Divergence hat wie die meisten anderen Filme ein Anfang und ein Ende, und diese beiden Szenen passen auch zueinander; was dazwischen geschieht besitzt diese Eigenschaft nicht immer.
Das ist dann auch das grösste Problem: Man will mehr erzählen als nötig ist und mehr Figuren charakterisieren, als man braucht.
Deswegen ist der Film auch kein straighter Cop Actioner, wie man ihn durchaus von Benny Chan [ New Police Story, Big Bullet, Heroic Duo ] erwarten könnte, sondern ein vertrackter Hongkong Murder Mystery. Das ist zumindest das Genre vom Anfang und vom Ende, der Mittelteil ist noch viel mehr.
Als der Cop Suen Siu-yan [ Aaron Kwok ] einen kriminellen Buchmacher von Canada nach HK überführt, wird ihm dieser unter den Händen vom Attentäter Koo [ Daniel Wu ] weggeschossen.
Suen hätte den Mann unbedingt gebraucht, steht doch die Anklage wegen Geldwäsche gegen den Tycoon Yiu Tin-chung [ Gallen Lo ] nunmehr auf wackligen Füssen; dessen Anwalt To Hou-sang [ Ekin Cheng ] kann deswegen auch einen Prozess vermeiden.
Nun wirds kompliziert: Yiu's Sohn wird entführt, Suen glaubt in To's Frau Su Fong [ Angelica Lee ] seine vermisste Freundin zu erkennen und Koo gerät selber auf die Abschussliste.
Nun besitzt jede Episode seine eigenen speziellen Eigenschaften und auch seinen eigenen Beziehungspunkt, wobei je nach Sichtweise und Blickwinkel verschiedene Elemente hervorstechen und auffallen. Der Film teilt sich in Einzelheiten auf und schafft es nicht, diese wirklich miteinander zu verbinden; es passiert zuviel Verschiedenes. Er divergiert wirklich. Das ist noch nicht einmal die Hauptlast, aber die Vorgänge innerhalb der Narration sind bedeutender als die eigentliche Plotline. Das Ende konterkariert die Geschehnisse noch einmal nachträglich, wobei im Nachhinein viel Unwichtiges und Bedeutungsschwangeres auffällt, kein gutes Zeichen.
Zudem besitzt der Erzählrahmen verschiedene Schwerpunkte, die ihn zwar auch mehr Tiefe verleihen, aber nicht immer auf die richtigen Punkte verlagert. Dabei ist die Struktur nicht kompliziert, sondern nur falsch betont, wodurch überhaupt erst Verwirrungen und fehlender Antrieb entstehen; man zieht Kreise statt den geraden Weg zu gehen. Manchmal fragt man sich nicht, was los ist, sondern wann es losgeht.
Die mangelnde Balancierung und die teilweise Fokussierung auf letztlich unnötige Figuren samt Geschehnissen schlagen sich nämlich in einem eher etwas behäbigen Tempo nieder. Er ist zu voll, um richtig Fahrt aufzunehmen; Die Über-Konstruktion erschlägt das Fundamentale der Auseinandersetzungen. Ausgerechnet die wenigen Actionszenen konzentrieren sich rein auf die Spannungsdramaturgie; besonders die Verfolgungsjagd Suen / Koo zu Fuss über eine befahrene Strasse und das anschliessende Gefecht in einem Markt lässt eine Weile lang nicht locker.
Auf der Habenseite bekommt man eine ausgefeilte Personenzeichnung, die ihre Figuren ernst und wichtig nimmt. Wirklich fast jeder der nicht gerade wenigen gesetzten Darsteller bekommt eine innere Erklärung verpasst, die sich dann auch schon mal von der Hauptstory entfernt, um eine Wirkung zu entfalten.
Suen hat seine grosse Liebe vor 10 Jahren von einer Sekunde auf die nächste verloren; er sucht seitdem wie verrückt nach ihr, ohne auch nur einen Anhaltspunkt zu finden. Auch ohne das Wissen erzählt zu bekommen kann man sich denken, dass er deswegen Polizist geworden ist, dass er deswegen die TV Show "Police Voice" moderiert hat, dass er deswegen innigen Kontakt mit Uncle Choi [ Eric Tsang ], dem Leiter der Vermisstenabteilung hat. Das sind alles nur winzige Details, aber auch dadurch spürt man seine Empfindungen besser; kann sein zwischen Freude und Trauer pendelndes Gefühl nachfühlen, als er sie wieder zusehen glaubt.
Dieselbe Ausschweifung bekommen die anderen Akteure ab, wobei die drei prominenten Hauptdarsteller materiell gut als Bezug und Fixpunkte herhalten, obwohl sie allesamt nicht wirklich herausragend in ihrer Spielweise sind. Die Nebendarsteller sind allesamt grossartig besetzt, aber letztlich verschwendet.
Optisch wird die letale Atmosphäre stimmig initiiert, die Situationen klar und präsent bebildert. Kühle Bilder verstärken die ruhige Intensität der Ereignisse und kennzeichnen den aufgelösten Dualismus von Gut und Böse; formell also geschickt in der Darstellung einer überentwickelten, abstrakten Situation.
Das Handwerk ist überzeugend. Man hätte dann nur wirklich die verschiedenen Erzählebenen voneinander trennen sollen, vielleicht doch mehr reines Genrekino konzipieren als ein Neo Noir Drama im Johnnie To Stil zu versuchen.
6,5/10