Review

Naja, zu Beginn des Films dachte ich schon: wie Klischee-lastig kann ein Film eigentlich sein? Der arme Wessi kommt in den bösen, finsteren Osten, wird dort von allen Klassenkameraden fertig gemach. Dazu kommt, dass die Zustände in ostdeutschen Klassenzimmern auch nicht gerade in ein positives Licht gerückt werden und auch die Kompetenz der Lehrkräfte wird in Frage gestellt. Und dann kommt natürlich das Klischee dazu, dass alle Ossis rechtsradikal sind und so ziemlich alle Rechtsradikalen scheinbar ziemlich hohl im Kopf sind (trifft zwar auf viele Rechte zu aber genau diese Einschätzung führt oft dazu, dass die Gefahr, die von dieser Seite ausgeht verharmlost wird - aber ich komme vom Thema ab…). So dümpelt die Story zunächst mal munter vor sich hin und man fragt sich an manchen Stellen, was sich der Regisseur eigentlich dabei gedacht hat - vor allem ein paar Dialoge sind wirklich bescheuert.
Irgendwann kommt dann allerdings die Wende und ich muss sagen, mir hat der Film dann immer mehr gefallen. Aus blassem Wischiwaschi und Klischees wird langsam ein festes Gebilde, es tritt ein Wandel ein, die Spannung steigt immer mehr an und man wartet eigentlich nur darauf, dass plötzlich der Knoten platzt. Das ist meiner Meinung nach dann auch sehr schön gemacht worden.
Alle Illusionen und träume von Georg werden nach und nach zerstört, was seinen Höhepunkt darin findet, dass seine Freundin ihm auch noch fremdgeht, bzw. gleich nach seiner Abreise einen neuen Freund hat. Herrlich, wie Georg im Zug ausrastet, sich Hände und Gesicht blutig schlägt und dann mit den Scherben an seinen Haaren rumsäbelt. Er sieht dann einfach zu genial-fertig aus. Und dann folgt ja die beste und eine der krassesten Szenen des ganzen Films, wenn er auf die Gruppe Rechtsradikaler trifft, sich mit ihnen weiter besäuft und sie sich dann gegenseitig alle Glatzen scheren während sie lautstark "Unsterblich" grölen. Da kann einem schon eine Gänsehaut den Rücken runter laufen. Das Lied wurde auch extra für den Film geschrieben und soweit ich weiß ist es nicht käuflich zu erwerben um nicht in "falsche Hände" zu geraten als Propaganda-Material. Insgesamt ist die Musik für den Film meiner Meinung nach sehr gut gewählt. Nie zu übertrieben und immer an der richtigen Stelle eingesetzt (z. B. auch Onkelz als Abspann).
So ganz lässt sich der selbstbewusste Georg allerdings doch nicht von der Nazi-Ideologie überzeugen und bereits als die Sache mit seiner Freundin geschieht kommen erste Zweifel auf. Leider eskaliert auch schon kurz darauf die Situation und es gibt eine recht heftige, derbe Szene, wirklich nichts für sanfte Gemüter! Will nur nicht zu viel verraten, sonst müsst ihr euch den Film ja nicht mehr anschauen ;-)
Ein paar Fragen bleiben am Schluss schon noch offen, z. B. wie die beiden Jungs nun dann wirklich zu einander stehen, irgendwie kann man schon meinen, da wäre etwas… oder die seltsame Freundin der Schwester, die kommt einem ziemlich behindert vor. Ist sie wirklich behindert oder was? Jasmin dient auch nur dazu um den Konflikt weiter zu schüren, was aus ihr wird erfährt man auch nicht, ebenso Thomas´ Exfreundin, die auch nur eine recht blasse Rolle spielt. Es wurde also deutlich das Hauptaugenmerk auf die Rechte Gruppe gelegt, andere Personen und deren Funktion gehen irgendwie unter und sind nur darauf zugeschnitten den Plot voran zu treiben.

Wird der Film aber nun der schweren Thematik gerecht? Ich denke man muss den Film einfach als das sehen was er ist: ein Spielfilm. Das wird auch dadurch noch mal verdeutlicht, dass der Regisseur am Ende einen roten Vorhang fallen lässt, wie beim Theater eben. Der Zuschauer soll eben durch die bewusste Häufung von Klischees und bewusst provozierende Szenen, zum Nachdenken angeregt werden. Und ich denke DAS schafft der Film auch ganz gut. Es gibt viele Szenen, die einem im Gedächtnis bleiben und es gibt jede Menge Stoff, der zu Diskussionen anregen kann.
Dazu ist das ganze auch was die Bilder angeht gut umgesetzt. Die Stadt ist trist und grau, in bläulichen Tönen gehalten, Zwischendurch gibt es "Traumsequenzen" die irgendwie Georgs Vergangenheit mit der neuen Zukunft verbunden wiederspiegeln - etwas dumm umgesetzt, zu verwirrend, zu kitschig irgendwie und dann gibt es noch ein paar sehr schön gemachte Szenen, wie Georg in Blühenden Feldern auf saftig grünen Wiesen etc. Kämpft, richtig schön kunstvoll. Leider ist das Ganze irgendwie zu unausgeglichen, da hätte man eventuell noch etwas mehr einen Konzrast schaffen können.
Im großen und Ganzen ist der Film aber trotz des eher miesen Anfangs wirklich sehenswert, es gibt zwei richtig heftige Szenen, die einen dann doch entschädigen und das Niveau wieder aus dem Keller holen.

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