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Anno 1981 rannte die Horrorfilmwelt zu großen Teilen noch dem Slasherboom hinterher, später in diesem Jahrzehnt sollte der Vampirfilm mit „Near Dark“, „Fright Night“ und „The Lost Boys“ Neuinterpretationen erfahren, doch vorher nahm sich John Landis des Werwolffilms an.
Tatsächlich verdeutlich bereits der Titel „An American Werewolf in London“, dass sich hier zwei Stränge des Horrorkinos begegnen: Das moderne amerikanische Genrekino trifft auf den klassischen Horrorfilm, der wahlweise in Europa gedreht wurde (siehe Hammer Studios) oder dessen Filme dort spielten. David Naughton (David Kessler) und Jack Goodman (Griffin Dunne), zwei amerikanische Teens, durchwandern das ländliche England, die Stellvertreter all jener Teens, die im US-Kino zu jener Zeit bevorzugt vor messerschwingenden Schlitzern flohen.
Einheimische warnen sie davor sich zu weit vom Weg wegzubewegen und raten den Touristen vor allem die Moore zu meiden, doch im aufziehenden Nebel verlaufen sich die beiden Urlauber. Ein seltsames Wesen attackiert sie, Jack stirbt, David überlebt schwer verletzt, da die Einheimischen das Wolfswesen erschießen. Die Initialbiss des tragischen Helden, seit den ersten Werwolffilmen wie Universals „The Wolfman“ der Startschuss einer Tragödie, da nun zwei Seelen in der Brust des schuldlos schuldig Gewordenen kämpfen, wovon David im Gegensatz zum Zuschauer freilich noch nichts weiß.

Insofern fühlt er sich im Krankenhaus etwas seltsam, schreibt die Visionen, die er unter anderem vom toten Jack hat, allerdings seiner Verletzung und der Medikation zu. Zumindest solange, bis er sich eines nachts in einen Werwolf verwandelt, sich am nächsten Morgen zwar nicht daran erinnert, aber mit den Folgen seines Handelns konfrontiert wird…
Es gibt viel, das man an „An American Werewolf in London“ mögen kann, vor allem natürlich die Effekte. Die zeitlos grandiosen Transformationsszenen, in denen sich David in einen Wolf verwandelt, die durchgeknallten Traumsequenzen, in denen auch mal Nazi-Zombie-Mutanten auftauchen und Davids Familie wegballern, die dezent eingesetzten Metzeleien, wenn der Werwolf zur Tat schreitet. Hier wendet sich John Landis vom klassischen Grusel ab, baut die traditionelle Grundgeschichte mit abgedrehten Visionen, Konversationen zwischen David und den zombieartigen Erscheingen seiner Opfer (in einem Pornokino!) und anderen Überzeichnungen zur schwarzen Komödie aus, die im Timing nicht immer das Optimum herauskitzelt, sich gelegentlich zu sehr auf die eigene Schrägheit verlässt, aber unterm Strich doch gelingt.
Die Geschichte vom Verfluchten ist hier auch keine Mär vom Familienerbe oder vom Fluch, der seine Sippe plagt, sondern eine Metapher auf das sexuelle Erwachen, das Coming of Age, welches den Teenprotagonisten zusätzlich zum Werwolfbiss plant. Eine Krankenschwester tritt als potentielle Love Interest auf, die gleichzeitig auch für Wallungen in des Jünglings Lendengegend sorgt, Libido und Destrudo liegen beim Werwolf ganz dicht beueinander. Und so ist das Ende dann auch wieder das der klassischen Werwolfmär, denn auch wenn der Protagonist nun ein amerikanischer Teenager ist, so kann er dem typischen Werwolfschicksal nicht entkommen.

Doch dramaturgisch verleitet „An American Werewolf in London“ nicht immer zu den ganz großen Begeisterungsstürmen. Stimmig gestaltet sich die Exposition, der Mittelteil gefällt, obwohl er sich hin und wieder etwas zieht, doch im letzten Akt geht es dann Schlag auf Schlag, regelrecht gehetzt leitet Landis dann die tragische Katastrophe ein, die den Showdown bildet. Der ist trotz amoklaufendem Werwolf fast schon antiklimaktisch, trotz vieler Effekte will er nicht als zufriedenstellender Höhepunkt für das Vorangegangene funktionieren, da man sich hier doch etwas mehr Aufwand, einen größeren Knalleffekt gewünscht hätte.
Es ist fast schon bittere Ironie, dass „An American Werewolf in London“ trotz seines Kultstatus seinem Hauptdarsteller kaum Glück brachte: David Naughton stemmt die Titelrolle gekonnt ohne Meisterleistungen zu zeigen, doch weitere memorable Rollen spielte er im Lauf seiner Karriere nicht mehr. Griffin Dunne, der hier in der Sidekickrolle tatsächlich etwas mehr punktet als Naughton, hingegen war dagegen immerhin begrenzter Ruhm vergönnt, doch die wahren Stars des Films, das wurden Regisseur John Landis und Make-Up-Designer Rick Baker. Landis hat hier einen Gastauftritt, ebenso wie Franz Oz und Stunt Coordinator Vic Armstrong.

„An American Werewolf in London“ ist eine gelungene Neuinterpretation des Werwolffilms, auch wenn er sich in das enge Handlungskorsett zwängen muss, dem nahezu alle Vertreter dieser Filmsorte bis heute folgen (Vampire und Co. sind innerhalb ihrer Genres tatsächlich vielfältiger aufgestellt). Die Effekte sind auch Jahrzehnte später sensationell, Landis‘ schräger Humor gibt dem Film eine besondere Note – doch der finale Akt des Films ist schon etwas schwach und antiklimaktisch geraten.

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