Review

"Wer tötete Bambi ?" ist wieder ein schönes Beispiel für ein Marketing, daß zwar einerseits dafür sorgt, daß dieser französische Film überhaupt in unsere Videotheken gelangt, ihm aber andererseits durch die erzeugte Erwartungshaltung keine wirkliche Chance beim Betrachter gibt.

Vordergründig wird hier eine klassische Geschichte erzählt, die an unseren Urängsten rüttelt. Was geschieht mit uns, wenn wir ohne Bewußtsein anderen Personen ausgeliefert sind ? - Bezogen auf unseren Alltag, ist so eine Situation vor allem während einer Krankheit vorstellbar, besonders als Patienten in einer Klinik. Dr.Philipp (Laurent Lucas), ein junger Chirurg, scheint diese Machtposition auszunutzen, indem er junge, besonders attraktive Patientinnen unter Narkose setzt, um sich dann an den regungslosen Frauen sexuell zu vergehen. Im "Idealfall" bemerken diese den Übergriff gar nicht, aber um eine Entdeckung zu vermeiden, ist Dr.Philipp manchmal gezwungen, Zeuginnen zu beseitigen.

Wer glaubt, daß so etwas auffallen müßte, kennt die innere Logik von Krankenhäusern nicht. In einem Umfeld, in dem der Tod Alltag ist und völlig unbekannte Menschen eng beieinander liegen, gibt es immer nachvollziehbare Begründungen, warum plötzlich Jemand nicht mehr in seinem Zimmer ist oder verstirbt. Man muß schon sehr genau beobachten, um Ungereimtheiten zu entdecken und manipulatives Verhalten nachweisen zu können. So kommt es regelmäßig bei Operationen zu Komplikationen wegen unzureichender Narkotisierungen. Die Patienten wachen plötzlich auf, weil das Mittel zu schwach ist. Keiner der Beteiligten, die sich daraufhin dem Vorwurf mangelhafter Arbeit ausgesetzt sehen, kommt auf die Idee, daß die Mittel leicht verdünnt sind, weil Jemand geringe Mengen Narkosemittel stiehlt und gegen Wasser austauscht...

Wer an Hand dieses Plots an eine weitere Variante eines Films über selbstherrliche Mediziner a la "Anatomie" glaubt, wird enttäuscht sein, denn dieser "Horror" bildet nur den Rahmen für eine ganz andere Geschichte. Zwar kokketiert "Wer tötet Bambi ?" ein wenig mit dem vordergründigen Schrecken, aber der Betrachter merkt schnell, daß der Film an etwas anderem interessiert ist.

Die weiblichen Opfer bleiben fast völlig anonym, so daß ein Mitfiebern mit deren Schicksal nicht erzeugt wird - normalerweise eine Grundvoraussetzung für einen klassischen Horrorfilm. Zudem schildert der Film diese Ereignisse in einer ruhigen, fast lakonischen Art, die selbst, wenn Dr.Philipp in Schwierigkeiten gerät, kein höheres Tempo aufnimmt, sondern dessen dann folgende Beseitigung des Opfers nur noch andeutet. So wenig geheimnisvoll die Schilderung hier erscheint, so unkonkret wirkt sie gleichzeitig. Die Spannung entsteht dadurch ,daß der Betrachter immer ein wenig im Zweifel darüber ist, ob das Gesehene überhaupt Realität ist...

Im Mittelpunkt stehen tatsächlich nur zwei Personen - die junge Krankenschwesterschülerin Isabelle (Sophie Quinton) und Dr.Philipp. Ihre erste Begegnung ist symptomatisch für ihre entstehende "Beziehung". Sie läuft abends durch die fast leere Klinik und hat plötzlich ein Pfeifen in ihrem Ohr, daß ihre Schwindelanfälle ankündigt. Gerade als sie Dr.Philipp das erste Mal trifft, verlassen sie ihre Kräfte und sie sinkt bewußtlos nieder. Er nimmt sich ihrer an und nennt sie "Bambi", als sie ihr Bewußtsein wieder erlangt, da ihre Hilflosigkeit ihn an das schwache Rehkitz erinnert, daß nicht recht auf die Beine kommt.

Die marketingstrategische Verbindung des Films zu David Lynch ist natürlich Unsinn, aber auch nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. Denn ähnlich wie bei Lynch, entwickelt sich die eigentliche Story unterhalb des äußeren Geschehens. Und dabei geht der Film geschickt vor, denn Dr.Philip wird als attraktiver, äußerst souveräner Typ geschildert, der bestens beim weiblichen Personal ankommt. Genauso verhält sich auch Isabelle völlig normal, die einen netten Freund hat, mit dem sie regelmäßig ihre Nächte verbringt.

Deshalb wirken wenige kleine Momente verstörend, fast unlogisch. Dr.Philip entspricht so überhaupt nicht dem verklemmten Typ, der sich nur an bewußtlose Frauen heranmacht und der Moment, als Isabell ihn spontan küsst, obwohl sie sich gerade mit ihrem Freund in der Krankenhaus-Disco befindet, scheint völlig merkwürdig. Dabei handelt es sich hier gerade um den Kulminationspunkt des gesamten Films, denn zwischen Dr.Philipp und Isabelle entsteht ein Kampf, der durch gegenseitige Anziehung und gleichzeitige Abscheu gekennzeichnet ist.

Im Grund entwickelt sich hier ein "Amour Fou" der ungewöhnlichen, weil fast temperamentlosen Art. Offensichtlich erregt Dr.Philipp nur die absolute Hilflosigkeit einer Frau, was zu seiner Abscheu vor jeder Form der aktiven Sexualität - und sei es nur ein Kuss - führt. Doch Isabelle ist die einzige Frau, die diese Hilflosigkeit für ihn auch ohne Bewußtlosigkeit ausstrahlt - sozusagen das ständige "Bambi"-Syndrom, weshalb er sie auch nur so nennt. Gleichzeitig ist sie fasziniert von ihm, obwohl sie ihm auf die Schliche kommt und ihn auch bloßstellen will. Intelligent geht "Wer tötet Bambi ?" mit der klassischen Mann/Frau Konstellation um, indem er verdeutlicht, daß die Interaktion - egal wie sie daher kommt - immer auf Gegenseitigkeit beruht.
Es entwickelt sich ein spannendes Spiel zwischen den Beiden, daß sich immer weiter hochschaukelt, ohne das der Film das durch irgendeinen Aktionismus verdeutlicht...

"Wer tötet Bambi ?" erfordert vom Betrachter Geduld, Einfühlungsvermögen und nicht zuletzt eine vorurteilslose Haltung. Die Bildsprache und das Tempo entsprechen der Thematik - denn hier geht es um Schwäche und das Gefühl des Ausgeliefertsein, aber nicht nur in seinem vordergründigen Schrecken, sondern auch in seiner obsessiven, sexuell anziehenden Kraft.

Fazit : Ruhiger Film ,der eine vielschichtige Geschichte nur sehr langsam entwickelt. Die zu Beginn konventionell erzählte Story, setzt auf leichte Spannungsmomente, die aber immer mehr dem "Konflikt" zwischen den Protagonisten Isabelle und Dr.Philip weichen.

Der Schrecken des Ausgeliefertsein ist eben nur die eine Seite und wird deshalb vom Film nicht genregerecht betrachtet, sondern nur als ersten Schritt zu einer komplexen, ungewöhnlichen "Liebesgeschichte" genutzt. Genauso schwebend und fast unkonkret wie diese Beziehung betrachtet wird, wirkt der gesamte Film, der nicht auflösen, sondern nur zeigen will (7,5/10).

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