„Er tut es nur, um... zu verletzen.“ – „Um wen zu verletzen?“ – „Um Gott zu verletzen!“
Drei Jahre musste man warten, bis man die „Amityville“-Kuh nach einem sechsfachen Mord, einem von Dämonen und Geisterspuk faselnden Familienmörder, einer Reihe von Büchern und dem Film „Amityville Horror“ von Stuart Rosenberg aus dem Jahre 1979 erneut zu melken versuchte. Im Jahre 1982 erschien eine Fortsetzung bzw. vielmehr ein Prequel in US-amerikanischer-mexikanischer Koproduktion unter der Regie des Italieners Damiano Damiani („Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“), was ein kleines Kuriosum ist; immerhin gilt der Mann als Meister des mafia-, polit-, gesellschafts- und systemkritischen Films und ist nicht sonderlich bekannt als Jobber für kommerzielle US-Genrefilm-Fortsetzungen. „Amityville II – Der Besessene“ basiert erneut auf einem Buch, diesmal auf „Murder in Amityville“, das die Ereignisse, die zum DeFeo’schen Familienmord führten, beschreibt und demnach zeitlich eigentlich vor den Erlebnissen der Familie Lutz aus „Amityville Horror“ anzusiedeln ist. Nichtsdestotrotz änderte man die Namen und machte eine Fortsetzung aus dem Stoff.
Damiani erzählt die Geschichte einer zerrütteten Familie, die insbesondere unter dem gewalttätigen Vater (Burt Young, Paulie aus „Rocky“!), einem ehemaligen Angehörigen des Militärs, zu leiden hat. Frisch ins berüchtigte Haus eingezogen, ergreifen mysteriöse dämonische Kräfte nach und nach Besitz vom Sohn der Familie. Es kommt zu paranormalen Phänomenen, wie bereits aus dem Vorgänger bekannt – die Motivwahl bleibt größtenteils die Gleiche. Diese werden wie gewohnt zunächst einmal geflissentlich ignoriert, man ist auch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Doch als Daddy wieder einmal austickt, reicht es dem Sohn und er greift – wie Überlieferungen zufolge DeFeo Jr. seinerzeit noch vor dem sechsfachen Mord – zum Gewehr und bedroht seinen Vater damit aufs Entschiedenste. Bereits in dieser intensiven, an die Nieren gehenden Szene wird die Erfahrung des Regisseurs deutlich, der anschließend noch einen Schritt oder vielmehr Tabubruch weitergeht und sich den Sohn auch sexuell für seine pubertierende Schwester interessieren lässt, bis es zum Inzestfall kommt. Diese Momente sind von einer perversen, verbotenen Erotik und unterstreichen den familiendramatischen Aspekt der Handlung mit dickem Filzstift, während zeitgleich der Sleazefaktor steigt. Eine für den Zuschauer nicht unangenehme Entwicklung, scheint Damiani dem Thema doch neue Seiten abgewinnen zu wollen.
Sein geschickteres Händchen für spannende Inszenierung als Rosenberg (Regisseur des ersten Teils) beweist Damiani auch während einer langen, ruhig gefilmten Odyssee des Sohns durch das Haus, die im Kontrast zum mitunter recht sprunghaften Schnitt des Vorgängers steht und viel Raum für die Entfaltung der unheimlichen Atmosphäre und Suspense-Grusel lässt – und letztlich in sehr grafischen Körperhorroreffekten mündet. Auch geht das Drehbuch wesentlich weiter als der blutleere „Amityville Horror“, denn hier kommt es tatsächlich zu verstörenden Familienmordszenen infolge anhaltender Besessenheit. Anschließend jedoch entpuppt sich die Handlung als streng zweigeteilt und der Haunted-House-Horror wird zum Okkult-Exorzismus-Schocker, wo man sich vermutlich endgültig von der Buchvorlage trennte und wobei der Film leider an Spannung einbüßt – dafür jedoch mit hübsch ekliger Make-up-Maskenarbeit und krassen, sehr gelungenen Mutations-Spezialeffekten prima unterhält. James Olson („Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All“) kommt als Pater Adamsky zu Ehren und muss mit ansehen, wie „Amityville II – Der Besessene“ jede Abzweigung in Richtung Hollywood-„Happy End“ verpasst und Jack Magner („Der Feuerteufel“) darf als Sonny seinen Dämonen freien Lauf lassen, die schnieke Diane Franklin („Bill & Ted's verrückte Reise durch die Zeit“) mit ihrem leicht exotischen Touch als geschwisterliebende Dolores ist zu diesem Zeitpunkt leider schon Geschichte. Dem ernsten Ton und der bedrückenden Stimmung des Films leisten sämtliche Darsteller folge, niemand sticht negativ oder unfreiwillig komisch heraus.
Als unprätentiös und atmosphärisch möchte ich bezeichnen, was Damiani und sein Team hier zur bekannten Musik Lalo Schifrins servieren. Wenn Rosenberg auch die bekannteren Schauspieler zur Verfügung hatte – Damiani weiß seine besser in Szene zu setzen. Seinem ruhigen Erzählstil indes muss das fertige Werk insofern Tribut zollen, als es bisweilen etwas gestreckt und langatmig wirkt, als wäre Damiani für einen Film mit der Zielgruppe ’80er-Genrepublikum noch etwas zu sehr den 1970ern verhaftet. Nicht nur dadurch holpert es hier dramaturgisch dann und wann, gerät der Fluss ins Stocken. Nichtsdestotrotz wurde ich aber insgesamt weit besser unterhalten, als ich es erwartet hatte und empfinde ich „Amityville II – Der Besessene“ als den besseren Film im Vergleich zum Vorgänger sowie als einen interessanteren Beitrag der Reihe. Ein Jahr später erschien unter der Regie Richard Fleischers eine weitere, diesmal sehr durchwachsene und mittelmäßige Fortsetzung, die noch einmal alle bekannten Motive des ersten Teils aufgreift und so etwas wie ein Quasi- oder Fast-Remake wurde, bevor sich ab 1989 mit dem vierten Teil das Böse „vergegenständlicht“ (z.B. in eine Stehlampe...) und damit portabel wird – ei der Daus! Da bin ich als Zuschauer raus.