Joy Batchelors und John Halas’ Übertragung des Romans „Animal Farm“ von Visionär George Orwell auf die Leinwand gehört noch heute zu einem der faszinierendsten Zeichentrickfilmen, die je gedreht wurden, und ist, wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, gleichzeitig die Bestätigung, daß diese nicht allein kindgerechte Botschaften transportieren müssen, sondern Erwachsene noch weitaus mehr ansprechen können, weil darin Wahrheiten ausgesprochen werden, die ein Kind gar nicht erfassen kann. Deshalb wird „Animal Farm“ auch vorwiegend erst als Schullektüre für Mittel- und Oberstufe behandelt, die Kleinen werden mit dem Gesehenen überfordert sein und sich mit der Düsternis schwer tun, die vor visuell zwar zurückhaltenden, aber inhaltlich eindeutigen Themen wie Mord und Totschlag keinen Halt macht.
Sollte tatsächlich jemand mit dem Werk nichts anfangen können, so sei ihm kurz gesagt, daß Orwell sich mit der politischen Geschichte der Sowjetunion ab 1917, als Josef Stalin nach Februar- und Oktoberrevolution der Unterdrückung des Volkes durch Zar Nikolaus II. ein Ende setzte und einige Jahre später die alleinige Macht über das Land ergriff, um danach selbst eine Schreckensherrschaft zu leiten, auseinandersetzte und diese in Form einer Fabel auf die Tierwelt übertrug. Da Bauer Jones seinen Bauernhof verwahrlosen und seine Tiere Hunger leiden läßt, zetteln diese eine Revolution an und jagen den Suffkopf vom Hof. Unter Leitung der Schweine Schneeball und Napoleon werden neue Gebote erstellt (das wohl wichtigste: „Alle Tiere sind gleich“) und die Farm auf Vordermann gebracht. Dem intriganten Napoleon geht es jedoch nicht um das Wohlergehen aller Tiere. Er hat andere Ziele im Sinn: Er jagt seinerseits Schneeball davon, gibt dessen Ideen (den Bau einer Windmühle) als seine eigenen aus und wird als alleiniger Führer auf den Thron gehievt. Es dauert nicht lange, bis das soziale Ungleichgewicht wieder hergestellt ist: Während es sich die Schweine richtig gut gehen lassen und auch wieder mit den Menschen kooperieren, müssen die anderen Tiere noch härter als vorher schuften, denn „alle Tiere sind gleich, aber einige sind gleicher als andere“, wie alsbald auf der Gesetzestafel steht.
Orwell läßt nicht nur kein gutes Haar an der Entwicklung in Osteuropa, sondern übt allgemein scharfe Kritik an politischen Gruppen. Dabei kommt er zu dem ernüchternden Schluß, daß ein Land, egal wer auch immer an der Macht sein mag und wie gut gemeint die ursprünglichen Absichten eines politischen Umsturzes auch sein mögen, kurzfristige Aufschwünge hin oder her, früher oder später wieder in die überstanden geglaubten schlechten Zeiten zurückfallen wird, weil der Durst nach Macht und der Hunger nach Reichtum für die Entscheidungsträger unstillbar ist. Die an der Spitze leben in Saus und Braus, unter der Situation leidet der einfache Arbeiter, der womöglich auch von der Intelligenz her nicht dazu in der Lage ist, dauerhaft einen erfolgversprechenden Umschwung einzuleiten, und immer länger und stärker arbeiten muß, um doch immer weniger Lohn zu erhalten. Batchelor und Halas gelingt es, Orwells Absichten, das vermutlich sogar von Frustration über den Istzustand (der Roman wurde 1945 herausgebracht) geprägte Wachrütteln seiner Leser, sehr überzeugend nun auch in der Verfilmung für die Zuschauer unterzubringen.
Den Handlungsverlauf des Buchs findet man weitgehend auch im Film wieder. Aus Gründen der Straffung werden vereinzelt tierische und menschliche Figuren der Vorlage ausgelassen und verschiedene Elemente verkürzt oder schlichtweg anders wiedergegeben. Im Film wird Schneeball als unliebsamer Feind etwa von den Handlangern Napoleons, den Hunden, zu Tode gehetzt, während er im Buch überleben darf, dafür aber fortan für alles Negative verantwortlich gemacht und der Kooperation mit den Menschen bezichtigt. Die Vielschichtigkeit der Vorlage mag insgesamt durch die Streichungen nicht ganz erreicht werden (so fällt Mr. Frederick ganz weg, der symbolisch Adolf Hitler und das Dritte Reich darstellt – die Sprengung der Windmühle geht im Roman auf sein Konto, im Film übernimmt dies Bauer Jones, der gleichzeitig Selbstmord begeht), aber die Veränderungen bleiben im Rahmen und schwächen an keiner Stelle die Aussagekraft ab, denn auch hier steht jede vorkommende Figur stellvertretend für eine real gelebt habende politische Persönlichkeit und die entscheidenden Plotpunkte spielen auf die historischen Geschehnisse innerhalb der Sowjetunion an.
Die Ausgangssituation auf dem Bauernhof zu Beginn findet seine Parallelen in der Regentschaft des Zaren Nikolaus II. und das Aufbegehren der Tiere gegen Jones und kurz darauf gegen dessen Bauernkollegen mit ihren Heugabeln beschreibt Februar- und Oktoberrevolution, die zum Sturz von Nikolaus II. führten. Die Aufstellung neuer Gesetze durch die Tiere, der sogenannte Animalismus, ist eine Allegorie auf den Kommunismus, der durch die Herrschaft von Schwein Napoleon und seinen artgleichen Untergebenen in den Stalinismus, eine weitere Schreckensherrschaft, übergeht. Ähnlichkeiten mit Stalin (Napoleon) und seinem Widersacher Leo Trotzki (Schneeball), der kurzerhand aus dem Weg geräumt wird, und das starke Pferd Boxer, das treu seine Aufgaben erledigt, Überstunden macht, ohne das System ernsthaft zu hinterfragen, als Repräsentation des einfachen Volkes sind kein Zufall. Dahingegen stellt der Bau und die Fertigstellung der Windmühle die große Triebfeder der Tiere dar, das Synonym für das große Ziel, den großen Traum, den es zu erfüllen gilt, allerdings letzten Endes doch nur den führenden Schweinen in die Karten spielt und das Leid des Volkes vergrößert. Orwells Vorlage ist so intelligent vollgepackt mit derartigen Symbolen, daß es den Rahmen sprengen würde, all dies in einen Film unterzubringen, doch „Animal Farm“ schafft den Spagat, der Vorlage gerecht zu werden und deren Intentionen umfassend wiederzugeben.
Die gravierendste Abweichung des Films, die dann auch vielfach als Kritikpunkt hervorgehoben wird, ist der Schluß. Orwell ließ seine Fabel mit der Gleichstellung Schwein und Mensch enden, einer erschreckenden Erkenntnis, die eben umso deutlicher zeigt, daß die Revolution, von der man sich eine bessere Zukunft versprochen hatte, endgültig gescheitert ist, weil die Herrschaft in die falschen Hände geraten ist. Ob Bauer oder Schwein – am Ende steht so oder so der Niedergang, und das Volk ist der Dumme. Der Film indes geht noch drei Minuten weiter und läßt den Farmtieren noch eine Art Gerechtigkeit zukommen, indem sie in einer weiteren Revolution die Schweine töten und der Weg frei ist für einen weiteren Versuch, die Ordnung wieder herzustellen, alles auf Null sozusagen. Wer dieses Ende als unpassendes Happy End wertet (es ist auch zu erwarten, daß es den Regisseuren aufgedrückt wurde, damit der Film nicht gänzlich deprimierend schließt), übersieht die pessimistische Grundstimmung der Geschichte. Ja, die Tiere mögen nun wieder frei sein, aber das waren sie in der Post-Jones-Ära auch, und wo das hinführte, davon handelte eine knappe Stunde. Es steht nicht zu erwarten, daß durch die erneute Revolte dauerhafte Besserung einkehren wird.
Zeichnerisch ist „Animal Farm“ auf beachtlichem Niveau. Wie so oft gilt, daß der Film mit einem typischen bunten Disney dieser Zeit natürlich nicht mithalten kann, doch die ausgeblichenen Farben tragen nur positiv zum tristen Stimmungsbild bei. Songs würden deplaziert wirken, stattdessen beschränkt man sich auf einen namens „Tiere Englands“, der wiederum als Analogie für die Internationale, dem Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung, anzusehen ist. Die Melodie wird mehrfach angestimmt und fungiert als Leitmotiv auch zum Vor- und Nachspann des Films. Sie steht für den Wunsch nach Freiheit, dem Zurücklassen der traurigen Vergangenheit.
Man kann Batchelor und Halas gar nicht hoch genug anrechnen, Orwells zutiefst komplexes Werk auch in Filmform umgewandelt zu haben, weil dadurch nur ein noch größeres Publikum darauf aufmerksam gemacht werden konnte, welche Gefahren die Politik in sich birgt. Ich sehe „Animal Farm“ nicht nur als Wiedergabe wahrer Ereignisse, die sich in der damaligen Sowjetunion ungefähr in der Art abspielten, in Form einer Parabel, sondern allgemein als immer aktuelle Warnung vor politischen Führern, die egoistisch nur an ihren Wohlstand denken und dabei notfalls sogar über Leichen gehen. Ein zutiefst bedrückendes Beispiel, wie man mit dem Medium Zeichentrickfilm kritische und vor allem wichtige Aufklärungsarbeit betreiben kann. Unbedingt der verwässerten TV-Realverfilmung von 1999 vorzuziehen – die hat nämlich wirklich ein unangebrachtes Happy End. 9/10.