„Ich weiß nicht, ob du nur neugierig bist oder pervers.“
Vom Wüstenplaneten in die Kleinstadt: Nach „Dune“ und noch vor „Twin Peaks“ drehte US-Regisseur David Lynch den Thriller „Blue Velvet“, zu dem er auch das Drehbuch verfasst hatte und bei dessen Inszenierung er weitestgehende künstlerische Freiheit genoss. Als „Blue Velvet“ im Jahre 1986 in die Kinos kam, provozierte er nicht nur wohlwollende Reaktionen. Spießbürgerinnen und Spießbürger, Moralistinnen und Moralisten empörten sich über die seine Sex- und Gewaltszenen.
„Warum gibt es so viel Böses auf der Welt?!“
Als der junge Mann Jeffrey Beaumont (Kyle MacLachlan, „Dune“) in seinen Heimatort Lumberton, eine idyllische US-amerikanische Kleinstadt, zurückkehrt, findet er auf einer Wiese ein abgeschnittenes menschliches Ohr. Dieses übergibt er an Detective John Williams (George Dickerson, „Psycho II“), der jedoch keinerlei Anstalten zu unternehmen scheint, in diesem Fall zu ermitteln. Also stellt der neugierige Jeffrey auf eigene Faust Nachforschungen an und findet in Sandy Williams (Laura Dern, „Die Maske“) eine junge Frau, die ihn dabei unterstützt. Ihre Spur führt zur Nachtclubsängerin Dorothy Vallens (Isabella Rosselini, „Tele Vaticano – Das Auge des Papstes“), die eine von Gewalttätigkeit und Perversion geprägte Beziehung mit Frank Booth (Dennis Hopper, „Easy Rider“) führt. In einer Mischung aus Abscheu und Faszination beobachtet Jeffrey Dorothy und Frank und kommt dem Abgrund gefährlich nach…
„Ich hab' heute schon geguckt, ob du im Schrank bist...“
Der in der Version Bobby Vintons vermutlich bekannteste titelgebende Evergreen erklingt direkt zu Beginn, später auch in einer von Isabella Rossellini gesungenen Interpretation. Der für seinen Surrealismus bekannte Lynch arbeitet mit extremen Kamerazooms, visualisiert Alpträume Jeffreys und lässt Sandy unvermittelt kitschiges Liebesgesäusel quatschen. Die vermeintliche heile Kleinstadt-Welt als Hort düsterer Geheimnisse ist ein alles andere als neues Motiv, unter Lynch erinnert Lumberton aber regelrecht an ein gelecktes Pleasantville. Ähnlich, aber doch anders als Brian de Palma in „Blow Out“ arbeitet Lynch mit einer Betonung der Farben der US-Flagge, also mit blau, rot und weiß. Generell wirkt „Blue Velvet“ wie eine raffinierte Mischung aus De-Palma-Thrill, dem reißerischen italienischen Giallo mit seinen Sex- und Gewalteinlagen, aber auch dessen Stillwillen, sowie Lynchs Hang zum Surrealen. Letzteres scheint den Figuren eventuell gar bewusst, so heißt es zum Schluss hin: „Ist doch eine seltsame Welt...“ Dem daraus entstehende Gefühl der Unwirklichkeit begegnet Lynch mit in die Handlung integrierten Radioansagen, die der zeitlichen und örtlichen Orientierung dienen.
„Ich bin nicht verrückt. Ich kann unterscheiden zwischen Gut und Böse.“
Jeffreys Erlebnisberichte und wiederkehrenden Erinnerungsfetzen werden von entsprechenden Bildern illustriert, wodurch ihnen ein starker Subjektivismus anhaftet. Zeitlupen, Raubtiergebrüll, Feuer und Dunkelheit dienen als allegorische Stilelemente und der Soundtrack verzichtet komplett auf zeitgenössische Musik der 1980er, setzt vielmehr auf wesentliche ältere Songs, in der Regel Liebeslieder, die durch Franks Perversionen rekontextualisiert und konterkariert werden. Für die schönen Momente wartet man immerhin mit einer (hörenswerten!) sphärischen Synthieschnulze auf. Frank ist ein übler Tyrann, unausgeglichen und soziopathisch, aber fast alle handelnden Figuren wirken irgendwie krank und gestört. Einige bizarre Momente und Konfusionen sind die Folge, wobei die Nacktszenen nicht auf Erotik getrimmt sind. Liebe, Sex und wenig Zärtlichkeit in einem Film über gefährliche Neugier, den Reiz des Verborgenen und Verbotenen, Voyeurismus und mit Sexualität vermengte Machtspiele und -demonstrationen. Die Kulmination gegen Ende ist großartig, der Happy-End-Epilog karikierend kitschig.
„Wir trinken aufs Ficken!“
„Blue Velvet“ ist eine gelungene und nicht zuletzt überzeugend geschauspielerte Symbiose aus traumwandlerischer Erzählweise und handfestem, antibürgerlichem Thrill, die Lynch-typisch unterschiedlich aufgefasst werden kann – und auf mich wie eine Parabel auf den ewigwährenden Generationskonflikt zwischen Alt und Jung wirkt, bei dem die alte die junge Generation unterdrückt. Trotz Heineken-Produktplatzierungen festigte dieser Film David Lynchs Ruf als Kult-Filmemacher und ist „Blue Velvet“ fest im Kanon des etwas abseitigen, dennoch populären ‘80er-Films verankert.