Review

Eine ärgerliche Angelegenheit, dieser Geiselthriller von Michael Cimino („Heaven’s Gate“), der zwar mit einer Menge bekannter Schauspielgesichter protzen kann, aber vor Klischees und teilweise schier unglaublichen Logikaussetzern nur so trieft.

Tatsächlich ist der Anfang noch das Beste. Wie der wegen Totschlags angeklagte Gangster Bosworth (Mickey Rourke) mit Hilfe seiner Verteidigerin und gleichzeitigen Flamme Nancy (Kelly Lynch) während des Prozesses aus dem Gerichtsgebäude flieht und mit seinem Bruder (Elias Koteas) und dessen Kumpel (David Morse) entkommt, das ist vielleicht nicht gerade ein Fall für die Rubrik „noch nie dagewesen“, aber sauber inszeniert, rasant und vielversprechend. Solide halt. Doch dann kommt die Familie Cornell ins Spiel. In deren Haus wollen es sich Bosworth und seine Komplizen ungefragt gemütlich machen, bis auch die der Mithilfe bezichtigte Nancy, weshalb sie ein paar Stunden von der Polizei festgehalten wird, endlich den abgemachten Treffpunkt erreicht hat. Gemeinsam will sich das Quartett dann nach Mexiko absetzen. (Warum sie sich nicht gleich nach Mexiko aufmachen und dort auf Nancys Ankunft warten? Weil wir sonst keinen Film hätten, schätze ich. Darum.) Solange steht eine ungemütliche Zeit für die vier Cornell-Geiseln an - und für den nicht völlig anspruchslosen Zuschauer ein anfangs durchaus Atmosphäre besitzendes Kammerspiel, das allmählich den Bach runtergeht, weil die nach dem Baukastenprinzip zusammengesetzten Figuren (und das betrifft ALLE Figuren!) alsbald auf die Nerven zu gehen beginnen.

Au Backe, das ist schon ein starkes Stück, was uns hier aufgetischt wird: Bosworth, natürlich der Denker der Gangstertruppe sowie psychopathisch, gewaltbereit und eine tickende Zeitbombe; sein Bruder, so wenig auffallend, daß man ihn gleich aus dem Skript hätte streichen können; Morse, ein so unterbelichtetes und derart leicht auf die Palme zu kriegendes Riesenbaby, daß man sich ständig fragt, wieso man diesen Risikofall überhaupt mitgenommen hat. Okay, die eindimensionale Charakterzeichnung der Schurken läßt sich noch einigermaßen akzeptieren (selbst ein Meister seines Fachs, David Fincher, hat ja ähnlich gestrickte Gesellen als Einbrechertrio in „Panic Room“ aufgeboten), aber beim Rest hört jeglicher Spaß auf. Besonders schlimm erwischt es Kelly Lynchs attraktive Nancy, bei der das größte Rätsel ist, wie sie Anwältin werden konnte, so naiv und so dumm kommt sie über die komplette Laufzeit rüber. Eine erschütternd schlecht geschriebene Rolle, die von den Autoren offenkundig nur als Augenschmaus-Einlage angesehen wurde.

Und die Cornells? Daß die Ehe von Tim (Anthony Hopkins) und seiner Frau Nora (Mimi Rogers) kurz vor dem Aus steht, was auch in der Extremsituation, in der sie sich befinden, zu einigen Auseinandersetzungen und Vorwürfen innerhalb der Familie führt, haben wir uns sicherlich alle schon gedacht, das macht einen Geiselthriller natürlich noch dramatischer (so zumindest nach der Rechnung der Drehbuchautoren). Wenn allerdings Streit-Dialoge auftauchen, die man fast wortwörtlich mitsprechen kann, da man sie vorher schon so oft in anderen Filmen gehört hat, ist das kein gutes Zeichen.

Dazu hätten wir noch die beiden Kinder - ein 15-jähriges Mädchen, pubertätsbedingt ein widerborstiges und hin und wieder unausstehliches kleines Biest, das permanent meint, den Geiselnehmern verbal Paroli bieten zu müssen, und einen achtjährigen Jungen, ein nerviges und immerzu winselndes Blag. Das ist die Familie, um die wir uns Sorgen machen sollen, aber das fällt gar nicht so leicht. Nun, Kinder stören in Filmen dieses Kalibers eigentlich immer, nur leider tun’s die Erwachsenen genauso. Schnell verspielen Tim und Nora beinahe alles an Kredit, indem sie mehrfach die Helden markieren müssen, dabei mit ihren durchsichtigen Rettungsplänen doch stets nur scheitern und ihr Leben sowie das ihrer Kinder leichtsinnig aufs Spiel setzen. Beispiele?

- Da verheimlicht Nora leichtsinnigerweise, daß sie im Besitz einer Waffe ist, obwohl sie genau weiß, wie skrupellos die Gangster vorgehen.

- Da stellt Nora dem Klempner für den Anfahrtsweg, den er auf sich genommen hat, einen Scheck aus und versieht ihn auf der Rückseite mit einem „Help us“, was Bosworth selbstverständlich mitbekommt. Auch das hätte sie sich denken müssen.

- Da wird Sohnemann nicht einmal, nein, zweimal von seiner Familie dazu gebracht, durchs Kinderzimmerfenster in die Freiheit zu klettern. Das bleibt beide Male nicht unentdeckt und just bezahlt ein Unbeteiligter für diese Frechheit mit dem Leben.

- Da wird Tim ununterbrochen unüberlegt handgreiflich und beleidigend. Einmal krallt er sich sogar heimlich ein Messer, um damit Morse zu erstechen. (Tolle Aktion. Selbst wenn sie funktioniert hätte - dann wären immer noch zwei Mann übrig und die Situation wohl so richtig eskaliert, Trottel!)

Es sind Momente wie diese, die es dem Zuschauer unmöglich machen, mit der Familie mitzufiebern, geschweige denn, sie liebzugewinnen. Den Hammer liefern die Autoren aber in der Szene, in der Bosworth, der mit einem IQ von 130 ausgestattet sein soll, doch tatsächlich Tim allein (!!) mit dem Auto losschickt, damit der sich 10.000 Dollar aus der Bank besorgt. Und obwohl weit und breit keiner der Bösewichte in der Nähe ist und zudem zwei Bullen draußen vor der Tür stehen, packt der Mann nicht die günstige Gelegenheit beim Schopfe (wenn nicht jetzt, wann denn dann?), irgendjemandem von der in seinem Haus stattfindenden Geiselnahme zu erzählen. Angst um seine Familie hin oder her - diese Chance, nicht zu nutzen, verursachte bei mir fassungsloses Kopfschütteln. Damit war ich endgültig an dem Punkt angekommen, an dem ich den Film nicht mehr ernstnehmen konnte. Die Lächerlichkeit hatte gesiegt.

Von diesem dicken Hund erholt sich „24 Stunden in seiner Gewalt“ nicht mehr, wer die ideenarme und viel zu sehr nach Schema F ablaufende Geschichte jetzt immer noch auf Logik abklopfen möchte, sollte es lieber bleiben lassen. Das bringt nichts, weil sich auch auf Seiten der Verbrecher, ohnehin mit der Disziplin „auf Geiseln aufpassen“ sträflich überfordert, die Schwachsinnsaktionen mehr und mehr häufen (Bosworths Entscheidung, die Cornell-Tochter mit ihrem zu Besuch kommenden Macker abhauen zu lassen, obschon sie ja nun theoretisch die Möglichkeit hätte, die Polizei zu verständigen, sei exemplarisch erwähnt).

Ein Handlungsstrang rund um eine restlos unsympathische FBI-Beamtin (Lindsay Crouse, soll ihre Zeilen im Originalton so fremdartig runterrattern, daß einige Kritiker ihre Darbietung in diesem Film als schrill und bizarr bezeichnen), die den Tätern auf die Schliche kommt, schnurstracks ihren eigenen Weg durchzieht, ohne auf die Meinungen anderer Rücksicht zu nehmen, und das mit einer Arroganz an sich, die man lediglich als widerlich bezeichnen kann, wird schön breitgetreten und hält doch bloß eher den Verkehr auf, als daß er Interesse hervorruft. Sollten ihre flapsig-„coolen“ Sprüche die Funktion haben, eine Portion Humor in die ernste Geschichte hineinzuwerfen - nein, witzig sind sie nicht, keineswegs.

Rechtzeitig zum finalen Shoot-Out mag die Spannungskurve (und der Gewaltpegel) noch einmal leicht ansteigen, wenn die Gleichgültigkeit den Betrachter noch nicht übermannt hat, auf Überraschungen braucht man gar nicht zu hoffen. Wer überlebt, das konnte man sich schon vor geraumer Zeit ausrechnen, wer stirbt, das ebenso. Noch nicht einmal in der Beziehung wagte man es, ausgelatschte Genre-Pfade zu verlassen.

So scheitert Ciminos Remake von „An einem Tag wie jeder andere“ (mit Humphrey Bogart) trotz der von mir immer wieder gern gesehenen Geiselnahme-Kammerspiel-Thematik an einem grandios vermurksten Drehbuch. Schauspielerisch in Ordnung (der fehlbesetzte Oscarpreisträger Hopkins und Rourke machen das Beste aus ihren Rollen, auch wenn sie nicht wirklich gefordert werden) bedient der vorhersehbare Film sich zu vieler Klischees und zu weniger eigener Ideen, um packend zu sein, wird im Gegenteil von Minute zu Minute dämlicher, denn hier verhalten sich durch die Bank alle Charaktere wie die letzten Idioten, so wirklichkeitsfern, daß ich es nie und nimmer wagen würde, auch nur einem aus diesem Haufen einen gesunden Menschenverstand zu attestieren. Haareraufen erlaubt - kann aber gut sein, daß man am Ende mit Glatze dasteht. 4/10.

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