HARPER geht sein Job über alles. Obwohl er viel zu cool und lässig ist, sich das anmerken zu lassen. Aber dann wird die attraktive Fast-schon-Ex-Ehefrau [Janet Leigh!] mit einem leckeren Frühstück in der Küche stehen gelassen, da wird einem Mörder der Rücken zugekehrt, da soll ein alter Freund der Polizei ausgeliefert werden. Aber mit „Freunden“ hat er's eh nicht so. Der „Auftrag“ ist wichtiger.
Vielleicht ist HARPER doch den Sonnenanbetern auf dem Bergplateau ähnlicher als man dachte. D.h., der IDEE der Sonnenanbeter. Denn sie REDEN nur von Gott: Sie plündern die Idee „Sonnengott“, um mexikanische Wanderarbeiter ins Land zu schleusen.
Doch HARPER arbeitet wirklich für ein höheres Ideal, für die Gerechtigkeit. Für den toten Millionär, der eigentlich allen egal ist: Seiner eiskalten, spottenden Ehefrau, seiner mißratenen, oberflächlichen Tochter, seinem frustrierten, glücklosen Anwalt, den Dienern, Piloten, Spendenempfängern und „alten Freundinnen“ [Shelley Winters] sowieso.
Aber eigentlich ist der Tote ja sogar aus guten Gründen allen egal, allen verhasst, bei allen unbeliebt: Er war ein herrschsüchtiges Ekel, nur am Geldverdienen + Leute quälen interessiert. Doch HARPER ist auch das egal. Egal, was für ein übler Patron der Mann war: Er bearbeitet den Fall dennoch bis zuletzt, auch auf Kosten seiner Ehe, seines alten Freundes, seines
Lebens.
So einer ist HARPER. Für mich einer der coolsten Detektive der Filmgeschichte, auch wenn er im Büro nächtigt und seinen Kaffee mehrmals aufkocht. Er schläft in Weiß: Unterhemd, Shorts und weiße Socken, die Achseln und der Bart sind unrasiert. Gesichtswäsche im Eiswürfelbad. Ein Mann der 1000 Rollen, schlau, manipulativ, unwiderstehlich, kaugummikauend. Den spuckt er in die Millionärsblumenbeete, klebt ihn an die Tische, spuckt ihn vors Sonnentempelportal... so verstehe auch ich, warum alle Frauen auf Paul Newman stehen, und auch die Coen-Brüder, die den hippen HARPER als Vorbild für den DUDE / BIG LEBOWSKI nahmen.
(So nehme ich mal an.) Aber was bei BIG LEBOWSKI schon wieder Zitat
ist, war bei HARPER noch Original. Naja, bis man ihn mit Hard-Boiled-Detektiven der 1940er Jahre vergleicht. Aber dafür ist HARPER aus den hippen 60ern, und entsprechend bunt ist das Ambiente.
Und unwiderstehlich die Cinemascope-Kamera, die roten Farbflächen und ausgebleichten Nachtklubs, die Farben der US-Flagge auf dem Parkplatzasphalt, der nächtliche Tempel auf der Bergspitze, das 70er-Jahre-Ambiente, das so stilvoll ist, daß es wehtut, die gegelten Piloten und nerdigen
Brillenschlangen, laszive 16-jährige, die auf Sprungbrettern überm Pool tanzen (direkt vor unserer und Harpers Nase, Kopf und Füße abgeschnitten), die drogensüchtige Barpianistin, das dickgewordene Starlet, die Immigranten, die aus Büschen quellen und in fremden Zungen sprechen, der jazzige Soundtrack, die dreieckigen Sandwiches, die seltsamen Skulpturen, die pumpenden Ölturme, Werftruinen und verlassenen Öltanker (als noch niemand von „Peak Oil“ sprach) die Berge über Los Angeles und das Meer vor der Haustür, schimmernd in Amerikanischer Nacht, bissige, schlagfertige, trockene, pointierte Dialoge (auf IMDB sind viele in Englisch, für OFDB erinnere ich mich an die deutsche Fassung: „Du wolltest doch mal Gouverneur von Kalifornien werden?!“ „Und Du der beste Strafverteidiger von Los Angeles?!“ „Und was sind wir jetzt!?“ und dann noch die Selbstreferenz: „Ich dachte, alle Detektive trinken.“ „Nur in Romanen.“).
HARPER: Als Mann und als Film ein Vorbild.