Jeder Fernreisende, der schon einmal im ICE von Berlin nach München fuhr, kennt ihn: den Halt „Jena Paradies". Irgendwo zwischen Leipzig und Nürnberg im beschaulichen Thüringen. Doch was bezeichnet dieses ominöse „Paradies" überhaupt? Den an den Bahnhof grenzenden Park, der sich nach Süden fortsetzt und dann Rasenmühleninsel heißt. Und einen alten Teil Jenas - so zumindest ein Dialog im Film - der einen „gesetzlosen Raum außerhalb der Stadtmauern" bezeichnet.
Dieser gesetzlose Raum ist dabei der Zugang zum Film Jena Paradies. In ihn gerät die alleinerziehende Mutter Jeanette (gut: Stefanie Stappenbeck), als sie dem Nachbarn Philipp näherkommt - dessen schwangere Frau gerade nicht da ist. Und ihn betritt der knurrige und stets von seinen Spielern im Stich gelassene Fußballtrainer Harry Schirmer (Bruno F. Apitz), der schließlich Selbstmord begehen will. Ein unmittelbarer Kausalzusammenhang zwischen diesen beiden ungleich stark ausgearbeiteten Storyfäden ist indes - abgesehen davon, dass Jeanette und Harry Arbeitskollegen auf dem Gelände des FC Carl Zeiss Jena sind - nicht zu erkennen. Eine erste von zahlreichen Drehbuchschwächen des ersten Langfilms von Regisseur Marco Mittelstaedt (Elbe, 2006).
Dabei ist die Verwurzelung des Films im Alltag, eine Natürlichkeit, die authentisch wirkt, der große Pluspunkt dieses leider etwas verwässerten Dramas mit Fokus auf Jeanette. Jeanettes Sohn Louis (Luca di Michieli) will der Einladung zum 25. Hochzeitstag von Oma und Opa folgen und hat sie schon lange nicht mehr gesehen, doch das Verhältnis der handwerklich begabten Jeanette zu ihrer Familie ist ein angespanntes. Neben diesem Konflikt entfaltet sich ein weiterer, als die bereits lange Zeit einsame Jeanette und ihr neue Künstler-Nachbar Philipp ihre Gefühle füreinander entdecken - stets im Hinterkopf, dass diese Verbindung keine Zukunft haben kann. Dazwischen verletzt sich Louis das Bein, besucht Oma ihren Enkel und ertappt ihre liebesbedürftige Tochter mit Philipp. Dies alles sind Konflikte, keine handlungstragende Elemente, die banal wirken, jedoch eins zu eins dem Leben entsprungen sein könnten - wenn denn einige hölzerne, wie aufgesagt wirkende Dialoge nicht wären. Diese zerstören einen Teil der authentisch anmutenden Atmosphäre von Jena Paradies.
Dabei ist es insbesondere Kamerafrau Judith Kaufmann (Vier Minuten, 2006) zu verdanken, dass Jena Paradies stets mit pittoresken Aufnahmen von Jena selbst und der Landschaft um Jena aufwarten kann (es wurde zum großen Teil an Originalschauplätzen vor Ort gedreht). Kaufmann gelingt es dabei, auch den Alltag stilvoll beleuchtet einzufangen, ohne dem beschönigenden Kitsch zu verfallen. So ist die ebenso zaghafte wie zärtliche (und dadurch glaubwürdig wirkende) Annäherung von Jeanette und Philipp auf einem Felsvorsprung des Jenzigs mit einem Stadtpanorama zu ihren Füßen durch die wundervolle Bebilderung mit Mut zu längeren Einstellungen eine der romantischsten Szenen, die der deutsche Film in den letzten Jahren zu bieten hatte.
Am Ende bleibt ein kleiner Film der leisen Töne um den Alltag einer alleinerziehenden Mutter und eines brummigen Trainers, der ohne Highlights, aber stets sympathisch und großartig bebildert vor sich hinplätschert. Die Protagonisten sind verkrachte Existenzen mit leider etwas zu wenig Charakterzeichnung: Harrys familiäre Verhältnisse werden ebenso wenig geklärt wie der Hintergrund von Jeanettes Abneigung gegen ihre Familie. Und ob ihrem Leben am Ende trotz zahlreicher Geschehnisse eine andere Richtung gegeben wird, bleibt offen.
Jena Paradies ist dabei wie ein nur wenige Wochen umfassender Ausschnitt aus dem Leben seiner Figuren, die mit alltäglichen Problemen konfrontiert werden. Mit Drehbuchschwächen behaftet, aber toll fotografiert. Kein großes Werk, aber das will Jena Paradies auch nicht sein - und genau das macht diesen sehr menschlichen Film so sympathisch (6/10).