Review

Als Russel seit den 50ern über Kurz- und TV-Filme - oftmals Biographisches zu diversen Musikern - allmählich in den 60ern zum Kino kam, schien er eines der bedeutendsten Wunderkinder des britischen Kinos zu werden. War ein „Billion Dollar Brain" noch normale Spielfilmkost, so zeichnete sich mit seinem wohl besten Film „Loving Women" nach D. H. Lawrence bereits ein manieristisch-bizarrer Stil ab, der sich jedoch nie negativ auf die Handlung auswirkte. Nach zahlreichen Meisterwerken in den 70er und 80er Jahren („The Devils", „Mahler", „Tommy", „Lisztomania", „Altered States", „Crimes of Passion", „Gothic") inszenierte Russell in den 90ern überwiegend wieder TV-Produktionen (eine Ausnahme bildet „The Whore"). Im neuen Jahrtausend gab es eine erneute Wende und Russell inszenierte einen Spielfilm in Eigenproduktion quasi im Alleingang: Als er die Gelder für sein Projekt „The Fall of the Louse of Usher" nicht zusammenbekam inszenierte er den Stoff kurzerhand in seinem eigenen Garten, der eigenen Garage mit der eigenen Videokamera - und zwar mit Hilfe von Freunden und Fans. So eine Vorgehensweise (das weiß man seit John Waters) ist nicht unbedingt die schlechteste, aber (auch das weiß man seit John Waters) das Drehbuch muss wenigstens stimmig sein. Und da hinkt der Film gewaltig - was womöglich auch daran liegt, dass Russell den Film wohl eine Zeit lang noch als 10-Teiler für eine Internet Veröffentlichung angelegt haben soll.

Im grellgelben Outfit hetzt der Held von Ken Russells Gothic Horror Story des 21. Jahrhunderts durch das Grün der freien Wildbahn und verkündet nicht wahnsinnig zu sein, obwohl er eine blinde Frau umbrachte, weil er sich von ihrem Auge bedroht fühlte - bereits jetzt ist klar, dass E. A. Poe (hier mit dem verräterischem Herz) Pate stand... Das liefert Russell gleich die Gelegenheit, ihn in einer Rückblende das Auge der Frau herausreißen und auffressen zu lassen. Plötzlich betrachtet ihn ein weiteres Auge - das einer asiatischen Gefängniswächterin die einem lupenreinen Frauengefängnisfilm entsprungen zu sein scheint, dem Gefangenen den Stiefel auf die Bruste stellt und bedrohlich den Gummiknüpel sausen lässt, derweil ihre Brust aus dem Anzug baumelt.
Nun erfährt man auch den Namen des Hauptcharakter. Als Rockstar Roddy Usher hüpft er - von geigenden Nonnen und sexy Teufelinnen umgeben - durch ein groteskes Musikvideo (hier hageln die E. A. Poe Querverweise, Annabelle Lee wird vornehmlich gerupft), dass sich der (manchmal auf deutsch dahinblubbernde) Irrenarzt Dr. Calahari (!), in dessen Obhut sich Usher offensichtlich mittlerweile befindet, gerade zu Gemüte führt. Calahari wird von Ken Russell selbst gespielt, der mittlerweile aussieht wie eine Mischung aus Benny Hill und einem versifften Alkoholiker und von einer sexy Krankenschwester namens ABC Smith versorgt wird. Während diese ihm grammweise Ohrenschmalz herausprokelt, den Rücken massiert und füttert, flirtet er mit den Girlies auf dem Bildschirm.
In einer Rückblende ist zu sehen wie Roddy Ushers Frau Annabelle Lee (!) - Black Cat Like - hinter einer zugemauerten Wand entdeckt wird... aus ihrem Bauch hüpft noch ein mit eingemauerter Hund heraus. Dann sind wir wieder in der Gegenwart und Roddy wird von Schwester Smith beobachtet, während er in seiner Zelle einer sonderbaren calaharischen Therapie unterzogen wird, bei denen Gummipuppen und Dinosaurier eine nicht unbedeutende Rolle spielen (Russell O-Ton: "I've got a wonderful sex scene with dinosaurs and blow- up dolls ... it's therapy devised by Dr Calahari, played by me, to discover whether a man is actually mad or just playing mad"). Dr. Calahari scheint allerdings auch nicht einen viel besseren Geisteszustand zu besitzen, denn wenn er nicht gerade seine Penisbrille trägt, Pornoheftchen durchblättert oder Nonsens redet, verfolgt er den im Kreis fliegenden Spielzeugvogel unter seiner Zimmerdecke. Als er sich jedoch mit Smith Ushers Musikvideo "Ligeia" (!) anschaut, scheint so etwas wie ein grober Plot zu entstehen, denn in Ushers Partnerin auf dem Video vermuten die beiden eine am Mord an Annabelle Lee Beteiligte - derweil erleidet Roddys bestes Stück die Qualen aus "Pit and the Pendulum".

Kurz darauf wirft Russell dann doch jede Handlung über Bord: Roddy führt unter Calaharis Aufsicht das "Streitgespräch mit einer Mumie", während in Calaharis Anstalt die Mesmerische Offenbarung bzw. die Tatsachen im Falle Valdemar neben den Rue Morgue Morden, Morella, der Maske des roten Todes und dem vorzeitigen Begräbnis einen illustren Zitatereigen bilden, der zwar für derbe Scherze und Holzhammer-Postmoderne von Mickey Mouse über Poe bis zum Horror-B-Movie-Klischee (Calaharis Gehilfe heisst nicht umsonst Igor) durchaus zu haben ist, aber leider keinerlei Dramaturgie mehr aufrecht erhalten kann, von der sich Russell immer weiter entfernt, derweil er sich in infantiler Verzückung im hinterletzten Plastik-Trash aus diversen Spielzeugläden suhlt.
Wenn man überhaupt noch annähernde Handlungsstränge herausarbeiten kann, an die sich ein dem Erzählkino verschriebener Zuschauer klammern will, dann sind es die Experimente und Shock-Treatments Calaharis an Roddy Usher (der im übrigen ebenso an Nurse ABC Smith interessiert zu sein scheint wie Calahari selbst) und Calaharis chaotischen Versuche, Roddy Ushers Verbrechen oder seinem Wahnsinn auf die Schliche zu kommen. Erst gegen Ende bäumt sich die Handlung im wüsten Geflimmer nochmal auf und Roddy trifft durch die Hilfe von Nurse ABC Smith auf den Leichnam seiner Schwester, die vor ihrem Tode noch ein Geständnis aufgezeichnet hat: "I - Madeline Usher - do fully confess to the murderer of Annabelle Lee Usher" lautet schließlich noch der Plot, an dem das Publikum kaum noch Interesse haben dürfte. Madeline war offenbar dermaßen in ihren Bruder vernarrt dass sie keine Nebenbuhlerin dulden wollte und sich nach der Tat und dem Geständnis das Leben nahm. Calahari gibt dem erschütterten Roddy quasi den Gnadenstoß und schläfert ihn ein.
Er selbst verkündet noch, dass Roddy und Madeline in ihrer Hüpfburg während eines Erdbebens verschieden sind, als er selbst sich - und hier trifft "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1919) auf Poes "Methode von Dr. Theer und Prof. Fedder" - als wahnsinniger Ex-Insasse entpuppt. Am Ende des wilden Spektakels steht zwar "Not the End", aber das ist hoffentlich bloß ein geschmackloser Scherz Russells.

Kurz: Russell liefert hier einen ziemlich zerfahrenen Film der sich nur so in Kitsch und Müll wälzt, dabei jedoch immer wieder Poe zerfleddert. (Nun weiß man etwa von Godard, dass man wunderbar literarische Meisterwerke wie auch Trivialliteratur auf schönste Art und Weise spannend auseinandernehmen kann, aber hier mißlingt der Versuch.) Vielleicht kommt diese Entwicklung Russells nicht ganz so überraschend... immerhin hat er in seinen besten Zeiten Popkultur gewissenhaft zelebriert, Huxley mit Exploitation gekreuzt, die Vorliebe für Gothic Novels war schon in „Gothic" und „Lair of the White Worm" zu spüren und mit seinem Auftritt im Prominenten-Big-Brother Container bewies er jüngst auch einen gewissen schlechten Geschmack und somit war der Spagat zwischen Hochkultur und den Niederungen des Kulturbetriebs vielleicht bereits vorherbestimmt.

Ein paar Pluspunkte hat „Fall of the Louse of Usher" allerdings auch zu bieten: Ken Russell ist zwar kein guter, aber ein charismatischer Darsteller, Lisi Tribble (sie taucht auch zwei Jahre später in Russells „Revenge of the Elephant Man" auf) gibt sich sehr sexy und gleicht ihr mäßiges Schauspiel durch Enthusiasmus mehr als aus und schließlich ist noch die angenehme Musik von Hauptdarsteller James Johnson erwähnenswert. Eine Weile machen auch die Poe-Verweise Spaß, dann jedoch verliert man an ihnen doch das Interesse. Russells „Masse statt Klasse" Machart, die sich in Gummipuppen, Gartenzwergen, Penisbrillen, Mickey Mouse Masken, Gorillakostümen, Plastikskeletten, Plastikvögeln, Plastikaugen und Klappergebissen zum Ausdruck bringt nervt jedoch sehr schnell und kann als Kitsch/Camp-Holocaust kaum an seine grotesk-wilden Inszenierungen anknüpfen, in denen er noch Geld für richtiges Dekor hatte. Und in Verbindung mit dem schwachen Drehbuch zieht das den Film letztlich auf schwache 4/10 herab. Weder als Parodie oder Satire, noch als Experimentalfilm oder Bilderexzess gelungen. Schade.

Details