„Old Shatterhand im Morgenland"
Mitte der 1960er Jahre steuerte die bundesdeutsche Karl May-Film-Welle auf ihren Höhepunkt zu. Nach dem phänomenalen Startschuss-Erfolg von „Der Schatz im Silbersee" (1962) strömten die Massen auch in den Nachfolger „Winnetou 1" (1963). Produzent Horst Wendlandt war definitiv auf eine Goldader gestoßen und hatte den Nerv verschiedener Generationen getroffen. Der Mix aus pittoresker Abenteuerromantik, simpler Gut-Böse-Schemata und ikonographischer, in der Volksseele fest verankerter Heldenfiguren faszinierte die Jugend und weckte nostalgische Gefühle bei deren Eltern.
Der damalige Produzentenmogul und Chef der von ihm gegründeten CCC-Film Arthur Brauner war von seinem früheren Angestellten Wendlandt wenn nicht düpiert, so doch zumindest gereizt worden, schließlich hatten sie seinerzeit über eine mögliche Kinoverwertung der nach wie vor ungemein populären Karl May-Romane diskutiert. Brauner glaubte allerdings nicht so recht an einen Erfolg, vornehmlich weil die beiden in den 50er Jahren produzierten Orientverfilmungen „Die Sklavenkarawane" (1958) und „Der Löwe von Babylon" (1959) eher durchschnittlichen Anklang beim Publikum fanden.
Aber Brauner hätte sich seinen Ruf und seine Position nicht erworben, wenn er schnell klein beigegeben hätte. Da er Neu-Star Lex Barker bereits vor dem „Silbersee"-Hit unter Vertrag hatte, stampfte er flugs einen Karl May-Film aus dem Boden, der geschickt sämtliche juristischen Fallstricke umging. „Old Shatterhand" war kein May-Titel und erinnerte unter der Regie des Hollywood-Routiniers Hugo Fregonese weit mehr an zeitgenössische US-Western, als an Harald Reinls märchenhafte Abenteuer. Da man bei der Constantin aber nicht daran interessiert war, die gerade entdeckte Goldmine durch einen schlechten Konkurrenz-Film zu gefährden, gewährte man Brauner sogar die Mitwirkung von Winnetou-Darsteller Pierre Brice und versuchte auch sonst keinerlei Tricks um das Projekt zu sabotieren.
Der große finanzielle Erfolg von „Old Shatterhand" - erneut gab es die goldene Leinwand (für mehr als 3 Millionen Besucher binnen eines Jahres) in Zeiten deutlicher Kinomüdigkeit - dürfte auch eine Genugtuung für Brauner im Kräftemessen mit Wendlandt gewesen sein, aber für die Zukunft musste er die Western-Schiene nun seinem ehemalige Ziehsohn überlassen (Wendlandt hatte auf Brauners „Gegenoffensive" entsprechend reagiert und Barker und Brice als Shatterhand und Winnetou unter Exklusiv-Vertrag genommen). Folglich musste er notgedrungen - sofern er auf der May-Welle weiter mit schwimmen wollte - doch auf die Orientkarte setzen, wenn auch unter deutlich günstigeren Vorraussetzungen als in den 1950er Jahren.
So landete er für den schließlich auserkorenen Titel „Der Schut" mit der bewährten Kombination Lex Barker (Old Shatterhand) und Ralf Wolter (Sam Hawkins) einen Besetzungscoup bezüglich des Protagonistenduos Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar. Nicht nur, dass die May-Fangemeinde mit den Gesichtern der beiden bestens vertraut war, auch die Personalunion von Shatterhand und Ben Nemsi als Alter Ego des Schriftstellers verlieh zumindest Barkers Mitwirkung eine werkimmanente Logik und Kontinuität.
Clever auch der Schachzug, die mit dem Part als Winnetous Schwester Nscho-tschi („Winnetou 1") quasi über Nacht zum angehimmelten Teenager-Idol aufgestiegene Französin Marie Versini für eine der weiblichen Hauptrollen zu engagieren. Gerade vor dem Hintergrund zahlreicher Titelblätter und -geschichten der Zielgruppen-Bibel „BRAVO" war dies von enormen, Marketingtechnischen Wert.
Ein weiteres, entscheidendes Plus war die Verpflichtung von Filmkomponist Martin Böttcher. Seine schwelgerisch-romantische Musik zu den ersten beiden May-Western war ein ganz wesentlicher Faktor des Erfolgs und traf perfekt den auch thematisch avisierten Mix aus Märchen und Heroik. Bis heute hat sich die seinerzeit sogar die Hitparaden stürmende Winnetou-Melodie ihren evergreenartigen Status bewahrt und evoziert nach wie vor das typische Karl-May-Flair. Sinnigerweise verzichtete Böttcher bei seinen Kompositionen zu Brauners Orient-Abenteuer auf vermeintlich Klänge bzw. Instrumente und variierte lediglich die Klangmuster seiner Western-Motive so weit, dass der Wiedererkennungswert nicht gefährdet war.
Als Drehort für den vornehmlich unter freiem Himmel spielenden Film griff man schließlich erneut auf die wilde Fels- und Gebirgslandschaft Jugoslawiens zurück, so dass sich auch landschaftlich - ohnehin einer der ganz wesentlichen Bausteine der May-Film-Erfolgsformel - ein zielführendes Déjà Vu einstellte, obwohl man durchaus noch unverbrauchte Motive fand. Darüber hinaus fand man mit Péc im Kosovo einen perfekten Ort hinsichtlich eines typisch orientalischen Flairs mitsamt Moscheen, Basar, ungepflasterten Straßen und entsprechend bekleideter Bevölkerung. Für den festungsartigen, aber dennoch luxuriösen „Unterschlupf" des Schut entdeckte man dann mit dem nahe gelegenen orthodoxen Kloster Decani ebenfalls eine wunderbar stimmige Location, die baulich nur leicht ergänzt werden musste.
Brauner sah sich also zu recht gut gerüstet, um Wendlandts Winnetou-Erfolg Paroli bieten zu können, zumal er mit Robert Siodmak einen Genre-erfahrenen und anerkannten Regisseur verpflichtet hatte. So konnte Siodmak nicht nur mit dem Abenteuer-Klassiker „Der rote Korsar" (1952) aufwarten, sondern hatte auch dem Hollywoodschen Film Noir der 1940er Jahre seinen Stempel aufgedrückt („Die Wendeltreppe" 1945, „der schwarze Spiegel" 1946). Im Nachkriegsdeutschland stand er zudem für ambitionierte, sozialkritische Projekte wie „Die Ratten" (1955) oder „Nachts, wenn der Teufel kam" (1957).
Für das Skript zeichnete der May-erfahrene Georg Marischka (Regisseur von „Die Sklavenkarawane") verantwortlich, der die Story aus den Karl-May-Bänden 4-6 destillierte („In den Schluchten des Balkan", „Durch das Land der Skipetaren", „Der Schut") und dabei eines der werkgetreuesten Drehbücher der 60er-Jahre-Serie verfasste.
Zwar ist die Geschichte nicht sonderlich tiefgründig und verfällt auch in die gängigen Schwarz-Weiß-Schemata beim handelnden Personal, dennoch gibt es auf Seiten der Bösewichte mit dem Titelhelden, dem ihm zuarbeitenden Scharlatan Mürbarek sowie mit den rauflustigen „Auftrags-Killer" -Brüderpaar der Aladschis eine ungewöhnlich breite Palette interessanter Figuren. Vor allem der Italiener Rik Battaglia gibt eine herrlich schmierige und abgefeimte Vorstellung als lokaler Terrorfürst „Schut" und löste spätestens mit der allerdings ungleich unglamouröseren Rolle als Mörder Winnetous („Winnetou 3") Mario Adorf (immerhin der Mörder Nscho-tschis) als May-Schurken Nr. 1 ab.
In jedem Fall haben die beiden Helden Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar alle Hände voll zu tun, um das clever strukturierte Netzwerk des Schut zu entwirren und dem großspurigen Schurken das Handwerk zu legen. Siodmak inszeniert diese Hatz tempo- und abwechslungsreich und weiß auch den May-typischen Humor zu integrieren.
Anders als in den Winnetou-Filmen wirken die skurrilen Nebenfiguren hier nicht deplatziert im Sinne recht aufgesetzter Kalauer-Cameos, sondern sind sinnvoll in die Handlung integriert. Während der damalige Komikerstar Chris Howland in den Western als Schmetterling-jagender Briten-Nerd wie ein Fremdkörper wirkt, funktioniert sein eigenwillig-trockener Humor in „Der Schut" erheblich besser. Das karikieren typisch britischer Manierismen durch das spleenige Gespann Lord Lindsay (Dieter Borsche) mitsamt Butler Archie (Howland) schießt zwar auch hier ein ums andere Mal über das Ziel hinaus, sorgt aber gerade im Zusammenwirken mit dem süffisant-exaltierten Spiel Battaglias für hohen Unterhaltungswert. Auch Ralf Wolter bekommt mit dem zwischen Aufschneiderei, Naivität, Wagemut und Unterwürfigkeit hin und her lavierenden Hadschi Halef Omar deutlich mehr Entfaltungsmöglichkeiten, als mit dem eher auf einen Sidekick reduzierten Western-Äquivalent Sam Hawkins.
Dass „Der Schut" - trotz einer deutlich höheren Popularität der Western-Stoffe bei den Buchvorlagen - sogar an die finanziellen Erfolge der ersten drei Winnetou-Abenteuer anknüpfen konnte, mag mehr ein Resultat der damaligen May-Hysterie, als der genannten Vorzüge gewesen sein. Dazu beigetragen haben sie aber sicherlich.
Zweifellos ist das Orient-Abenteuer einer der besten Filme der bundesdeutschen Karl-May-Film-Welle, ein farbenfrohes, abwechslungsreiches und vergleichsweise rasant erzähltes Unterhaltungsspektakel mit fantastischen Landschaftsaufnahmen und geschickt gewählten Locations. Die durchaus vorhandene Naivität und Simplizität wirkt dabei mehr charmant als lächerlich und trifft den romantisch-märchenhaften Charakter der literarischen Vorlage. Der Weg für weitere Orient-Verfilmungen war somit geebnet, zumal ein Abebben der May-Euphorie (noch) nicht in Sicht schien.
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Literatur:
Vgl. Kastner, Jörg. Das große Karl May Buch, Bergisch Gladbach 1992, S. 169-175
Vgl., Petzel, Michael, Karl-May-Filmbuch. Stories und Bilder aus der deutschen Traumfabrik,
Bamberg 1999, S. 176-192