Das deutsche Plakat hört auf den Namen “Brainslasher” und zeigt eine widerlich entstellte Monsterkreatur mit offen liegendem Hirn und Reißzähnen, die im Begriff ist, einen abgetrennten Menschenarm zu verspeisen. Die groteske Absurdität des Gezeigten lässt ein Splatter- und Gorefest vermuten, viel Maskenarbeit und Local Effects Work. Kein Anspruch in der zu erzählenden Geschichte, statt dessen für den Mainstreamgänger schwer verdauliche Metzgerkost, über die sich nur der echte Gorehound freut.
In seinem Entstehungsland nennt man den gleichen Film “Mindwarp”. Auf dem Cover keine alptraumhafte Zerrform menschlicher Anatomie, sondern ein Frauenkörper, der dem Betrachter den Rücken zuwendet, eingehüllt in einen simplen weißen Einteiler. Zurückgekämmte Haare, im Nacken ein Implantat, das Blitze schlägt, als die Frau mit ihrer rechten Hand einen Stecker einzuloggen versucht. Die Assoziationen liegen hier eher beim Mentalen als beim Biologischen, das materiell greifbare “Brain” hat hier keine Bedeutung. Nein, die Gedankenkraft ist es, die auf eine Reise gehen soll, nicht das Hirn, das durch den Mixer gedreht werden soll. Weniger “Braindead” als vielmehr Werke wie “THX1138" und “Matrix” kommen einem hier in den Sinn.
Der Filmkonsument ist aus jahrelanger Erfahrung geneigt, dem Originaltitel sein Vertrauen zu schenken und das, was der deutsche Vertreiber daraus fabriziert, als marktstrategische Sinnentstellung zu bewerten. Dementsprechend wäre von “Brainslasher” aka “Mindwarp” vor allem eine vielversprechende Story zu erwarten, die sich mit philosophischen Themenfeldern um die infiniten Gedankenwelten des Menschen befasst. Ausnahmsweise trifft aber mal weder der deutsche noch der US-Vertrieb mit seiner Vermarktungsstrategie hundertprozentig den semantischen Kern. Auf der einen Seite ist “Brainslasher” nicht das erhoffte Splatterfest und auch nicht durchgängig eine einzige groteske Maskenparade aus handgefertigtem Monster-Make Up. So manchem Gorehound wird dabei auch mehr Anspruch geboten, als er ertragen will. Zumal mit Bruce Campbell (“Tanz der Teufel”) und Angus Scrimm (“Phantasm”) zwei Ikonen des späten 70er/80er-Horrorfilms teilnehmen, in deren Karrieren es auch ein ums andere Mal ordentlich gesplattert hat, können da durchaus falsche Erwartungen entstehen. Auf der anderen Seite ist Steve Barnetts Film zu sehr B-Movie, um wirklich intellektuell werden zu können und höhere Ebenen zu erreichen. Viel Aufmerksamkeit lag eben doch auf Blut, Gekröse und Monstermasken, wobei mehr als einmal die Grenzen des Realisierbaren offen zu Tage treten in der Darstellung einer horriblen Postapokalypse.
Keine Grenzen sollen “Inworld” beschränken, das Programm, mit die Überlebenden einer nuklearen Katastrophe im Jahr 2037 ihr Leben organisieren. In “Inworld” ist alles möglich: Man kann reich sein, berühmt, beliebt, man kann ganz einfach seine eigene grenzenlose Phantasie ohne Hürden ausleben. Der Haken an der Sache ist folgender: Nichts von alledem ist wirklich - keine der Erfahrungen ist real. Allerdings ist Judy (Marta Alicia) die Einzige, die sich daran stört. Sie betrachtet das Konzept von InfiniSynth als einen Käfig, der alle Menschen in ihrem eigenen Gehirn gefangenhält. Judy spürt das Verlangen, in den Kontakt mit der Welt zu treten und nicht nur mit sich selbst zu kommunizieren. Sie will realen sozialen Austausch, denn alle Figuren, denen sie bei ihrem Besuch in “Inworld” begegnet, sind nicht mehr als Projektionen ihres eigenen Verstands.
Der über das Programm wachende System Operator bemerkt die Rebellion und registriert Judy als eine Art Virus, das entweder modifiziert oder eliminiert werden muss, um “Inworld” am Leben zu erhalten. Also schickt er Judy in die Realität, um sie von ihren rebellischen Gedanken zu kurieren. Und die Realität entpuppt sich schnell als unwirtliches Wüstenödland, unter dessen Oberfläche kannibalische Monster hausen.
“Brainslasher” entpuppt sich schnell als wilder Mix verschiedenster Filme, wobei es überrascht, dass auch Parallelen zu später entstandenen Filmen vorhanden sind, die sich an einer ähnlichen Grundidee zum Teil sehr erfolgreich versucht haben. So wirkt das Intro in der sterilen Wohnung der wirklichen Welt wie George Lucas’ “THX1138", das Endzeit-Wüstenland wie “Mad Max”, die unterirdisch hausenden Monster wie aus “The Time Machine” und die Konstellation der Hauptfiguren um Bruce Campbell und Marta Alicia wie “The Terminator”; aber auch “Abre los Ojos”und “The Matrix” sind mitunter zumindest thematisch, wenn auch weniger optisch wiederzuerkennen. Die Mischung ist so durchaus handhabbar, weil der Plot durch die vielen Anleihen kaum ins Stocken gerät - was natürlich auch ein wenig der Tatsache zu verdanken ist, dass die Handlung für einen Film dieser Größenordnung teilweise doch recht vertrackt daherkommt und auf verschiedene Eben springt, so dass überhaupt nicht alles glatt wie Butter aussehen muss. Das Produktionsdesign hätte sicherlich ein wenig mehr Kontinuität vertragen können, aber die Enttäuschung über die optische Divergenz beispielsweise zwischen der sterilen Wohnung, dem Computer-Leerprogramm und der Wüstenlandschaft hält sich doch in Grenzen - nicht nur, weil all diese Settings verschiedene Bewusstseinsebenen repräsentieren, auch handelt es sich hier nun mal nicht um einen großen Film, der in jedem Frame professionell auf die vorhergehenden Bilder abgestimmt sein muss. Weiterhin vermeidet Barnett durchgehend direkte Reminiszenzen an optische Arrangements oder Handlungsfragmente aus anderen Filmen, so dass man sich als Zuschauer jederzeit direkt auf die hier präsentierte Geschichte konzentrieren kann.
Kaum begibt sich die Handlung in die Wüste, machen sich allerdings schon rein handwerklich bedingte Defizite darin bemerkbar, das Skript optisch 1:1 auf den Bildschirm zu übertragen. Sicherlich sind die Masken der Monster, mit denen durchaus nicht gegeizt wird, mit viel Aufwand versehen und aller Ehren wert, aber im Gesamteindruck fehlt ein wenig die postapokalyptische Atmosphäre. Das mag noch nicht für die Geschehnisse an der Oberfläche gelten, aber spätestens im unterirdischen Reich der Monster schmeckt die Optik ein wenig fad, beinahe so wie ein zweitklassiges Gruselmärchen aus einer TV-Reihe.
Bruce Campbell soll für die weibliche Protagonistin in dieser fremden Welt der Anker sein, also der einzige Gleichgesinnte in einem Alptraum, der von Marta Alicias Figur später als “Hölle” bezeichnet wird, eine Bemerkung, die wie viele andere kleine Dialogfetzen nach Filmende eine Bedeutung für die Interpretation der Idee hinter dem Film noch ausschlaggebend sein können. Bis es soweit ist, wirken derartige Aussagen allerdings eher floskelhaft, so dass das Geschehen unter der Erde isoliert betrachtet endgültig als Fantasy-Trash durchgeht. Und als solcher langweilt er stellenweise sogar, denn intelligent wirkt hier nichts, und aus visueller Sicht wird der Hunger des Zuschauers ebenfalls nicht gestillt.
Wann immer sich die Gefahr ergibt, dass Langeweile aufkommen könnte, setzt Barnett dann wirklich auf graphischen Horror in Form von Splatter, der allerdings nicht immer gezeigt wird, sondern oft auch im Kopf des Betrachters vonstatten geht. Dennoch dürfen sich Freunde des Gemetzels in bestimmten Passagen nicht über Blutarmut beschweren, denn der rote Saft fließt oft genug und in großen Mengen. Es mischen sich immer wieder “Splatstick”-Elemente unter, die aber nicht annähernd so gut funktionieren wie in “Braindead”. Der mit Splatter und Gore gekoppelte Humor bleibt einfach zu schwach, um gegen die prinzipiell düster angelegte Grundstimmung ankämpfen zu können. Auch wenn es natürlich ein schräger Gedanke ist, dass der gefangenen Frau von einem der Monster ein abgetrennter Menschenarm als Speise angeboten wird. Alleine aber die Tatsache, dass andere Horrorelemente in kältester Grausamkeit präsentiert werden (die erste zeremonielle Tötung in der martialischen Häckselmaschine), lässt jegliche Comedy-Anflüge verschwinden. Durch Angus Scrimms Rolle wird der Horror in Form eines absurd-widerlichen Grundgedankens noch stärker ins Bizarre verformt, so dass man das sich langsam im Kopf manifestierende Gruselszenario trotz fehlender Atmosphäre doch noch als relativ gelungen betrachten kann.
Das Ende hat mir persönlich von der Idee her dann wieder wirklich gut gefallen, weil es eben über den Film hinaus zum Nachdenken darüber anregt, wo sich das Soziale mit der Psyche vermischt, inwiefern der Geist uns beschränkt, ob er wirklich ein Gefängnis sein kann und so weiter. Rückblickend kann man nochmals alle Handlungen der Protagonistin rekapitulieren, exemplarisch ihre Aussage “Das ist die Hölle!”, und versuchen, sie zu interpretieren. Hier muss man sich nicht von der Machart des Films irritieren lassen, die nur wenig Anspruch vermuten lässt; von der grundsätzlichen Idee her birgt der Plot durchaus einiges Potenzial, auch wenn Filme wie “Abre los Ojos” und vor allem “Matrix” selbstverständlich ungleich mehr Interpretationsansätze bieten. Etwas zu kurz kam mir die angepeilte Sozialkritik in Form einer Warnung davor, das Leben immer stärker zu digitalisieren und ihm damit ein Stück weit das Authentische, das Reale zu nehmen. Da gibt es Filme, die dieses Thema ungleich besser verarbeiten.
All diese Interpretationsansätze werden, wie schon angemerkt, schlussendlich doch etwas gehemmt durch schwach umgesetzte Szenen, die wahrscheinlich auf Budgetgründe zurückzuführen sind. Der moralinsaure Abschlussmonolog des System Operators hätte gerne etwas weniger dümmlich ausfallen dürfen, um so den philosophischen Anspruch zu unterstreichen (zumal die Darstellung des Computersystems sowieso wie 50er-Spacetrash ausgefallen ist). Ein solcher Anspruch ist aber wenigstens da, und insofern berechtigt das dazu, den Film “Mindwarp” zu taufen und einer Sci-Fi-Unterkategorie zuzuordnen, dem auch Filme wie “THX1138" oder auch “Abre los Ojos” bzw. “Matrix” angehören. Ein “Brainslasher” ist es zumindest in Bezug auf die kannibalischen Höhlenmonster, in deren Umgebung es meist ordentlich splattert, was für die nur bedingt vorhandene Atmosphäre entschädigt. Das Problem dieses Films liegt darin, beide Richtungen unter einen Hut zu bringen. Dieses Problem wird zwar unter den gegebenen Umständen recht ordentlich gelöst, es ist aber auch unverkennbar, dass die beiden Seiten eben nicht einer Medaille angehören, sondern sich von Natur aus widerlegen.