„Ein Haus hat nun mal kein Gedächtnis!“ – „Also, ich weiß nicht...“
US-Regisseur Stuart Rosenberg („Ein Mann räumt auf“) verfilmte im Jahre 1979 den Roman „The Amityville Horror“ von Jay Anson, der die Geschichte, die ihm das Ehepaar Lutz erzählt hatte, niederschrieb. Demnach hätten sich im Haus im idyllischen New Yorker Stadtteil Amityville, in dem in einer Novembernacht des Jahres 1974 der 23-jährige Ronald DeFeo Jr. seine sechsköpfige Familie angeblich auf Befehl von „Stimmen“ erschoss, nach ihrem Einzug paranormale, bedrohliche Phänomene derart gehäuft, dass sie bereits nach 28 Tagen die Flucht hätten ergreifen müssen. Das Buch avancierte zum Bestseller und die Geschichte der Lutzens wurde Gegenstand der Sensationsjournalie. Ungeachtet dessen, dass als wahrer Grund für DeFeos Morde eine Versicherungspolice von 200.000 Dollar vermutet und den Lutzens eine enge Verbindung zum DeFeo-Anwalt nachgesagt wird, erfreute sich der Amityville-Spuk großer Beliebtheit und Rosenbergs Haunted-House-Horrorfilm mit Okkult-Versatzstücken trat eine der langlebigsten Genrefilmreihen los.
„Amityville Horror“ versetzt den Zuschauer direkt zu Beginn durch Lalo Schifrins unheimliche Titelmelodie mit Kindergesang in akkurate Gruselstimmung und lässt das Haus mit seinen beleuchteten Fenstern wie ein grimmiges Gesicht erscheinen. Dass man keinesfalls gewillt ist, Klischees möglichst zu umschiffen, stellt unmissverständlich die an ein Jahrhundertunwetter gemahnende Gewitternacht klar, in der die schrecklichen Ereignisse ihren Lauf nahmen – Rückblenden, die immer wieder kurz und unvermittelt – und dadurch erschreckend – eingestreut werden. Dabei scheint zunächst noch alles in Ordnung: Familie Lutz ist nicht sonderlich vermögend, griff aufgrund des für das Grundstück günstigen Preises aber zu und schickt sich an, die recht heruntergekommene Immobilie aufzumöbeln. Ein störender Priester wird sanft von einer Schar Fliegen und einer düsteren Stimme aus dem Anwesen herauskomplimentiert, statt Angst und Schrecken zeigt man uns Katy mit Lolitazöpfen und Fliegen in faszinierenden Ultranahaufnahmen, die sich als Symbol für die finsteren Mächte durch den ganzen Film ziehen.
„Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was damals passiert ist: Teufelsanbetung, Tod, Menschenopfer!“
Allgemein arbeitet die Kamera relativ viel mit Nah- und Detailaufnahmen und taucht das Ambiente in satte, gedeckte Herbstfarben. Ja, optisch macht „The Amityville Horror“ was her, atmosphärisch auch insofern, als er eine Ungemütlichkeit ausstrahlt, die dazu einlädt, sich tief in die Bettdecke zu vergraben und sich von der Gruselmär manchen Schauer über den Rücken jagen zu lassen. Schauspielerisch hingegen gibt es schon zu einem frühen Zeitpunkt Höhen und Tiefen zu verzeichnen: Während James Brolin („Hotel“) seine schleichende Charakteränderung vom liebenden Familienvater zum jähzornigen Lump, der DeFeo immer ähnlicher wird, durchaus subtil vollzieht und allerspätestens gegen Ende mit rot unterlaufenen Augen maximalen Schrecken erzielt, Margot Kidder („Black Christmas“) als Mutter eine grundsolide Leistung mit viel Gekreisch abliefert und Rod Steiger („Anthony“) in seiner Priesterrolle als toller, emotionaler Schauspieler mit einer intensiven Darbietung auftrumpft, gefährdet eine overactende Tante, die zudem auch noch Nonne ist, die angestrebte Ernsthaftigkeit und steht stellvertretend für mehrere Charaktere, die nur seltsam kurz in die Handlung eingeführt werden, um sofort wieder zu verschwinden oder allzu unauffällig zu bleiben. Da wäre zum einen eine Freundin der Familie, die sich als „‘ne Art Medium“ entpuppt und da wären da Kinder, u.a. die mit einer unsichtbaren Freundin sprechenden Tochter, die generell in der Familie wie ein fünftes Rad am Wagen wirkt, um zwei Beispiele zu nennen.
Vieles in „Amityville Horror“ erinnert an Horror-Großtaten wie „Shining“ (unsichtbare Freunde, den Verstand verlierender und aggressiv werdender Vater, der sich plötzlich beängstigend für seine Axt interessiert...), Poltergeist (Indianerfriedhof), „Der Exorzist“ (Papa Lutz‘ voranschreitende Besessenheit) oder auch Psycho (die Streicherklänge während der Schockszene mit den leuchtenden Augen am Fenster), obwohl von den beiden letztgenannten abgesehen die jeweiligen Filme erst später veröffentlicht wurden. Eine kleine Anspielung auf den Vietnam-Überfall verhallte auch nicht ungehört. Doch wer glaubt, es müsse sich daher um einen hochgradig wertvollen Vertreter seiner Zunft handeln, irrt. „Amityville Horror“ leidet unter einer eigenartigen Regie, die den Film nur mäßig spannend inszenierte. Viele unheimliche Szenen, derer es prinzipiell eine Menge gibt, werden nur unzureichend aufgebaut und bestehen in erster Linie aus einzelnen, durchaus wirkungsvollen, wenn auch sehr simpel umgesetzten Bildern, nach denen jedoch schnell – zu schnell – wieder zum Alltag übergegangen wird. Es gibt auch – von den Untaten in den Rückblenden einmal abgesehen – in der filmischen Gegenwart keinen einzigen Toten zu beklagen (das ist nun einmal der Buchvorlage geschuldet); es bleibt bei Spuk und angedeuteter Gefahr, die irgendwie nie so richtig ausbricht. Auf ein packendes Finale, eine Art Showdown oder dergleichen verzichtete man dann auch gleich gänzlich und begnügte sich stattdessen mit der erneuten Verwendung des Gewitter-Klischees.
Einerseits ist es unfassbar, welch ein Potential hier verschenkt wurde, andererseits muss man dem Film aber zugute halten, dass er es trotz allem schafft, nie so richtig langweilig zu werden und der springende Punkt ist letztlich, dass er, nachts allein zuhaus angeschaut, mitunter wirklich gruselig ist, er auf gewisse Weise also tatsächlich funktioniert, eine gewisse Faszination ausstrahlt. Das ist es, was ihn trotz gefühlter Überlange dann doch über den Durchschnitt hinausrettet. Ganz sicher nicht uninteressant ist zudem seine filmhistorische Relevanz, denn immerhin wurde „Amityville Horror“ zu einem echten Knüller, der mehrere Jahre als erfolgreichster Independent-Film galt und dessen inspirativer Einfluss für andere Genrefilmer nicht von der Hand zu weisen ist. Dass der Erfolg vermutlich eher cleverem Marketing denn den filmischen Qualitäten zuzuschreiben ist, habe ich hiermit zu erläutern versucht. Aber: Der Film lädt dazu ein, sich mit einem rätselhaften sechsfachen Mord in den USA näher zu beschäftigen, von dem eine morbide Faszination ausgeht.
„Hier ist der Eingang zur Hölle – verschließt ihn!“ (Hätte man dem Folge geleistet, wären uns vielleicht die bis dato acht (!) Fortsetzungen erspart geblieben...)