„Die Geburt des Buddy-movie - zwischen Genre- und Autorenkino"
Walter Hill wird gern als altmodisch abgetan. Als verstaubter Traditionalist, der in einer antiquierten Bildsprache den von der Postmoderne längst überholten uramerikanischen Mythen nachhängt. Deshalb widmet er sich nur noch der vermeintlich schwarz-weiß-geprägten amerikanischen Vergangenheit, sei es thematisch („Deadwood", „Broken Trail"), oder in der Wahl seiner Darsteller (Sylvester Stallone in „Shootout"). In den 1980er Jahren galt er als progressiv, inzwischen wird er als regressiv belächelt. Am Ende ist beides so kurzsichtig wie irreführend. Hill war nie „hip", wollte es gar nicht sein, Hill ist und war aber auch nie „out". Mit solch simplifizierenden Kategorien ist er nicht zu fassen.
Wahr ist, dass er einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil verfolgt, der sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Oeuvre zieht. Auch sein bis dato größter (finanzieller) Erfolg ist dafür exemplarisch. „Nur 48 Stunden" wird gerne als Action-Klassiker, als Urform des „Buddy-Movie" und als Karrierekatapult für Eddie Murphy rezensiert. All das trifft sicher zu, in erster Linie aber ist „48 Hours" ein typischer Walter Hill-Film, der eben zufällig den Nerv der Zeit traf.
Sämtliche Hillschen Themenfelder sind dabei anzutreffen. Da wären zunächst die in der amerikanischen Historie tief verwurzelten und immer wieder aufbrechenden Konflikte anhand von Rassen- und Klassenunterschieden. (1) in „48 Hours" lässt Hill den rassistischen „white-trash"-Cop Jack Cates (Nick Nolte) auf den sich snobistisch gebenden, schwarzen Gangster Reggie Hammond (Eddie Murphy) treffen. Vordergründig bezieht der Film aus diesen krassen Gegensätzen einen Großteil seines enormen Unterhaltungspotentials, das sich immer wieder in schnoddrigen, oft auch rotzig-vulgären Verbalschlachten entlädt.
Auf einer tieferen Ebene verhandelt Hill dabei aber auch den (immer noch) tief durch die amerikanische Gesellschaft gehenden Riss aufgrund unterschiedlicher Ethnizität sowie ökonomischer Hintergründe. Es geht um Hierarchien und die daraus resultierenden Spannungen und beide Protagonisten spielen die ihnen zur Verfügung stehenden Karten aus. Cates vordergründiges Überlegenheitsgefühl resultiert aus seiner Hautfarbe und dem - zumindest auf dem Papier - rechtschaffenen Beruf. Hammond kontert diese Breitseiten mit seinem gewitzten Intellekt und einem souverän-großspurigen Auftreten. Mit „48 hours" gibt Hill schließlich einen versöhnlichen Kommentar zu den erwähnten Antagonismen ab, denn am Ende stehen gegenseitiger Respekt und Freundschaft. Das ist typisch für Hill, gerade weil das nicht in jedem seiner Filme vergleichbar „aufgelöst" wird, denn er wertet nicht, sondern er beschreibt.
Das gilt auch für die im Gros seiner Werke zentral verankerte Gewalt. „To object to violence in movies is basically to object to human character as we understand it",(2) so Hill. Anders ausgedrückt, Gewalt ist für ihn ein integraler Bestandteil des Menschseins. Mit Kategorien wie Gewaltverherrlichung oder Gewaltnegierung kann man Hills Filmen nicht beikommen. Sie löst Probleme, sie schafft Probleme, sie findet sich auf Seiten der good guys ebenso wie auf Seiten der bad guys. Diese beinahe archaische Sicht ist nach wie vor tief im amerikanischen Selbstverständnis verwurzelt und eng mit dem „frontier"-Mythos verknüpft. Die neu geschaffene Heimat muss mit äußerster Kraftanstrengung einer feindlichen Natur und Lebensumwelt zunächst abgerungen und dann gegen diese verteidigt werden. Das geschieht vornehmlich mit Waffengewalt bzw. durch Androhung derselben. Die für viele Europäer unverständliche Affinität der Amerikaner zu Schusswaffen hat hier ihren Ursprung.
Auch die Figuren in „48 Hours" stehen in dieser Tradition. Die Reibereien unter den ungleichen Partnern Cates und Hammond werden zwar schon einmal mit den Fäusten ausgetragen, bei der Konfrontation mit den Gangstern sprechen allerdings ausschließlich die Waffen. Hill inszeniert diese Shootouts eruptiv, schnörkellos und brutal, ohne allerdings sich am Blutrausch zu weiden. Vereinzelt wählt er aber auch den Kniff der Slow Motion, der Zeitlupe. Anders als bei Sam Peckinpah oder John Woo führt dieses Stilmittel aber nicht zu Ästhetisierung oder Überhöhung des Gewaltaktes, sondern verpasst diesem vielmehr einen surrealen Anstrich, der mehr das Zerstörerische offenlegt als die Intensität des Gezeigten zu verstärken. Auch dieser Ansatz wirkt am Ende aber eher sachlich denn anklagend, denn ein Waffengegner ist Hill sicherlich nicht. Letztendlich ist die Gewalt bei Hill in erster Linie ein Mittel zum Zweck, entweder um seine kriminellen Ziele zu erreichen, oder eben um die Verbrecher zur Strecke zu bringen. Ihre Daseinsberechtigung wird nicht in Frage gestellt. Wesentlich in diesem Zusammenhang ist allerdings eine moralische Komponente, denn die (Anti-)Helden in „48 Hours" haben das ethische Recht auf ihrer Seite und sind folglich auch die besseren Schützen. Nicht zufällig erinnert diese Sinnhaftigkeit an den klassischen Western, aus dessen motivischem Fundus Hill gern und reichlich schöpft.
In einem der dramatischen wie auch humoristischen Höhepunkte des Films gibt sich Hammond als Cop aus und mischt eine Bar voller Hinterwädler auf und liefert Cates damit den entscheidenden Ermittlungshinweis. Sein finaler Spruch „Ein neuer Scheriff ist in der Stadt, sein Name ist Reggie Hammond" ist dabei nicht nur sarkastisch in Richtung der anwesenden Rednecks gemeint, sondern hat auch eine selbstreferentielle Komponente hinsichtlich Anlage und Charakter des Films. So bietet „48 Jours" sowohl handlungs- wie auch figurentechnisch ein gängiges Westernszenario.
Zu Beginn des Films wird der Gangster Ganz von seinem Freund Billy Bear aus einem Strafgefangenenlager befreit. Gemeinsam tauchen sie in San Francisco auf, um sich die Beute aus einem früheren Bruch zu sichern. Schnell rufen sie das Gesetz in Form des ruppigen Detectives Jack Cates auf den Plan, da sie bei ihrer Suche mehrere Morde begehen. Da er nicht weiterkommt rekrutiert Cates kurzerhand Ganz ehemaligen Komplizen Reggie Hammond und holt ihn zu diesem Zweck für 48 Stunden aus dem Gefängnis. Im Westernjargon: eine Bande Gesetzloser reitet in die Stadt, bedroht die öffentliche Ordnung mit Mord und Totschlag und kann nur durch den kompromisslosen Scheriff und seinen ungleichen Deputy aufgehalten werden.
Diese Einheit von Ort, Handlung und Figuren ist typisch für das Western-Genre. Alle drei Komponenten verdichten sich zu einem sich gegenseitig bedingenden Konstrukt, das keine zusätzlichen Abschweifungen zulässt. So werden die Charaktere ganz wesentlich durch ihr Handeln definiert, ihre Hintergrundgeschichte ist bestenfalls redundant und beschränkt sich im Falle von Ganz Bande lediglich auf die Historie eines früheren Coups. Über Cates erfahren wir nicht viel mehr, als dass er seine Freundin permanent vernachlässigt. Die Gut-Böse-Konstellation ist klar erkennbar, auch wenn das Heldenduo ein paar ordentliche Kratzer in der schimmernden Rüstung aufweist. Der eigentliche Plot ist simpel, Zeit (48 Stunden) und Ort (San Francisco) sind limitiert auf klar fixierte Bereiche.
Western-spezifisch ist schließlich auch der Fokus auf einer Männerwelt sowie die Austragung des Konflikts mit Waffengewalt. Die Helden sind dabei ebenso einsame Streiter wie ihre Widersacher. Der stets alkoholisierte und heruntergekommen wirkende Cates ist auch im Kreis seiner Kollegen ein Außenseiter. Seine Methoden und Ansichten wirken antiquiert, sein Auftreten respektlos und unangepasst. Beides schafft eine frühe Brücke zu Reggie Hammond, wenn auch zunächst Cates Rassismus sowie Hammonds quasselige Großspurigkeit die Annäherung verhindern. Was beide zusätzlich verbindet ist der unbedingte Wille und auch Mut zur Tat, wenn die Situation es erfordert. Beide - auch der Gauner Hammond - sind trotz ihrer Unzulänglichkeiten letztlich moralisch integer und handeln dementsprechend. Ihr zupackendes und kompromissloses Auftreten in der finalen Konfrontation scheint gerechtfertigt durch die skrupellose Brutalität und offenkundige Amoralität ihrer Gegner Ganz und Billy Bear.
Hill zu unterstellen hier angestaubte Westernmythen unreflektiert abzufeiern, wäre allerdings entschieden zu kurz gedacht. Schon Hammonds „Saloon-Auftritt" hat eine deutlich selbstironische Konnotation. Hill lässt die tradierten Westernmotive auf die Gegenwart der 1980er Jahre prallen und legt damit auch die teilweise Unvereinbarkeit bzw. Widersprüchlichkeit beider Welten offen. So liegt beispielsweise Cates im Dauerclinch mit seinem Vorgesetzten, den Hill nicht wie sonst im Copfilm gerne üblich als schmierigen Karrieristen und/oder inkompetenten Paragraphenreiter darstellt. Auch sein wortkarges, rein handlungsfixiertes Auftreten lässt ihn immer wieder an Grenzen stoßen, sowohl bei seiner Freundin wie auch bei der Ermittlungsarbeit. Die von Reggie Hammond verkörperte Wortgewandtheit und „zuerst Denken, dann Schießen"-Philosophie ist dagegen essentiell für den letztendlichen Erfolg des ungleichen Duos, entspricht aber kaum dem Profilbild des klassischen Westernheroen.
Natürlich kann „48 Hours" lediglich als reines Unterhaltungsvehikel konsumiert und auch zelebriert werden. Der Film ist flott erzählt, straff inszeniert, actionreich, spannend und gespickt mit treffendem Wortwitz. Nick Nolte und vor allem Eddie Murphy spielen groß auf als zänkisches Ermittlerpaar wider Willen und liefern die referentielle Blaupause für den anschließenden Höhenflug des Buddy-Cop-Genres.
Man kann den Film aber auch im Kontext des Schaffens seines Schöpfers Walter Hill betrachten und dabei, abseits des bloßen und zweifellos großen Unterhaltungswerts, noch ein zwei andere, weniger vordergründige Ebenen entdecken. Ur-amerikanische Themen wie rassische Unterschiede, der frontier-Mythos, oder Motive des klassischen Westerns werden hier nicht einfach integriert, sondern kritisch verhandelt. Diese Diskussion ist auch in den heutigen USA noch relevant und virulent, was Hill entgegen seinem Ruf auch aktuell als einen durchaus modernen Filmemacher ausweist. „48 Hours" ist großes Genre-Kino, keine Frage. Ebenso aber ist er ein Beleg für den versierten Autorenfilmer Walter Hill.
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(1) Vgl., Ritzer, Ivo, Walter Hill. Welt in Flammen, Berlin 2009, S. 72.
(2) Ebd., S. 93.