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David Lynch - Fans wissen sofort, was sie bei diesem Namen erwartet: surreale Filme, die in albtraumhaften Verwicklungen tief in die Abgründe menschlicher Seelen führen und nicht immer verständlich, sondern oft genug nur emotional erfassbar sind. In diesem Zusammenhang erweist sich "Blue Velvet" noch als eines der verständlicheren Werke des Regisseurs; dennoch spürt man ganz deutlich, dass man es hier mit einem typischen Lynch-Film zu tun hat.

Es beginnt mit dem Fund eines abgeschnittenen menschlichen Ohres und endet in einem grausigen Blutbad. Jeffrey (Kyle MacLachlan, der wohl vor allem durch Lynchs Kult-Serie "Twin Peaks" berühmt wurde), ein Junge aus der biederen Vorstadt, findet das Ohr und bringt es brav dem Sheriff. Doch sein Interesse ist geweckt und so zögert er nicht lange, als er erste Zusammenhänge erfährt - die Spur führt ihn zu der Nachtclubsängerin Dorothy (Isabella Rossellini in einer der bizarrsten Rollen ihrer Karriere). Mit ihr nun entspinnt sich eine düstere Affäre aus Sex und Erniedrigung, in der der Psychopath Frank Booth (Dennis Hopper), ein korrupter Cop, Drogen und Kidnapping eine Rolle spielen.

Wie David Lynch hier die heile Vorstadtwelt aus den Fugen springen lässt, ist wirklich grandios. Schon das Verhalten des scheinbar spießigen Jeffrey zeigt die Obsessionen, die unter der Oberfläche jedes noch so unauffälligen Menschen brodeln können - er scheint wie besessen von der Idee, heimlich in Dorothys Wohnung einzusteigen, vorgeblich, um mehr über die Herkunft des Ohres zu erfahren. Sämtliche Darsteller zeigen eine Spitzenleistung in diesem Film, doch übertroffen werden sie alle von einem Mann: Dennis Hopper. Die erschütternde Intensität, mit der er den völlig geisteskranken Psychopathen Frank Booth spielt, ist eine Klasse für sich und bräuchte den Vergleich mit Anthony Hopkins' Hannibal Lecter nicht scheuen. Hopper lebt diese Rolle, taucht tief in den kranken Verstand dieses Mannes ein, der keinen Halt in der Realität mehr hat und sich seine Freundschaften und seinen Sex durch brutale Gewalt sichert. Hätte Hopper diese Rolle nicht gespielt, der Film hätte viel von seiner Energie und Schock-Kraft verloren.

Dennoch liegt die Stärke des Films nicht nur in den Schauspielern - auch die Inszenierung zeigt höchstes Niveau. Die Bildkompositionen sind wahre Sinnbilder auf die inneren Zustände der Protagonisten, aber auch der Welt an sich: In den surrealen Lynch-Filmen spürt man stets die Anwesenheit von etwas, das zu groß und zu fremd ist, um vom Menschen verstanden zu werden. So auch hier: Schon in der Einleitung werden zu dem wunderbaren Lied "Blue Velvet" beruhigende Bilder von blühenden Blumen, lächelnden Menschen und einer friedlichen Nachbarschaft gezeigt. Bis ein Mann beim Gießen umkippt und die Kamera durch das immer dunkler werdende Gras wandert, bis sie vor einem Haufen umherschwirrender Käfer stehen bleibt. Käfer, die gigantisch scheinen und bedrohlich. Auch das immer wieder auftauchende Leitmotiv der erlöschenden Kerze vermittelt ein nicht greifbares Gefühl von Bedrohung. In Verbindung mit den durchweg streng komponierten Bildern erweist sich die Musik als Meisterleistung - hier entsteht das Abbild einer Gesellschaft, die an der Oberfläche ruhig und sicher scheint, doch nur dicht darunter in Wahnsinn und Gewalt entartet.

So ist "Blue Velvet", wenn schon nicht eines von Lynchs surrealen Meisterwerken (wie es zum Beispiel "Eraserhead" oder "Inland Empire" sind), doch einer seiner besten Filme, der als Einführung in die dunkle Seite der Kunst bestens geeignet ist.

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