Review

Der österreichische Autorenfilmer Michael Haneke liefere nach dem meines Erachtens misslungenen „Wolfzeit“ im Jahre 2005 mit „Caché“ eine französisch-österreichisch-deutsch-italienische (puh...) Koproduktion ab, die irgendwo zwischen den Gattungen Drama und Thriller einzuordnen ist und über weite Strecken wieder weitaus zuschauerfreundlicher daherkommt.

So gibt es eine klar definierte Ausgangssituation, nämlich die einer sich intellektuell gebenden, gutbetuchten Mittelstandsfamilie, die ins Visier eines Stalkers geraten ist, ohne, dass dieser sich zu erkennen geben oder sein Motiv offenlegen würde. Doch mit den in auf Ereignisse in der Kindheit des TV-Moderators Georges anspielenden Kinderzeichnungen eingehüllten, stundenlangen Videoaufnahmen von dessen Haus wird eine verdrängte bzw. zuvor gar nicht als solche wahrgenommene „Leiche im Keller“ wiedererweckt, die Georges dazu zwingt, sich mit Fragen von Schuld, die er Jahrzehnte zuvor auf sich geladen hat, auseinanderzusetzen, worunter nicht zuletzt sein Privatleben leidet.

Dieser vermutet, dass hinter dem Psychoterror sein ehemaliger Pflegebruder algerischer Herkunft steckt, den er als Kind aus der Familie „herausintrigiert“ hat und der, wie Georges feststellen muss, mit seinem Sohn ein ärmliches Dasein am unteren sozialen Rand fristet. Dieser leugnet jedoch, damit etwas zu tun zu haben und weist jegliche Schuld von sich – wie es ebenfalls Georges tut, der auf dem Standpunkt beharrt, keine Verantwortung für die Ereignisse seiner Kindheit übernehmen zu müssen. Die vordergründig intakte Familie – Georges ist mit einer attraktiven Frau verheiratet und hat einen zwölfjährigen Sohn – droht, unter der Anspannung zu zerbrechen und ein handfestes Kommunikationsproblem und angeschlagenes Vertrauensverhältnis nicht nur zu seiner Frau kristallisiert sich heraus.

Trotz Hanekes unverfälschtem Inszenierungsstil, der auch hier wieder einen Verzicht auf Filmmusik und andere auflockernde oder künstlerische Stilmittel bedeutet, gibt es eine greifbare Dramaturgie, die Spannung erzeugt und den Hanekes sprödem, Konzentration einfordernden Stil nicht abgeneigten Zuschauer zu fesseln vermag. Dabei ist nicht nur die Auflösung der Geschehnisse (die es so nicht gibt) interessant, sondern auch die bröckelnde Fassade der heilen Welt Georges und seiner Familie, die vermutlich je nach persönlicher Sichtweise mit Entsetzen oder mit Schadenfreude, vielleicht am ehesten mit einer Mischung aus beidem, verfolgt werden kann. Da vermutlich jeder irgendwelche Unrühmlichkeiten aus der Kindheit im Unterbewusstsein mit sich herumträgt, funktioniert die psychologische Ebene ziemlich gut. Doch Hanekes Anliegen scheint es zu sein, anhand dieses Beispiels eine Parabel auf das Tabuthema des von der französischen Polizei verübten Massakers an ca. zweihundert Algeriern im Jahre 1961 zu erzeugen, das innerhalb des Filmes erwähnt wird und sich um eine „Leiche im Keller“ der französischen Gesellschaft zu handeln scheint und eine Rolle bei den jüngeren Aufständen in den Vorstädten gespielt haben dürfte. Gegenstand des Films ist demnach die Auseinandersetzung mit lange zurückliegender, unverarbeiteter Schuld, im kleinen wie im großen Rahmen, denn letztlich ist jeder nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen.

Und eben dieses Thema wurde recht ansprechend von Haneke auf die Leinwand gebracht. Daniel Auteuil und Juliette Binoche spielen das Ehepaar überzeugend, Details wie die mit Büchern übersäte Wohnungseinrichtung verhelfen dem Film zu einer memorablen, individuellen Optik, im Hintergrund laufende Nachrichtensendungen stellen einen weiteren Bezug zur Realität her, Abendessen mit Freunden charakterisieren das Umfeld der Familie und persiflieren es subtil, während die Konfrontationen mit Georges ehemaligen Pflegebrüder Majid und dessen Welt das Kontrastprogramm darstellen. Ein überraschende Selbstmordszene ist überaus schockierend und visuell explizit umgesetzt worden. Vom „Tier-Snuff“ allerdings konnte Haneke auch diesmal die Finger nicht lassen und lässt einen Hahn köpfen, was aber wenigstens in engem Zusammenhang mit der Handlung steht. Bleibt zu hoffen, dass die Crew sich ihn hat schmecken lassen.

Ohne allzu sehr von oben herab mit erhobenem Zeigefinger zu moralisieren, wirft Haneke interessante, unbequeme Fragen auf und schafft es, kritische Töne und ein brisantes Thema in einen spannenden Film zu verpacken. Doch am Ende, da ist er wieder: Der Haneke, der seinem Publikum kein bisschen Spaß gönnt und die Auflösung im Dunkeln oder zumindest, in Anlehnung an den Filmtitel, im Versteckten belässt. Damit verhindert er leider, dass „Caché“ auch auf der „Whodunit?“-Ebene befriedigend funktioniert. Zumindest offenbart sich Zuschauern, die auf Details achten, in der Schlusseinstellung noch eine evtl. bedeutsame Komponente… (Was, ohne vorher darauf hingewiesen worden zu sein, aber wohl kaum jemand entdeckten dürfte.)

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