Review

„Jesus rocks!“

Vor kurzem ist Mel Gibsons letztes Regiewerk „Apocalypto" auf DVD erschienen. Nun werden sie sich (zurecht) fragen, welche Verbindung zwischen diesem Film und dem Musical „Jesus Christ Superstar" besteht. Die Antwort liegt in der Art der Präsentation und Darstellung von Bildern und Einstellungen, sowie in Mel Gibsons Film „Die Passion Christi". Dieser ist das Bindeglied zwischen „Apocalypto" und „Jesus Christ Superstar". Anscheinend hat Herr Gibson versucht mit seinen neuesten Werken irgendwelche persönlichen Obsessionen oder Zwänge zu verarbeiten, denn wie man in zahlreichen Berichten und Fachzeitschriften lesen kann, soll der „Maya - Schocker" „Apocalypto" ähnlich brutal, grausam und blutrünstig sein, wie der Leidensweg Jesu in der „Passion Christi". Dass man das Schicksal Jesu aber mindestens ebenso eindringlich und bildgewaltig in Szene setzen kann und noch dazu auf ein derart abstoßendes Gemetzel a là Gibson verzichten kann, haben die beiden Regisseure Nick Morris und Gale Edwards bereits im Jahr 2000 mit der hier vorliegenden DVD - Version von Andrew Lloyd Webbers Musical „Jesus Christ Superstar" eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Selbst wenn man kein Experte auf dem Gebiet des Musicals, bzw. der Musik allgemein ist, so hat bestimmt jeder schon einmal Bekanntschaft mit dem Namen Andrew Lloyd Webber gemacht. Aus seiner Feder stammen eine große Anzahl der wohl bekanntesten und berühmtesten Musicals neben „Jesus Christ Superstar": „Cats" (1981), „Starlight Express" (1984) und „Phantom of the Opera" (1986). Andrew Lloyd Webber wurde am 22. März 1948 in London geboren. Sein Vater war Professor für Komposition am Royal College of Music in London, während seine Mutter den Beruf einer Klavierpädagogin ausübte. Nach dem Abbruch des Geschichtestudiums in Oxford begann seine Zusammenarbeit mit Tim Rice. Ihr erstes gemeinsames Musical "The Likes Of Us" (1956) war eine Enttäuschung für das junge Team, da keiner in eine teure Musical-Produktion von Unbekannten investieren wollte. Doch ihr nächstes Projekt "Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat" (1968) sollte ihnen einen Achtungserfolg bescheren. Der endgültige Durchbruch gelang schließlich mit "Jesus Christ Superstar" (1971). Das letzte gemeinsame Musical bevor sie die gemeinsame Zusammenarbeit beendeten war "Evita" (1978), welches 1996 ebenfalls sehr erfolgreich mit Madonna als Eva Péron („Don´t cry form e Argentina") verfilmt wurde.

Anders als „Die Passion Christi" handelt das Musical nicht nur von den letzten zwölf Stunden, sondern von den letzten sieben Tagen im Leben Jesu Christi. Meines Erachtens wurde dieser längere Leidensweg jedoch kurzweiliger, „unterhaltsamer" (hier stellt sich natürlich die Frage, ob dieser Stoff als Unterhaltung geeignet ist) und eindrucksvoller umgesetzt als die nur schwer verdaulichen zwölf Stunden in Mel Gibsons Werk. Andrew Lloyd Webber hat die Passionsgeschichte allerdings nicht wortwörtlich aus der Bibel übernommen (bei Mel Gibson scheint dies im wahrsten Sinne des Wortes der Fall zu sein), sondern erzählt sie in einer modernen Fassung. Während die Menschen Jesus von Nazahreth für den Sohn Gottes halten, glaubt Judas, Jesus engster Freund, der von der ganzen Begeisterung um den Sohn Gottes mittlerweile desillusioniert ist, dass Jesus die Situation langsam aber sicher aus den Händen gleitet. Im Glauben, Jesus stoppen zu müssen, um ihm und seinen Jüngern das Leben zu retten, vertraut sich Judas den Priestern an. Die Römer werden von den Pharisäern dazu gebracht, dem Volksaufwiegler den Prozess zu machen, den sie als falschen Propheten, Gaukler und Super-Showman verspotten. Das Ende dürfte wohl vermutlich jedem hinlänglich bekannt sein. Nachdem er die Wächter in den Garten Getsemani geführt hat, erkennt Judas, dass er von Gott benutzt wurde, um Jesus als Märtyrer sterben zu lassen. Aus Reue und mit der Gewissheit, dass Jesus als „Superstar" abtreten wird, erhängt sich Judas später.

Nun zur Entstehungsgeschichte des Musicals „Jesus Christ Superstar": Im November 1969 erschien in England die Single "Superstar" von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice. Nach dem die Single recht erfolgreich war, erweiterte das Komponistenteam diese zu einer Rock-Oper mit einer Laufzeit von 87 Minuten. Dieser Longplayer führte 1970 in England mehrere Wochen die Charts an. Nach diesem unglaublichen Erfolg entstand eine Konzertfassung bevor das Musical anfangs in 2 Akten am 12.10.1971 am New Yorker Broadway im „Mark Hellinger Theatre" seine Premiere erlebte. Die erste und vermutlich auch bekanntere Filmversion des Musicals entstand bereits 1973, die sich jedoch etwas von der hier vorliegenden Filmfassung aus dem Jahr 2000 unterscheidet.

Ein Grund für den unglaublichen Erfolg des Musicals damals dürfte im damalig vorherrschenden Zeitgeist liegen. Die Gesellschaft erholte sich gerade von dem Jahrhundertereignis Woodstock (1969). Viele, vor allem Jugendliche ließen ihrem Lebensgefühl freien Lauf (Stichwort: Hippies, Flower - Power) und begaben sich, oftmals unterstützt durch Drogen auf eine Suche zu sich selbst. Neue Ideen und Klänge gingen auch an den Musicals nicht vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen. Zu dieser Entwicklung gehörte auch das Musical „Hair" (1967), das sich intensiv mit den Problemen Jugendlicher und deren aktueller Lage beschäftigt. Auch der musikalische Stil und die Instrumentalisierung passten sich den neuen Anforderungen an. Aktuelle Rockmusik verdrängte Orchester- und Jazzelemente. Des Weiteren setzte sich eine neue Tendenz in der Kompositionsweise durch: die früheren handlungstragenden Dialoge im „natürlichen" Sprachstil verschwanden, es wurde nun, wie in vielen großen Opern, durchgehend gesungen. Die Musik schaffte so einen lückenlosen Zusammenhang. Im Zuge dieser Selbstfindunsgwelle kam das Musical „Jesus Christ Superstar" gerade recht, welches von Webber und Rice kongenial mit für die damalige Zeit revolutionären Mitteln inszeniert wurde: moderne Alltagssprache, Darstellern aus unterschiedlichsten Kulturkreisen mit den unterschiedlichsten Neigungen, einem eher schlichten, aber umso beeindruckenden Bühnenbild und natürlich der rockig-fetzigen Musik. In der hier vorliegenden Version aus dem Jahr 2000 richtet der Regisseurs den Fokus jedoch nicht mehr wie in der 1973er Fassung auf die Botschaft von Flower-Power und Selbstfindung, sondern konzentriert sich eher auf die religiöse Darstellung des Sohn Gottes: Jesus als der Unverstandene, in dem jeder etwas anderes sieht. Diese moderne Version des Bühnenklassikers überrascht gekonnt mit deutlichem Gegenwartsbezug.

Die Instrumentierung der Rock-Oper ist indes streng beim Original geblieben und so unterstützt ein großes Symphonieorchester nur "im Hintergrund" die harte Rockmusik. Nichts desto trotz hat Andrew Lloyd Webber jedem Hauptdarsteller ein persönliches musikalisches Thema, als Erkennungsmelodie quasi auf den Leib geschrieben. Der Betrachter erkennt jedoch nicht nur am musikalischen Thema die jeweilige Person, sondern auch an der entsprechenden Instrumentierung. So erkennt man Judas bereits nach wenigen Sekunden unmittelbar am wiederkehrenden harten, abgehackten Gitarrenriff, Jesus hingegen wird musikalisch eher sanfter und strahlender z.B. durch Blechbläser präsentiert. Prinzipiell kann man durchaus behaupten, dass im Musical die Bühnenproduktion absoluten Vorrang hat. Die Show, die in der Regel Tag für Tag oftmals im eigens dafür erbauten Musicaltheater aufgeführt wird, ist also in gewisser Weise wichtiger als die Musik für sich allein. Umso mehr sollte man deshalb den Machern dieser Filmversion, allen voran dem Regisseur Nick Morris, für die brillante Auswahl der Hauptdarsteller gratulieren, sowie der Choreographie von Anthony Van Laast und den Kostümen von Roger Kirk.

Glenn Carter spielt den Jesus von Nazareth, Sohn Gottes. Der Tenor verkörpert einen menschlichen Jesus, der seine Jünger ohne Gewalt zum Sieg führen will. Er ist von der Scheinheiligkeit der Händler im Tempel genauso verärgert, wie von der Übermacht von Armut und Elend. Obwohl er zumindest anfangs lässig in normaler, grauer Alltagshose mit weißem Unterhemd auftritt, ist er nicht der absolute Übermensch, der keine quälende Angst vor dem Tod hat. Trost und Unterstützung findet er in Maria Magdalena (Renee Castle), die er liebt und mit der er Judas (Jérôme Pradon) gekonnt Paroli bietet. Resignierend und völlig passiv lässt er im Gegensatz zum starken Judas, der eigentlichen zentralen Figur im Musical, alles auf sich zukommen und mit sich geschehen. Niemand, nicht einmal er selbst, versteht den Sinn seines Leidensweges. Dieser kann schließlich erst im Lichte der Auferstehung verständlich werden. Glenn Carter kann sowohl schauspielerisch aber vor allem gesanglich durchaus überzeugen. Der gebürtige Engländer, der in der Nähe von Liverpool groß geworden ist, trat als Jesus von Nazareth bereits auch schon in Theatern im Londoner West End sowie am New Yorker Broadway auf. Seine Ausbildung erhielt er an der „Arts Educational School", einer freien Londoner Schule die sich auf Gesang und Schauspiel spezialisiert hat. Den Lohn dieser Ausbildung stellt er eindrucksvoll in seinem vermutlich bekanntesten Solostück „Gethsemane" unter Beweis.

Gesanglich noch einen Tick besser ist meines Erachtens sein Gegenspieler Judas Iscariot, der exzellent von den Tenor Jérôme Pradon gemimt wird. Judas präsentiert sich als der rebellische Rocker im Lederoutfit. Er ist die eigentlich dynamische Figur im Kreis um Jesus, die gegen die soziale Ungerechtigkeit und die nationale Unterdrückung durch die Römer aufbegehrt. Enttäuscht über Jesus, in dem er den Vollender seiner Ziele gesehen hat, verrät er ihn. Dies tut er nicht des Geldes wegen, sondern um das israelitische Volk vor einer möglichen Rache der Römer zu bewahren. Judas wird im Musical als Werkzeug im Erlösungswerk Gottes dargestellt. Er wird bedauert, aber nicht verdammt. Wie auch Glenn Carter, ist Pradon schon in zahlreichen Musicals in Erscheinung getreten (z.B. „Les Misérables") und ist momentan zu bewundern in der Musical - Adaption von Tolkiens Meisterwerk „The Lord of the Rings" im Londoner West End. Er wurde am 3. Juni 1963 in Boulogne-Billancourt in Frankreich geboren. Gleich eines der ersten Stücke des Musicals ist ein ausdrucksstarkes Solo von ihm: „Heaven on their minds". Untermalt mit dem bereits erwähnten musikalischen Thema zeigt er in diesem Song sein ganzes Können.

Das wohl bekannteste Stück des ganzen Musicals wird intoniert von der tiefen Sopranistin Renee Castle als Maria Magdalena, der Geliebten von Jesus. Es handelt sich um die ruhige, eingängige Ballade „I don´t know how to love him". Darin bringt Maria Magdalena, als ehemalige Prostituierte äußerst gefühlvoll und hingebungsvoll zum Ausdruck, wie ihr klar wird, dass ihre Liebe zu Jesus immer unerwidert bleiben wird und dass sie ihn an sich auch nicht besitzen möchte. Mit Renee Castle hat man meines Erachtens die bestmögliche Besetzung für die Rolle der Maria Magdalena gefunden.

Die Riege der „Bösen" im Musical wird angeführt von dem Bariton Fred Johanson als Pontius Pilatus. Sein erster Auftritt kann etwas schockierend auf den Betrachter wirken. Er tritt auf als Gestapo - Offizier mit modernsten "Big Brother" - Überwachungsmonitoren, ein Maschinengewehr im Anschlag. Die Offiziere, die ihn begleiten erinnern an durch ihre Helme an „kleine" Darth Vaders a là „Star Wars". Pontius Pilatus mit seiner Mannschaft steht in krassem Gegensatz zu dem friedfertigen Jesus. Pilatus war in den Jahren von 26 bis 36 n. Chr. Präfekt (Statthalter) des römischen Kaisers Tiberius in der Provinz Judäa. Bekannt ist er vor allem durch die Passionsgeschichte im Neuen Testament der Bibel geworden, der zufolge er Jesus zum Tod am Kreuz verurteilte und die Hinrichtung durchführen ließ. Die Kreuzigung von Jesus wird gefordert von den beiden Hohenpriestern. Ihre Stimmen bilden krasse Gegensätze. Beide werden dargestellt von dem Tenor Michael Shaeffer als Annas und dem Bass Frederick B. Owens als Kaiphas. Einen skurrilsten Auftritt im Musical hat der britische Schauspieler und Komödiant Rik Mayall als König Herodes. Im Film singt er nur einen Song („Herod´s Song") mit quäkiger, „tuntig"-anmutender Stimme eines Baritons. Herodes wurde und wird durch die nur im Neuen Testament wiedergegebene Geschichte mit dem Betlehemitischen Kindermord im Christentum teilweise geradezu als Inkarnation des Bösen (des Teufels) betrachtet. Auf der „Making - Off" - Dokumentation der DVD scherzt Mayall "[...] the reason why a million, billion people want to come and see this is because I'm in it! Me and Jesus!" Es ist schon etwas ungewöhnlich, dass ein derart grausamer König auf diese unkonventionelle Art dargestellt wird, aber es ist gerade dieser Mix aus verschiedenen, einzigartigen Charakteren in der Besetzungsliste, wodurch das Gesamtkonzept von „Jesus Christ Superstar" seine Anziehungskraft und seine Faszination schöpft.

FAZIT:

Leider liegt nur eine englische Audiospur (5.1) vor. Dies ist zwar logisch, da es ein unheimlicher Aufwand gewesen wäre, diese durchweg sehr guten Gesangsleistungen so zu synchronisieren, dass die Qualität in deutscher Sprache genauso gut ist wie die Englische, aber auch wiederum schade. So wird die Aufmerksamkeit ab und an leider vom eigentlichen Geschehen dadurch abgelenkt, um die deutschen Untertitel mit zu verfolgen. Die Musik und die entsprechend exzellente gesangliche Umsetzung sind eine Klasse für sich. Im Musical „Jesus Christ Superstar" fügt sich eine bekannte Melodie an die andere. Selbst wenn man kein Freund des Musicals ist, wird man anerkennen müssen, dass diese Version von „Jesus Christ" ein wunderbares Erlebnis ist. Im Musical findet man keine aufgesetzten Hollywood - Kitschelemente wie in so manchen Musicalverfilmungen der letzten Zeit (Stichwort: „Phantom der Oper", „Moulin Rouge", „Chicago") oder blutrünstiges Gemetzel a là Mel Gibson (siehe Einleitung). Es ist gerade dieses Zusammenspiel zwischen dem spartanischen Bühnenbild, den passenden Kostümen und den ausgezeichneten Darstellern, die sich unaufdringlich der Handlung unterordnen, gepaart mit Andrew Lloyd Webbers mitreißender Musik, wodurch das Gesamtkunstwerk „Jesus Christ Superstar" seine Magie und Faszination schöpft. In dieser Version entsteht Anziehungskraft und Faszination eben nicht nach dem "Gibson - Motto"  "blood sells", sondern durch eine grandiose Zusammenstellung von sehr guter bis exzellenter Qualität in allen Filmteilen bzw. Produktionsteilen. Mit dieser Fassung ist „Jesus Christ Superstar" heute immer noch so zeitgemäß wie vor 30 Jahren. In diesem Sinne: „Jesus rocks!"

(9 / 10 Punkten)

Details
Ähnliche Filme