Review

Das Verhältnis eines Films zu seiner Buchvorlage war schon immer ein Streitpunkt. Einerseits will man dem Roman gerecht werden und seine großen Momente auf das Zelluloid übertragen, andererseits soll der Film am Ende ein von allem anderen unabhängiges und eigenständiges Produkt werden. Nur so bekommt er seine Daseinsberechtigung und verkommt nicht zur bloßen Visualisierung des Stoffes.

Stanley Kubrick war ein großer Regisseur und vor allem ein Visionär. Als er sich Stephen Kings Vorlage annahm, schuf er einen Kubrick-Film und keine King-Adaption. Sein "Shining" war eine meisterhafte Parabel auf die amerikanische Kultur und das Blut der Ureinwohner, auf dem sie mit Gewalt (der von Jack Torrance repräsentierten Gewalt) erbaut wurde. Ein grandioser Film.

Stephen King sah das nicht ganz so, denn Kubrick erlaubte sich diverse Freiheiten, die doch stark vom Roman abwichen. Ein Künstler hat es eben gar nicht gerne, wenn man in seinem Werk herumpfuscht. So distanzierte er sich von der Verfilmung und sah eine Notwendigkeit, den Roman erneut zu verfilmen, diesmal vorlagengetreu.
1997 war es dann soweit: der Meister persönlich hatte das Drehbuch verfasst, und zwar in Mini-TV-Serien-Format, was sich in der Vergangenheit als sinnvoll erwiesen hatte. Denn King-Romane sind von Natur aus komplex, weil sie verstärkt auf Charakterzeichnung setzen und viele Storystränge beinhalten. Zwar konnten selbst die langen Laufzeiten von "ES" oder "The Stand" die Essenz der Romane nicht vollständig erfassen, doch befand man sich mit diesem Format auf dem richtigen Weg.

So glänzt auch Mick Garris` 259 Minuten lange Regiearbeit, wenn man die Qualität in der möglichst getreuen Nachzeichnung der Atmosphäre aus dem Roman festmacht. Denn die Neuumsetzung trifft den Geist um einiges besser als Kubricks Werk.
Das ist natürlich noch lange kein Indiz für wirkliche Qualität. Während Kubricks Film zweifellos ein Meisterwerk ist, bietet die Miniserie "nur" grundsolide und professionelle Gruselkost mit einigen derben Schockmomenten und viel Horrorstimmung. Es gibt viel weniger Tiefe; dafür konzentrierte man sich verstärkt auf die klaustrophobische Stimmung im Overlook.

Und damit wäre dann auch schon die Frage geklärt, ob diese Neuverwertung sinnvoll ist oder nicht: sie ist es.

Steven Weber tritt ein schweres Erbe an. Er muß in die Fußstapfen des grandiosen Jack Nicholson treten. Erwartungsgemäß kann er dessen Performance nicht die Stirn bieten; dennoch ist seine Leistung beachtlich. Nach wie vor bleibt die Rolle des Ex-Alkoholikers Jack Torrance sehr anspruchsvoll und fordernd. Schließlich muss im Verlauf des Filmes der Wahnsinn dargestellt werden, der sich langsam, aber sicher in sein Hirn einfrisst. Durch die um mehr als das Doppelte angestiegene Laufzeit wird diese Aufgabe natürlich umso schwieriger. Doch Weber weiß die Herausforderung anzunehmen und stellt den Hausmeister mit Roman-Ambitionen so dar, wie es sich King gewünscht hat. Die Sehnsucht nach dem Alkohol, das beinahe schon schizophrene Verhalten gegenüber seinem Sohn, die Verfremdung gegenüber seiner Frau, das mißverstandene Opfer... all dies vermag Weber unter einen Hut zu bringen.

Da kann seine Filmfrau leider nicht ganz mithalten: wie schon in "Never talk to strangers" spielt Rebecca deMornay ihre Figur doch recht unglaubwürdig. Ein Vergleich mit Shelley Duvall wäre zwar unfair, doch das ist auch der zwischen Weber und Nicholson - und doch schlägt sich Weber wacker.

Der kleine Courtland Meat ist schon ein drolliger Geselle. Er ist der Rolle des kleinen Danny mit seinem pausbäckigen Gesicht gewachsen und wirkt lebhafter und weniger teilnahmslos als sein 1980er Pendant. Im Deutschen wurde ihm allerdings eine schwache Synchro verpasst, was ihm einiges an Glaubwürdigkeit nimmt. Ansonsten schafft er es meist, auch emotionale Szenen zu spielen. Unter anderem fordert das Drehbuch einen epileptischen Anfall und einen Schockzustand. Courtland Meat ist zwar kein Osmentsches Genie, aber für die geforderten Zwecke mehr als brauchbar.

Wirklich erwähnenswert ist ansonsten nur noch Melvin van Peebles als Hotelkoch Hallorann, der sich später als Mentor und geistig Verbündeter von Danny erweist; alle anderen Charaktere kommen nur sporadisch vor. Van Peebles ist ebenfalls der optimale Ersatz für seinen Vorgänger Scatman Crothers, obwohl sicherlich auch er eine Klasse tiefer spielt.

Der eigentliche Star ist aber das Overlook Hotel, von dessen Gestaltung ziemlich viel abhing. Wie schon im Buch und auch bei Kubrick wird hier verstärkt mit Kontrasten gearbeitet: einerseits ist alles sehr weitläufig. Es gibt einen gigantischen Garten, die Hausfassade lässt eine riesige Zimmeranzahl vermuten, die Lobby verstärkt diesen Eindruck noch und in der Küche gibt es Geräte und Nahrungsmittel für eine ganze Armee.
Andererseits ist alles sehr klaustrophobisch angelegt: die Gänge sind sehr eng, sämtliche Türen sind verschlossen, der Schnee schneidet das Hotel von der Außenwelt ab, für Danny ist darüber hinaus der Aufenthalt nur in bestimmten Räumen gestattet. Unterstrichen wird dieses labyrinthartige Konstrukt durch gelungene Kamerafahrten und-Einstellungen, Schnitte und Farbgebung bzw. Beleuchtung. Jack Torrance und seine Familie werden damit zu weißen Mäusen in einem Labyrinth.

Der Beginn ist noch recht harmlos. Von gelegentlichen Visionen Dannys abgesehen passiert noch recht wenig, was aber der Erzählung der Geschichte gut tut. Eine Dosierung der Schockeffekte ist notwendig, um die Spannung über die gesamten 4 Stunden zu erhalten. Denn wie würde man die Spannung noch steigern wollen, wenn man gleich zu Beginn schon alle Schocker verbrät?

Spätestens ab dem zweiten Teil spitzt sich das Geschehen aber empfindlich zu. Während Dannys Visionen bedrohlicher werden, verliert auch Jack langsam die Kontrolle. Stand man bisher noch unentwegt auf seiner Seite (die gelegentlichen Ausrutscher wirkten noch verzeihbar, vor allem in Anbetracht seiner schwierigen Lage als Antialkoholiker und wegen der Probleme mit seiner Frau), gerät man als Zuschauer nun in einen Gewissenskonflikt. Allerdings bleibt stets deutlich, dass es nicht Jack ist, der sich verändert, sondern das Haus verändert ihn. Als Danny erstmals wirklich Gewalt zugefügt wurde, war das bezeichnenderweise nicht Jack, sondern jemand anders, der sich im Hotel herumzuschleichen schien.

Die Unterstreichung des Horrors durch Effekte ist durchweg als gelungen zu bezeichnen. Auf CGI-Einlagen verzichtete man fast ganz (abgesehen von den Hecken, aber das bleibt angenehm dezent). MakeUp-Effekte hingegen werden ganz groß geschrieben, und das zurecht. Die Frau aus Zimmer 217 ist das Highlight. Aber auch die schrittweise Verwandlung von Steven Weber - angefangen bei dunklen Augenringen bis hin zu einem Gebiß aus schiefen und faulen Zähnen - kann sich sehen lassen. Die Kostüme der Partygäste sind zwar nicht unbedingt auf einem Level mit denen von Blockbuster-Historienepen, aber dennoch wirkt auch hier alles schön geisterhaft. Die Szene, in der Jack mit einer Frau tanzt und dieser beim Grinsen plötzlich die Haut um die Lippen herum abspringt, kann schon leichte Schauer mit sich führen. Auch der "Hunde-Mann" hat einen ordentlichen Herzattacken-Auftritt.

Beim Finale sind wieder ein paar Abstriche zu machen. Ich will nicht spoilern, aber im Vergleich zu Kubricks Film wurden einige Änderungen vorgenommen, die keinen Sinn machen außer das Happy End ein bisschen zu forcieren. Wagte sich diese Verfilmung zeitweise in außergewöhnliche Sphären, die so nicht oft von anderen betreten werden, so begibt man sich am Ende wieder brav auf den vorgelegten Teppich der Konvention zurück.

Außerdem stören die typischen King-TV-Serien-Klischeefiguren, wie sie (vielleicht von "ES" abgesehen) eigentlich in jeder King-Miniserie vorkommen. Dannys imaginärer Gesprächspartner ist im Buch eine faszinierende und ebenso gruselige Figur, der die eigenen Füße folgen, ohne dass der Kopf es will. Hier ist er ein dummer Tölpel, der sinnlos auf Danny einredet und in seiner Hilflosigkeit so viel Mystik versprüht wie ein Affe, der sich die Läuse aus dem Fell zupft und ins Maul stopft.
Auch einige Gespräche zwischen Danny und seiner Mutter geben wieder solche Klischeemomente her. Insgesamt hält sich das aber im Vergleich etwa zu "The Stand" noch im Rahmen.

Spätestens mit der TV-Serien-Adaption von Stephen Kings Bestseller dürften auch die Hardcore-King-Fans zufriedengestellt sein. Die 1997er Variante verzichtet zwar auf jeglichen Tiefgang, Metaphorik oder Symbolik, konzentriert sich dafür aber umso mehr auf die klaustrophobische Atmosphäre des Overlook-Hotels und der Inszenierung von dessen übernatürlichen Vorgängen. Mit Steven Weber hat man außerdem einen tollen Hauptdarsteller gefunden, der Jack Nicholson zumindest zeitweise vergessen macht. In jedem Fall eine der besten King-Serien.
7/10

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