Review

“She wore blue velvet,
Bluer than velvet was the night,
Softer than satin was the light…”



Das unbeschriebene Blatt Jeffrey (Kyle MacLachlan) kehrt vom Collage in sein verschlafenes Heimatnest Lumberton zurück. Auf einer Wiese findet er ein abgeschnittenes menschliches Ohr. Er übergibt es der örtlichen Polizei, beschließt aber in eigener Sache zu recherchieren. Die Spur führt zu der Barsängerin Dorothy (Isabella Rossellini). Sie wird von einem wahnsinnigen Gangster namens Frank Booth (Dennis Hopper) bedroht. Booth hat Dorothys Ehemann und Kind gekidnappt, um sie gefügig zu machen. Auch Jeffrey verfällt der lasziven Dorothy und geht eine Affäre mit ihr ein, was ihn ins Fadenkreuz der Gangster bringt…

Aus aktuellem Anlass – dem Tod von Dennis Hopper (Gott habe ihn selig) – dachte ich mir, ich zieh mir mal wieder ein paar seiner Filme rein. Einen den ich schon lange nicht mehr im Player hatte: „Blue Velvet“ von Mastermind David Lynch, der seine Psychose zum Beruf gemacht hat. Verglichen mit anderen Lynch-Werken (siehe „Mulholland Drive“, „Inland Empire“, „Eraserhead“) kommt „Blue Velvet“ tatsächlich mit einer im Grunde recht eingängigen und nachvollziehbaren Handlung aus. Oberflächlich betrachtet könnte man „Blue Velvet“ als Thriller bezeichnen, der im Gegensatz zu anderen Lynch-Erzeugnissen (wie z.B. „Twin Peaks“) weitaus weniger auf Mystery setzt und hauptsächlich von seinen starken Charakteren lebt. Doch wie bei den meisten Filmen von David Lynch spielt sich auch hier vieles unter der Oberfläche ab, man wird unweigerlich zum Nachdenken bzw. Mitdenken gezwungen und das ganze Geschehen wirkt so befremdlich und unwirklich, dass man nur schwer etwas damit anzufangen weiß.
Über starke Charaktere verfügt „Blue Velvet“ aber ohne jeden Zweifel:

- der Milchbubi Jeffrey gespielt von Kyle MacLachlan (der Typ aus „Sex and the City“, der keinen hoch kriegt),
- dessen Freundin Sandy (Laura Dern, “Jurassic Park”, “Wild at Heart”)
- Barsängerin Dorothy, die voll darauf steht von Frank verprügelt zu werden, gespielt von der wundervollen 
  Isabella Rosselini, die hier sogar singt und eine Nacktszene hat,
- und – vor allem – der irre Gangster Frank Booth gespielt von einem umwerfenden Dennis Hopper („Easy
  Rider“, „Waterworld“, „Red Rock West“, etc.), der hier eine seiner besten Vorstellungen überhaupt abliefert.

Die Rolle des Frank Booth bedarf fast, dass man mehr als nur ein Auge darauf wirft. Sie schlägt nämlich ein wie eine Bombe und will weder in das verschlafene Kleinstadtidyll, noch in das Konzept passen, dass der Film bis vor dessen Erscheinen aufgebaut hat. Dieser Frank – ein Sex süchtiger Psychopath und prügelnder Choleriker, der mit jedem Satz mindestens dreimal das Wort „Fuck“ von sich donnert und auch gern mal ein paar Züge aus der Sauerstoff- oder Lachgasflasche nimmt (weiß der Geier, was er da immer inhaliert) – …dieser Frank treibt jedenfalls so etwas wie einen Keil durch den Film und spaltet ihn entzwei. Im Zuge dessen finden sich mehrere spiegelbildlich angeordnete Erscheinungen in diesem Werk:

Das idyllische und friedliche Lumberton  –         Psychopath Frank 
Das spießige Kleinbürgertum                 –        die Freiheit zu tun, was man will  
Jeffreys Freundin Sandy                    trifft auf    Barsängerin Dorothy
Blond und naiv                                      –         brünett und weltoffen
Prüde und zugeknöpft                           –          lasziv und sexy
Zucht und Ordnung                                      trifft auf       Chaos und Zerstörung

„Blue Velvet“ lässt, wie so ziemlich jeder Film von Meister Lynch, herrlich viel Spielraum zum fröhlichen Hineininterpretieren. Spinnt man den Faden weiter so könnte man die Schlussfolgerung ziehen:

          Lumberton      =      die heile Welt, Hollywoods Scheinwelt, die innere Sicherheit

Diese trifft auf:

          Frank                =      die harte Realität

All das liegt natürlich völlig im Auge des Betrachters. Eine universelle Gebrauchsanweisung gibt es für „Blue Velvet“, wie für alle anderen Lynch-Filme, natürlich nicht. Ob man besser damit fährt den Kopf einfach auszuschalten, sich der Bilderflut zu ergeben und sich zu dem Gebotenen keinerlei Gedanken zu machen ist fraglich und höchstwahrscheinlich auch gar nicht möglich, zumal Lynch eben ein Genie darin ist den Gedankenapparat zum knattern zu bringen.
Unser Hauptcharakter Jeffrey wirkt jedenfalls ebenso hin- und hergerissen wie man sich als Zuschauer selbst fühlt. Fassungslos kommentiert er das Geschehen mit „Warum gibt es soviel Böses auf der Welt!?“ und unter Tränen räumt er ein „Es ist eine fremde, seltsame Welt!“, wo ihm wohl niemand widersprechen wird.

Was bleibt sind ein übercooler Dennis Hopper, der in die Idylle platzt und alles zertrampelt wie ein Elefant im Porzellanladen, dessen hyperfiese Sprüche („LET’S FUCK! ICH FICKE ALLES WAS SICH BEWEGT!“) und mal wieder ein hohes Maß an Befremdung.
„Blue Velvet“ ist grotesk wie lustig, spannend wie langweilig, gut wie böse und eingängig wie sperrig – einfach die perfekte Irritation. Ob man mit ihm etwas anfangen kann, hängt voll und ganz von der Tagesform, der Befindlichkeit und der Aufnahmewilligkeit des Zuschauers ab.


„Soll ich einschenken?“
– „NEIN, DU SOLLST FICKEN! SCHEIßE MANN, SCHENK DAS VERDAMMTE BIER EIN!“



Fazit:
Lynch At its Very Best! Mit den Worten Frank Booths: Einfach „zum Ficken schön“!

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