Oft wird die Darstellung des Nationalsozialismus in Deutschland im Film polemisiert und dämonisiert, will sich ebenjenes Werk nicht den Vorwurf politischer Inkorrektheit einhandeln. Dem exemplifizierten „Bösen" in der deutschen Geschichte wurde zwar inflationär ein mahnendes Denkmal gesetzt durch all die Reportagen, die - Guido Knopp sei Dank - beinahe wöchentlich andere Aspekte des Hitlerschen Schreckensregimes in all ihren Facetten beleuchteten. Doch was Knopp zuweilen den Vorwurf einbrachte, er verharmlose und emotionalisiere durch Zeitzeugeninterviews die deutsche Geschichte, scheint auf anderem subjektiven Wege noch weniger möglich in einem Land, welches mit seiner Vergangenheit nicht abschließen kann.
Stets erzählten die Opfer von den Tätern sowie ihren Erfahrungen mit dem Regime und wenn Hitlers Sekretärin Traudl Junge auftritt, die als Zeitzeugin die letzten Tage des Krieges im Führerbunker dokumentiert, scheiden sich die Geister, inwieweit ihre Ausführungen glaubwürdig und objektiv sein sollen, da die Auseinandersetzung mit der eigenen Nähe zum Regime des Nationalsozialismus zwangsläufig unreflektiert hinten ansteht/anstehen muss. Insofern ist das vorliegende Werk, Das Goebbels-Experiment, ein mutiger Film, der in ganz neue Sphären von Subjektivität in dieser nach wie vor brisanten Thematik vorzudringen versucht.
Ansatzpunkt des Films sind die Tagebücher von Joseph Goebbels, welche dieser akribisch führte. Beginnend bei den eher unglücklichen Erinnerungen an die Kindheit (er wurde schon früh wegen einer Fußerkrankung gemieden und wurde zum Eigenbrötler), über seinen Eintritt in die NSDAP, seinen Aufstieg erst zum Gauleiter von Berlin und schließlich zum Reichspropagandaminister sowie seiner krisengeschüttelten Ehe mit Magda Goebbels wird über selbige Einträge das Leben von Joseph Goebbels biografisch-chronologisch rekonstruiert. Regisseur und Dokumentarist Lutz Hachmeister (Schleyer - Eine deutsche Geschichte, 2003) setzt dabei aber zwangsläufig Prioritäten bei den ausgewählten Passagen: Er beschränkte sich auf die wichtigsten Aspekte in Goebbels Leben, was zuweilen allerdings etwas fragmentarisch anmutet.
Illustriert werden die von Udo Samel (bekannt aus Alles auf Zucker!, 2004) aus dem Off vorgetragenen Tagebucheinträge durch Archivmaterial wie beispielsweise der „Wochenschau"; über große Strecken schwingt ein leises, allerdings stetiges und Unwohlsein verbreitendes Musikthema mit, was dem Ganzen eine dynamisch-pulsierende Note gibt, welche der nüchternen Inszenierung eine gewisse Emotionalisierung aufdrückt - wenn auch nur in geringem Maße.
Doch gerade in dieser Parteilosigkeit, im unkommentierten oder unkritisierten Vortragen von Goebbels subjektiver Sicht liegt die Stärke von Das Goebbels-Experiment. Sein Judenhass, seine Ansichten zu Adolf Hitler (er bewundert ihn) und seine Launenhaftigkeit werden stur vorgebracht, am Zuschauer selbst liegt es, sich ein Bild zu machen. Goebbels erscheint als verblendeter Gefühlsmensch (wenn er gerührt über seine Kinder und seine Eheprobleme bedingt durch zahlreiche Affären schreibt) ebenso wie als abstoßendes Schandmaul (wenn er seinen Hass auf Juden kund tut oder über NS-Größen wie Göring herzieht) oder überheblicher Intellektueller.
Hachmeister scheint sich für letzteren Punkt auch aufgrund von Goebbels´ Funktion als Propagandaminister am meisten zu interessieren. Goebbels kennt sich mit der zeitgenössischen Literatur aus (u.a. las er Thomas Mann sowie Dostojewskis Der Idiot) und kritisiert immer wieder die Filme seiner Zeit. So Eisensteins Oktober, welchem er eine zu starke Politisierung vorwirft oder Leni Riefenstahls Olympia-Filme, wo er die Frage stellt, warum eine Zweiteilung nötig sei, weil diese mehr kosten würde. Von Veit Harlans Kolberg allerdings - der als martialischer und ideologischer „Durchhalte-Film" konzipiert und umgesetzt wurde - war er restlos überzeugt.
Die Kritiken zu den jeweiligen Werken zeugen auch schon von dem Talent dieses nicht den Idealen des Nationalsozialismus entsprechenden Mannes: seine Reden. Diese Propagandaansprachen (u.a. die „Totaler Krieg"-Rede aus dem Berliner Sportpalast) haben auch in den Film Eingang gefunden, auch wenn sie hier unter dem Fokus von Goebbels´ Tagebucheinträgen stehen.
Das Goebbels-Experiment hinterlässt jedoch schlussendlich einen bisweilen befremdlichen Eindruck: Einerseits handelt es sich um einen mutigen Essayfilm, eine mutige und erhellend-informative Dokumentation aus rein subjektiver Sicht, eine Autobiografie über eine historische Person, andererseits wirkt sie trotz der Intimität der Tagebuchaufnehmen und Archivaufnahmen seltsam distanziert und inhaltlich etwas zerstückelt, da er mit der Erwartungshaltung, die ewig gleichen Bilder von Kriegsschauplätzen zu zeigen, bricht und teilweise erhebliche Zeitsprünge vorkommen.
Final stiehlt sich dieses Psychogramm, dieses interessante Film-Experiment doch etwas zu glatt aus der Affäre, wenn das Konzept nicht immer durchgehalten wird und man die Familie Goebbels im Mai 1945 tot aufgebahrt sieht oder besagte Wochenschauaufnahmen an vergangene Zeiten erinnern. Dies sind dann wieder Eindrücke, derer man keinem Film wie Das Goebbels-Experiment, sondern nur einer Geschichtsstunde bedarf, wie sie auch Guido Knopp inszenieren könnte. Diese kleinen Kritikpunkte trüben aber kaum das originelle Konzept und den sehr guten Gesamteindruck des Films.