Das japanische Kino der 1930er Jahre war eine Blütezeit der fruchtbarsten, innovativsten und beeindruckendsten Filme, die das weltweite Kino zu bieten hat. Regisseure wie Yasujiro Ozu begannen ihren Stil zu entwickeln, Kenji Mizoguchi drehte mit Filmen wie „Sisters of the Gion“ seine ersten Meisterwerke und dann war da noch ein anderer großer Regisseur – Sadao Yamanaka. Der Tod von Sadao Yamanaka, er starb 1938 in der Mandschurei im Alter von nur 29 Jahren, ist einer der größten Verluste des Filmes weltweit. Leider sind nur noch drei Filme von ihm bis heute erhalten geblieben, aus einer Filmografie von 22. Alles sind spätere Arbeiten: "The Million Ryo Pot" von 1935, "Kochiyama Soshun" von 1936 und schließlich "Humanity and Paper Ballons", der sich leider als sein letzter Film erwies. Doch solch ein Schicksal ereilte nicht nur die Filme von Yamanaka: Eine hohe Anzahl der japanischen Filme, die vor 1945 hergestellt wurden, gelten heute als verloren. Entweder durch Nachlässigkeit der Studios oder durch die Bombardierung der Alliierten im II. Weltkrieg. Sieht man sich „Humanity and Paper Balloons“ an (und seinen etwas humoristischeren Film „Sazen Tange and the Pot worth a Million Ryo„) kann man nichts anderes tun als darüber nachzudenken, was für großartige Meisterwerke der Mann denn noch gemacht hatte und vielleicht hätte machen können.
„Humanity and Paper Ballons“ beginnt und endet mit einem Suizid. Wir befinden uns in einen der ärmsten Viertel von Edo (dem heutigen Tokio): hier leben Ronin (herrenlose Samurai), abgehalfterte Banditen, Erwerbslose und andere Verlierer der Gesellschaft. Das Hauptaugenmerk des Filmes wird auf den Ronin Matajuro Unno (Chojuro Kawarasaki) und seine Frau Otaki (Shizue Yamagishi) gerichtet. Nach dem Tode seines Meisters wurde der Samurai Matajuro herrenlos und muss nun durch die Gegend wandern um eine neue Stellung zu finden. Er kennt eine wichtige Person mit Einfluss, die ihm eigentlich noch was schuldig ist, da Matajuros Vater ihm einst in der Gesellschaft nach oben geholfen hat, doch erst hört er nur Vertröstungen und wird schließlich sogar kalt abgewiesen. Seine Frau sitzt den ganzen Tag über in der ärmlichen Wohnung und stellt Papierbälle her, um wenigstens etwas Geld verdienen zu können. Die Situation für die beiden wird immer hoffnungsloser…
Der Film ist schwermütig, ganz klar. Doch er ist auch realitätsnah, wir wissen, dass es solche Leute gibt, dass es sie immer gab und auch in Zukunft noch geben wird. Am ehesten vergleichbar sind vielleicht einige Filme des italienischen Neo-Realismus, der ähnliche Situationen im Leben armer Leute versuchte zu schildern. Einfluss auf den Film hatte sicherlich auch die Zeit, in der er entstand: nur ein paar Jahre vor dem Film brach die Große Depression aus und trieb viele Leute in die Armut. Doch so schwermütig der Film auch ist, hat Yamanaka soviel Einfühlungsvermögen für seine Charaktere, dass wir uns einfach mit der Zeit freuen, mit diesen Leuten eine gewisse Zeitspanne zu verbringen. Denn trotz ihrer Armut und ihrer ständigen Enttäuschungen haben die Leute nicht ihren Stolz verloren, und versuchen alles um ihre Situation besser zu gestalten. Aufgeheitert wird der Film außerdem durch den ehemaligen Frisör Shinza (Kanemon Nakamura), der ständig geheime Glücksspiele veranstaltet, und darum von Banditen die dieses Viertel kontrollieren immer wieder eins ausgewischt bekommt. Doch er hält den Kopf stets hoch, ist lebhaft und pulsierend und lässt sich von den widrigen Umständen nicht unterkriegen. Bis auch er im Verlauf des Filmes einmal in eine ernste Situation gelangt, doch auch da geht er konsequent seinen Weg mit erhobenem Kopf...
Es ist ein ruhiger, ein melancholischer Film. Die Kamera verharrt meistens ruhig auf ihren Platz und lässt die Schauspieler in teils langen Einstellungen ihr Spiel brillant entfalten. Die Darsteller sind allesamt aus dem Theater, um genau zu sein aus der Theater-Gruppe „Zenshin-za“, die ihre Rollen so überzeugend spielen wie es nur geht.
Yamanaka hat das Filmhandwerk alleine durch die Sichtung von amerikanischen Filmen erlernt (die zu dieser Zeit wirklich fast alle japanischen Regisseure sich als Vorbild nahmen). Mit „Humanity and Paper Ballons“, seinem letzten Film, ist ihm jedoch ein bedeutender Schritt in Richtung Eigenständigkeit und Originalität gelungen.
Hätte Yamanaka überlebt, wäre er vielleicht einst so anerkannt worden wie Akira Kurosawa oder wie Kenji Mizoguchi. Einfluss auf diese beiden Regisseure hatte Yamanaka jedenfalls, und sicherlich nicht nur auf diese. Kurosawa hatte oft davon gesprochen, wie sehr er die Filme Yamanakas schätze, und auch Ozu war eng mit ihm befreundet. Man kann es sich gut vorstellen. Gibt es doch einige Szenen in den Filmen dieser Regisseure, die sehr an Yamanaka erinnern. So bei Ozu eine Regen-Szene in einem seiner späteren Filme, die vielleicht, wenn auch nur unbewusst, von den wunderschönen Szenen im Regen in Yamanakas Film beeinflusst worden ist.
Doch alles klagen nützt nichts. Drei Filme von ihm gibt es noch – und sie alleine schon stehen für einen der größten Filmregisseure des Weltkinos. Sein Testament schloß Yamanaka mit den Worten: „Please make good movies.“