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Sein erster selbst produzierter Hollywood-Film, sein erster Farbfilm und zugleich ein filmtechnisch recht gewagtes Experiment: Ja, das Jahr 1948 und der in diesem Jahr gedrehte „Cocktail für eine Leiche“ bedeuteten für Alfred Hitchcock den Aufbruch in neue filmische Welten. Nach Jahren der künstlerischen Unterjochung durch die Produktionsfirma David O. Selznicks und der damit einhergehenden teilweisen Unzufriedenheit mit dem eigenen Schaffen lief in jenem Jahr der Vertrag mit Selznick aus. Unter der Federführung der eigenen mit Sydney Bernstein gegründeten Produktionsfirma Transatlantik Pictures brach Hitch nun aus den künstlerischen Fesseln aus und drehte das Kammerspiel „Rope“.

„Rope“ schildert uns die Geschichte von zwei jungen Männern. Genauer gesagt eigentlich die Geschichte von drei jungen Männern. Zwei dieser Männer beschließen, fasziniert von Diskussionen über den „Perfekten Mord“, eben jenen dritten jungen Mann umzubringen. Anschließend deponieren sie die Leiche in einer Truhe in ihrem Wohnzimmer und empfangen wenige Minuten später schon Gäste. Gäste einer Abschiedsparty, von der niemand weiß, für wen die Party tatsächlich gegeben wird, denn sie alle trinken ihren „Cocktail für eine Leiche“. Was reichlich makaber klingt, ist es letztlich auch: Das Buffet wird auf dem provisorischen Sarkophag hergerichtet, die Gäste – unter ihnen auch Vater, Tante, Freundin und bester Freund des Opfers – amüsieren sich zunächst köstlich auf der wundervollen Party. Doch nach und nach liefert uns Hitchcock immer mehr Nervenkitzel. Werden die beiden Mörder Brandon Shaw (John Dall) und Phillip Morgan (Farley Granger) ihr Geheimnis bis zum bitteren Ende – bis der letzte Gast die Feier verlassen hat – für sich behalten können oder verrät ihr mitunter recht auffällig nervöses Verhalten letzten Endes doch ihre schreckliche Tat? Schließlich muss der Zuschauer erkennen, dass nur einer der Gäste auf intellektuell gleicher Höhe mit den mörderischen Studenten ist: deren ehemaliger Lehrer Rupert Cadell (James Stewart).

War Hichchock denn nun – nach den Jahren der Unzufriedenheit – endlich wieder mit einem seiner Werke vollends zufrieden? Man sollte es annehmen, doch der „Master of Suspense“ bezeichnete seine erste Eigenproduktion auch Jahre später noch als „idiotischen Versuch“. Dabei war dieser Versuch ganz und gar nicht so idiotisch wie es Hitchcock gerne selbstkritisch sah. Dieses filmische Experiment kann man schon als bahnbrechend ansehen: Hitch wollte diesen Film in Echtzeit, mit nur einen einzigen Einstellung drehen. Die Laufzeit ist bei „Rope“ also gleichzusetzen mit der tatsächlichen Handlungszeit. Ist das also jetzt gleichzusetzen mit der Echtzeit-Action-Serie „24“? Keineswegs. Denn im Falle vom „Cocktail für eine Leiche“ haben wir keine Schnitte – zumindest keine „harten Schnitte“, denn letzten Endes sah sich Hitchcock durch die Filmtechnik eingeschränkt: auf eine Filmrolle passten nur ca. 8 Minuten Film, nicht ausreichend für einen abendfüllenden Spielfilm. Also drehte er eine Rolle in einer durchgehenden Einstellung ab, ließ kurz vorm Ende der Filmrolle einen Darsteller mit dem Rücken zur Kamera stehen, um einen schwarzen Bildschirm zu erzeugen und im scheinbar gleichen Moment (jedoch mit einer neuen Filmrolle) wieder aus dem Schwarzen wieder hinein in die Handlung zu blenden. Ein recht simpler, nicht immer schön anzusehender aber äußerst effektiver Kniff, die selbst auferlegte Mission eines durchgehend gedrehten Echtzeitfilmes zu erfüllen. Beachtenswert ist dabei die Leistung des gesamten Teams: die Schauspieler mussten mit allerhöchster Konzentration zu Werke gehen, nur ein einziger Versprecher in der 7.Minute einer Aufnahme hätte die gesamte Aufnahme zunichte gemacht und einen erneuten Take verursacht. Dem Kameramann oblag es, eine von Hitchcock festgelegte Choreographie auf den Punkt genau zu befolgen: Bei Stichwort X musste die Kamera genau in Einstellung Y sein, Abweichungen wären unverzeihlich gewesen. Und ganz nebenbei wurden – vor allen Dingen bei Kamerafahrten in andere Räume des Appartments – Möbel und Wände verrückt, so dass man schon von einem kleinen logistischen Meisterwerk sprechen kann. Dass das Gesamtwerk dabei so stimmig und technisch überaus gelungen ist, mochte Hitchcock zwar nie anerkennen, aber: Es ist so!

Für die Schauspieler war dieser Dreh somit mit Sicherheit nicht einer ihrer angenehmsten gewesen, und doch merkt man ihnen die Freude, an einem solch außergewöhnlichen Projekt teilzunehmen, irgendwie an. Allen voran ist die Leistung James Stewarts zu erwähnen, der zwar hier nicht auf dem höchsten Niveau seines Könnens agiert, aber doch aus dem mit 7 Schauspielern recht dünnen Cast hervorragt. Das Drehbuch bleibt tatsächlich von der ersten bis zur letzten Minute nahezu deckungsgleich zur Vorlage - dem gleichnamigen Theaterstück von Patrick Hamilton - ganz so, wie Hitchcock es wollte - als auf die Leinwand gebanntes Kammerspiel. Dadurch, dass neben dem echtzeitlichen einen Handlungsstrang auch nur ein einziger, einheitlicher Handlungsort - das Appartment der Mörder - gewählt wurde, entsteht so tatsächlich der Eindruck die Aufnahme eines Theaterstückes zu betrachten. In diesem Aspekt muss man Alfred Hitchcock auf jeden Fall attestieren, dass er seine Intention zu 100% erfüllt hat.

„Cocktail für eine Leiche“ – einer der berüchtigten „Fünf verlorenen Hitchcocks“, die erst 1984 wieder auftauchten – war ein nie von seinem Schöpfer geliebtes Kind. Aber auch wenn der Meister selbst nicht zufrieden mit dem Gesamten war: „Rope“ ist – vor allen Dingen in filmtechnischer Hinsicht – ein überaus interessanter Streifen geworden. Ein Experiment, das die Genialität eines Alfred Hitchcock ein weiteres Mal aufzeigt. 8 von 10!

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