Review

Während des gesamten Vorspanns steht die Kamera vor einem Mittelklassehaus. Bewegungslos, fast schon quälend. Erst nachdem der Vorspann lange vorbei ist, hört man Stimmen aus dem Off. Die beiden Hauptfiguren, das Ehepar, welches von Juliette Binoche und Daniel Auteuil gegeben wird. Und plötzlich sieht der Zuschauer, dass das Bild stoppt und zurückgespult wird. Haneke macht gleich ernst. Den Bildern ist nicht zu trauen. Die Eheleute haben ein VHS-Band erhalten auf dem einfach nur ihr Haus zu sehen ist. Ohne besondere Ereignisse. Unspektakulär zwar, aber verunsichernd. Bereits bei Lynchs LOST HIGHWAY war diese Form der Bedrohung elementar. Haneke geht jedoch subtiler, ruhiger, abgeklärter an die Sache heran. Zu den regelmäßig zugestellten Bändern gesellen sich schnell anonyme Briefe, auf denen nur brutale Kinderzeichnungen zu sehen sind. Die Eheleute sind zwar verunsichert, versuchen aber, ihr komfortables Vorstadtleben ungestört weiterzuführen. Man hat sich eingerichtet. Er ist erfolgreicher Buchkritiker in französischen TV, man pflegt einen mittelständischen Luxus, gibt sich kulturbeflissen und stilvoll. Emotionen wiederum haben keinen Platz mehr in ihrem Leben. Wie eine Burg ist die Wohnung gegen die Außenwelt abgeschottet, die Wände sind gepflastert mit Kultur: Tausenden Bücher und Videobändern. Kulturelle Leidenschaft sucht man jedoch vergebens. Auch persönlche oder gar sexuelle Leidenschaft spielt in diesem Appartment jedoch ebensowenig eine Rolle. Man ergeht sich in Allgemeinplätzen und Ritualen.
In diese Ausgangslage stößt nun der geheimnisvolle Eindringling, der bei dem Famileinvater angedeutete unangenehme Erinnerungen hervorlockt. Anstatt jedoch seine Frau einzuweihen, versucht er auf eigene Faust, das Geheimnis zu lüften und offenbart ihr auch - trotz deutlicher Ahnungen, dass die Vorgänge mit einem Kindheitserlebnis zu tun haben - nicht, welches Geheimnis er seit Jahren mit sich herumträgt. Jedoch meint man, dass er es nicht mal sich selber verrät, denn in seinem Leben hat alles Unangenehme keinen Platz mehr und wird gnadenos verdrängt. Im Laufe seiner Nachforschungen stößt er auf eine Figur, die in seiner Kindheit von seinen Eltern aufgenommen wurde und die er seit seinem sechsten Lebensjahr nicht mehr sah.


Was nach einem trivialen Thriller klingen mag, ist Hanekes wohl reifster, wenn auch nicht sein bester Film. Subtil wie noch nie und ohne die bei Haneke so häufigen psychologischen Schockeffekte dekodiert er ein System der Sicherheit. Ähnlich wie sein amerikanischer Wesensverwandter David Lynch in der Anfangssequenz von BLUE VELVET, als die Kamera in einer idyllischen Kleinstadt in die Wiese fährt und das Ungeziefergetümmel unter der Fassade vorzeigt, geht Haneke mit einfachsten Methoden in die Tiefe und sucht, bzw. deckt die k(c)aschierte Verunsicherung auf.

Der Regisseur von deprimierenden Werken der Emotionsvergletscherung wie DER SIEBENTE KONTINET oder FUNNY GAMES wäre aber nicht er selber, wenn er den Zuschauer mit einem wohligen "Jaja, die verspießten Wohlstandsbildungsbürger" aus dem Kinosaal entlassen würde. Er bezieht den Zuschauer mit ein. Ständig lässt er auch den Kinobesucher in einem Zustand der Verunsicherung, da die Bilder selten eindeutig sind und sich häufig als nicht zu trauenden Manipulationen herausstellen. Der oberflächliche Thrillerplot ist dabei komplett nebensächlich, denn schnell stellt sich das wohlgehütete Geheimnis als äußerst trivial heraus und die Suche nach Auflösung geht nicht - wie so häufig im Kino - mit gleichzeitiger Erlösung einher. Das Thema des Films sind die Reaktionen der handelnden Figuren auf das Geschehen ... und ebenso die von einem - dem Zuschauer - selber.

Das bedarf jedoch eines aktiven Mitarbeitens des Auditoriums. Beschränkt man sich auf ledigliches Registrieren der Handlungsabläufe wird man den Kinosaal deutlich enttäuscht verlassen. Eine erlösende Auflösung in Whodunit-Tradition wird nicht geboten und doch sollte man das Schlußbild genau betrachten.
Überhaupt, das Motto eines thematisch artverwandten Films der jüngsten Vergangenheit AMERCAN BEAUTY "Look closer!" sollte als Motto vor dem Film an die Zuschauer weitergegeben werden, denn lässt man sich auf den Film ein, guckt genauer hin, wird man ob der genüßlichen sezierten Verunsicherung, der Zerstörung von tradierten Werten aber auch Genre-, oder eher Filmkonventionen ähnlich irritiert nach Verlassen des Kinos durch die Landschaft wanken, wie die Hauptdarsteller selber. Lässt man sich auf den Film jedoch nicht ein, wird man vermutlich nach 30 Minute selig schlafen und erst zu einem haneke-typsichen Schock (der einzige etwas zu "dicke" Moment) wieder aus dem Halbschlaf hochschrecken. Film ist Lüge. 24 mal in der Sekunde. Und nicht nur der Film? Was ist mit unserem Leben?

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