Review

Nein, er will einfach nicht funktionieren – weder im Jugend- noch im jungen Erwachsenenalter und auch nicht mit fast 30.

Hitchcocks „Familiengrab“, sein 53. und letzter Film, ist ein fades Abschiedsgeschenk an seine Fans, dem man die geistige Müdigkeit seines Machers deutlich anmerkt. Auch seinem Körper mutete er, nie ein Kostverächter, wenn es um hochprozentige Getränke ging, in der abschließenden Phase seines Lebens mehr zu, als es gut für ihn war, so daß unter diesen Umständen wohl nicht mehr mit einem Geistesblitz zu rechnen war. Die Zeichen waren allerdings nicht ganz schlecht: Mit Ernest Lehman holte er sich einen Autoren ins Boot, der mit „Der unsichtbare Dritte“ bereits bewiesen hatte, wie man ein denkwürdig aktionsreiches Drehbuch konstruiert, das Witz und Spannung perfekt miteinander kombiniert.

Witz und Spannung, das ist es, was auch „Familiengrab“ transportieren soll, und tatsächlich kann er in der Hinsicht überraschen, weil die Welt in fast allen seiner Filme seit „Der unsichtbare Dritte“, vor allem aber im unangenehm frauenfeindlichen Vorgänger „Frenzy“, auffallend düster war, während die Geschichte hier regelrecht erleichternd locker und fluffig ist, keinerlei Brutalität und kaum Tote.

Leider ist dennoch zu konstatieren, daß die Wohlfühl-Leichtigkeit, wie sie etwa in den besten Momenten in „Über den Dächern von Nizza“ vermittelt werden konnte, einer allgemeinen Langeweile gewichen ist. Kaum ein Dialog verfügt über die Spritzigkeit, die nötig wäre, um den Zuschauer bei Laune zu halten. Das soll am ehesten noch unser schwindelndes Heldenpärchen Blanche (Barbara Harris) und Lumley (Bruce Dern) – sie vermeintliche Spiritistin, er Taxifahrer und Amateur-Schnüffler, der sie mit den notwendigen Informationen versorgt, die sie für ihre Sessions benötigt – übernehmen, aber selbst dabei kommt wenig rum außer die eine oder andere überraschend deutliche sexuelle Anspielung, wenn Lumley offen vom schönen Hinterteil seiner Freundin schwärmt oder eine gemeinsame Liebesnacht in Aussicht gestellt wird. Man merkt, wir sind mittlerweile in den Mitt-70ern, da wird die Sprache deutlich frivoler, auch in den USA. Zuvor wurde ja bereits in „Frenzy“ mehr als bloß angedeutet, was in punkto direkter Sprache und auch Gewalt möglich war, wo Hitchcock nicht einmal mehr vor der Inszenierung einer Vergewaltigung zurückschreckte.

Die Wege der beiden Hauptfiguren kreuzen sich auf der Suche nach dem verschwundenen Neffen einer Kundin mit denen zweier Gauner, Adamson (William Devane) und Fran (Karen Black), die berühmte Leute entführen, um sich das Lösegeld in Diamanten auszahlen zu lassen. Die Konstellation an sich gestaltet sich äußerst reizvoll: Die Helden versuchen einen Unbekannten zu finden, der sich in Gestalt Adamsons als Schurke entpuppt und gar nicht gefunden werden will, was die aber gar nicht wissen. So müssen die Entführer die beiden notgedrungen aus dem Weg räumen, um nicht mehr von ihren Nachforschungen belästigt zu werden. Daraus wird jedoch erstaunlich wenig Kapital geschlagen, weil die Lebensgefahr, in der die Helden schweben, nur selten spürbar wird.

Zwischendrin unterhält eine zugleich slapstickhaft-albern wie auch spannend aufbereitete Szene, in der Blanche und Lumley mit durchgeschnittenen Bremsschläuchen mit ihrem somit immer schneller werdenden Wagen zu kämpfen haben, wobei gerade die Überdrehtheit nicht unbedingt von Vorteil und der Spannung eher abträglich ist. Immerhin: Diese Szene und die kurz darauf, wenn sie sich plötzlich zu Fuß einem Verfolger, der sie überfahren will, ausgesetzt sehen, reißt der Film den Zuschauer kurz aus der allgegenwärtigen Lethargie und schafft ihn danach erst wieder zum Finale, als die vier Protagonisten endlich direkt auf engem Raum aufeinandertreffen, daraus zu befreien.

Im Gegensatz zu Suspensern wie „Das Fenster zum Hof“ wird der Nervenkitzel aber selbst hier nicht auf die Spitze getrieben, sondern die Geschichte durch einen verblüffend simplen Trick ohne großes Trara zu einem Ende gebracht, der auf die einen lasch wirken mag, aber zu diesem durch und durch unscheinbaren und unaufgeregten Werk gerade deshalb ausgezeichnet paßt, auch wenn der Schlußgag im Anschluß wiederum völlig unmotiviert daherkommt.

Den Darstellern kann man inmitten der Schlafmützigkeit des Skripts die wenigsten Vorwürfe machen. Sie geben ihr Bestes, dagegen anzuspielen. Dern gibt einen amüsanten Amateurdetektiv, der sich mit seiner ständig bei sich geführten Pfeife augenscheinlich wie der nächste Sherlock Holmes vorkommt, und die Harris präsentiert sich stellenweise hemmungslos aufgedreht (und ist in ihrer Rolle quasi eine Vorläuferin von Oda Mae Brown, die Whoopie Goldberg oscarprämiert in „Ghost“ verkörperte). Die schauspielerischen Highlights sind dennoch auf Seite der Bösewichte zu suchen: Karen Black überzeugt allein mit ihrem Silberblick und verströmt eine gleichzeitig anziehende wie rätselhafte Aura, wohingegen William Devane mit hinreißender Schmierigkeit (und seinem hübschen Schnäuzer) offensichtlich viel Spaß am Dreh hatte.

Auch ansonsten kann man im Prinzip überhaupt nichts ernsthaft an „Familiengrab“ bekritteln. Vom handwerklichen Standpunkt aus ist der Film tadellos und wird nicht einmal von altmodischen Rückprojektionen torpediert wie „Der zerrissene Vorhang“ noch. Die Einstellungen sind abwechslungsreich und welche wann die beste ist, wußte Hitchcock mittlerweile ja bereits im Schlaf, nach über 50 Jahren im Geschäft. Nur nützt das alles nichts – das Ergebnis ist über alle Maßen ermüdend und hat nur noch wenig von dem bekannten Hitchcock-Humor, wie man ihn über die Jahre kennen und schätzen gelernt hat.

Es sollte der letzte Film für Hitchcock bleiben. Zwar wollte er mit der Verfilmung des Romans „The Short Night“ von Ronald Kirkbride noch ein Projekt in Angriff nehmen, doch kam es aufgrund seines immer schlechter werdenden Gesundheitszustandes nie über die Planungsphase hinaus. Die teilweise unkonventionellen und wenig sympathischen Ideen, die Hitchcock für das Drehbuch einbrachte (ein Entwurf zeigt, daß der Held darin zu Beginn eine Frau vergewaltigen soll), lassen zudem vermuten, daß es möglicherweise ganz gut war, daß der Film nicht verwirklicht wurde, um nicht auf seine letzten Tage in die Schmuddelecke zu rutschen. Insofern stellt „Familiengrab“ doch einen irgendwie versöhnlichen Abschluß dar.

Trotzdem: Weder Fisch noch Fleisch, möglicherweise sogar das schwächste Spätwerk des Briten und zugleich das Ende einer beispiellosen Regie-Karriere. 4/10.

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