„Blue Velvet“ ist sicherlich nette Unterhaltung, aber über den Kultstatus von Lynchs Frühwerk kann man sich definitiv streiten.
Collegestudent Jeffrey Beaumont (Kyle MacLachlan) kehrt in seine Heimatstadt zurück, als sein Vater einen Herzanfall erleidet. Er bleibt einige Tage und findet auf dem Rückweg vom Krankenhaus ein abgeschnittenes Ohr. Den Vorfall meldet er der Polizei, doch beginnt auch aus eigenem Antrieb zu ermitteln, was hinter der Sache steckt…
„Blue Velvet“ ist für Lynchs Verhältnisse ziemlich simpel, Überraschungen gibt es kaum. Nach kurzer Nachforschung und einer aus dem Wandschrank heraus belauschten Konversation sind für Jeffrey alle Zusammenhänge klar und den Übeltäter kennt er auch bereits. Wie die Geschichte ausgehen wird, kann man sich auch ohne große Erfahrung im Thrillergenre zusammenreimen, sodass man doch ein wenig die Komplexität vermisst.
Doch Lynch schafft es immerhin durch seine Inszenierung viele Punkte einzufahren und zumindest ansatzweise das Flair zu erreichen, dass seine spätere TV-Serie „Twin Peaks“ auszeichnen sollte. Vor allem der echt hypnotische Titelsong „Blue Velvet“, der hier gleich mehrfach erklingt, zieht sofort in den Bann. Ein weiteres Beispiel für die gelungene Inszenierung der Spritztour, die der fiese Fran Booth (Dennis Hopper) und seine Truppe mit Jeffrey machen: Über dem Ganzen hängt stets ein Hauch unterschwelliger Bedrohung, der nur darauf wartet auszubrechen und so die gesamte Szene ziemlich spannend macht.
Auch sonst zeigt „Blue Velvet“ neben der einigen gewohnt mysteriösen Details auch noch andere Ansätze, die vor allem „Twin Peaks“ auszeichneten, vor allem den Versuch hinter den Kulissen bürgerlicher Existenz Perversion aufzuzeigen. Das gelingt hier jedoch nicht so recht, denn die bürgerlichen Figuren, Jeffrey und die Familie des Polizeichefs, kommen nur mit dem Abgrund in Berührung, die darin steckenden Figuren haben eh alle schon zwielichtige Berufe wie Nachtclubsängerin oder Gangster (und die Sängerin steckt auch nur gezwungenermaßen in dem Sumpf fest). Das mindert die Schockwirkung der paar Nackt- und Sexszenen ab, die zudem aus heutiger Sicht eh nicht mehr so schockierend sind.
Immerhin darstellerisch ist hier alles in Ordnung. Kyle MacLachlan ist als Hauptdarsteller unter Lynch mal wieder sehr gut, aber auch Laura Dern und Isabella Rossellini erbringen sehr überzeugende Leistungen. Am besten steht jedoch Dennis Hopper als dauernd fluchender Bösewicht da, der auch in der deutschen Synchro durch exzessiven Gebrauch des Wortes „Fuck“ und Wortneuschöpfungen wie „Fickhenne“ bleibenden Eindruck hinterlässt.
„Blue Velvet“ hat zwar stellenweise die angenehme Strangeness und das Flair anderer Lynchfilm, doch leider ist der Plot ziemlich simpel und auch die angestrebte Gesellschaftskritik ist nicht so wirklich zu merken. Überdurchschnittlich gut, aber kein Meisterwerk.