche Verdichtung. Annie Girardot spielt die Lehrerin Danièle hervorragend: sehr eindringlich und glaubwürdig. Bruno Pradal als Gérard bleibt allerdings ein wenig schwächer. Er wirkt manchmal etwas überfordert, und nicht jede seiner Regungen hat die emotionale Überzeugungskraft, die nötig wäre, um die Beziehung vollkommen glaubhaft zu machen. Das ist ein kleiner Schwachpunkt des Films.
Gelegentlich hätte ich mir eine stärkere Zuspitzung gewünscht. Manche Szenen fließen etwas zu lasch dahin – typisch für den Erzählstil der Zeit. Immerhin verzichtet Cayatte auf allzu prätentiöse Kunstgriffe und vertraut stattdessen auf Klarheit und gedankliche Substanz.
Fazit: Eine kluge rechtsphilosophische Studie, die einen realen Fall am gesellschaftlichen Wendepunkt der späten sechziger Jahre aufgreift, um die entmenschlichende Kälte von Staatsgewalt, Bürokratie und schematischer Gesetzesanwendung freizulegen.