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Das Instrumentalstück „Wheels“ des Billy Vaughn-Orchesters stand 1961 monatelang an der Spitze der deutschen Single-Charts. Der Titel und der Interpret sind heute nur noch Wenigen bekannt, aber die treibende Melodie hat fast Jeder schon einmal gehört. Regisseur Vittorio De Sica nutzte sie als rhythmischen Hintergrund eines Films, der das Lebensgefühl in Italien Anfang der 60er Jahre, nach einem Jahrzehnt des wirtschaftlichen Aufschwungs, beschreibt. Die Wirtschaft boomt, das Bruttosozialprodukt steigt, der Konsum wächst – und Jeder will ein Stück vom Kuchen abbekommen. Dass es dabei nicht ausgeglichen zugeht, daran gibt es schon in der ersten Szene keinen Zweifel. Während ein alter Mann einen knittrigen Schein in den Händen hält, zählt Giovanni Alberti (Alberto Sordi) die Lire-Scheine seines dicken Bündels. Der Unternehmer Alberti braucht das Geld für seinen luxuriösen Lebensstil. Ein Appartement in Top-Lage, ein schnelles Auto für sich, ein Fiat für seine schöne Frau Silvia (Gianna Maria Canale) und jeden Abend Party in angesagten römischen Locations mit seinen Freunden und Geschäftspartnern. Ein Leben im ständigen Vorwärtsgang – „the wheels go on“.

Diesem Tempo passt sich auch der Rhythmus eines Films an, der nicht lange braucht, um den Moment des Glücks zu Beginn als Illusion herauszustellen. Das Geldbündel stammt vom Sparbuch seiner alten Mutter, aber es reicht nicht annähernd, um seine hohen Schulden zu begleichen. Albertis Gläubiger gewährt ihm keinen Aufschub und seine Versuche, seine Freunde um einen Kredit zu bitten – auf dem Tennisplatz, an der Rennbahn oder im Restaurant – scheitern. Sein wichtigster Geschäftspartner schläft ein, während Alberti ihm von ihrer langen Freundschaft vorsäuselt. Einzig die Begegnung mit dem schwerreichen Baumagnaten Bausetti verspricht eine Chance, aber dieser lehnt den Investitions-Vorschlag des jüngeren Kollegen ab. Er hätte sich seine Firma in 50 Jahren mit harter Arbeit aufgebaut, während Alberti mit windigen Spekulationen versuche, das gleiche Geld in einem Jahr zu verdienen.

Das langjährige Team Cesare Zavattini / Vittorio De Sica griff in „Il boom“ auf seine neorealistischen Wurzeln zurück und kombinierte sie mit einem komödiantischen Unterton. Herauskam eine „Commedia all‘italiana“ in Reinform, versehen mit einem gnadenlosen Humor, bei dem das Lachen nicht mehr im Hals stecken bleibt, sondern gar nicht erst aufkommen will. In seiner Anlage erinnert „Il boom“ an „Il tetto“ (Das Dach, 1956), in dem ein junges aus armen Verhältnissen stammendes Ehepaar auf vielfältige Weise versucht, im prosperierenden Rom eine eigene Wohnung zu finden. Daran knüpfte Autor Zavattini seine Kritik an einem Wirtschaftswachstum, das einen Großteil der Bevölkerung in Armut zurückließ, um in „Il sicario“ (Das bittere Leben, 1961) auf die Seite der Profiteure zu wechseln. Der unter der Regie von Damiano Damiani entstandene Film nahm die Thematik von „Il boom“ konkret vorweg und beschrieb die Situation eines Bauunternehmers aus der Oberschicht, dessen Firma nicht genug Geld abwirft, um seinen verschwenderischen Lebensstil zu finanzieren. Um die Pleite zu verhindern lässt er den alten Freund seines Vaters, dem er viel Geld schuldet, umbringen. Als Mörder beauftragt er einen einfachen Arbeiter, der auf Grund seiner Arbeitslosigkeit nach einem Gefängnisaufenthalt nicht mehr in der Lage ist, seiner Familie etwas zu bieten und der deshalb fürchtet, Frau und Kind zu verlieren.

Die Verlockungen der Konsumgesellschaft und die Sucht nach dem schnellen, leichten Erfolg waren in ihrer Auswirkung auf alle Bevölkerungs-Schichten eine Folge des Wirtschaftswachstums nach dem Krieg. Eine Entwicklung, die auch zu einer leichteren Durchdringung der sozialen Ebenen führte. Die Chance auf einen gesellschaftlichen Aufstieg bestand ebenso, wie die Gefahr des Verlusts an Ansehen. Der Bauunternehmer in „Il sicario“ beauftragt den Killer, um seine traditionelle familiäre Stellung zu bewahren, Giovanni Alberti in „Il boom“ versucht dagegen, seine mühsam erreichte soziale Position nicht wieder zu verlieren. Seine Eltern sind Kleinbürger, die nur wenig mit seinem luxuriösen Lebensstil anfangen können, ihren Sohn aber selbstlos unterstützen. Dieser hatte mit Silvia, der Tochter eines Generals, nicht nur in die Oberschicht eingeheiratet, seine Partnerschaft mit einem angesehenen Investor ermöglichte ihm den Zugang in die besseren Kreise.

Erst nach mehr als einem Drittel der Laufzeit findet der 2jährige Sohn Albertis in einem Nebensatz Erwähnung, obwohl „Il boom“ ausführlich den Tagesablauf des Protagonisten und seiner Frau beschreibt bis sie tief in der Nacht wieder nach Hause kommen. Berührung mit ihrem Kind gibt es keine. Dafür ist allein das Hausmädchen zuständig, das in einem kleinen Zimmer in der geräumigen Wohnung schläft. Doch dieses Leben zwischen Statussymbolen und teuren Freizeitvergnügungen übersteigt Albertis finanzielle Möglichkeiten bei weitem. Als seine Schulden bekannt werden, verlässt ihn nicht nur seine Frau, sondern auch seine Freunde wenden sich von ihm ab. Es bietet sich ihm nur ein Ausweg, auf den er in seiner hoffnungslosen Situation wieder zurückkommt. Er verkauft für viel Geld die Hornhaut seines linken Auges an den Magnaten Bausetti, der seit seiner Jugend auf dieser Seite nahezu blind ist. Die Spende der Hornhaut eines gesunden Menschen verspricht medizinischen Erfolg.

Wenn Jemand bereit ist, nur für den Erhalt seiner gesellschaftlichen Stellung und ein luxuriöses Leben auf ein Auge zu verzichten, warum sollte man an seinem Schicksal teilhaben? – Was sich nach einer Satire auf die Konsumgesellschaft anhört, ist in „Il boom“ von demaskierender Realität. Zu verdanken ist das vor allem dem Spiel Alberto Sordis, dessen komisches Talent zwingend notwendig ist, um die Tragik hinter seiner Figur ertragen zu können. Sein Giovanni Alberti ist weder ein skrupelloser Geschäftemacher, noch der Vertreter einer hedonistischen Spaßgesellschaft. Er liebt seine Familie und spielt den ewigen Witzbold und Unterhalter nur, um in der besseren Gesellschaft anerkannt zu werden. Wie viele andere vor und nach ihm träumte er von einem besseren Leben und ist in eine Falle geraten, aus der er nicht mehr herauskommt.

Die zentrale Szene des Films, in der Alberti einer Einladung der Ehefrau Bausettis (großartig die Operndiva Elena Nicolai in ihrer ersten Filmrolle) in deren Palazzo nachkommt, steht für die komplexe Sichtweise Zavattinis. Einen Moment lang hatte er geglaubt, die knapp 60jährige wäre seinem Charme erlegen und suche ein Abenteuer mit einem jüngeren Mann, aber Signora Bausetti ist von einem anderen Kaliber als seine sonstige Umgebung – ernsthaft, unerschütterlich und standesbewusst. Als sie ihm das Geschäft mit seinem Auge anbietet, frieren seine Gesichtszüge ein, denn er weiß, dass er verloren hat – unabhängig davon, ob er sich weigert oder zustimmt. Ihre Frage entsprang keiner Arroganz, sondern der Sorge um ihren Mann. Doch allein, dass sie ihn fragte, beweist ihm, dass er nie zu Ihresgleichen gehören wird. Die Transparenz eines gesellschaftlichen Aufstiegs und die Versprechungen des Wirtschaftswunders erweisen sich als fragile Illusion.

Zuerst lehnt Alberti das Ansinnen der Signora Bausetti ab, aber als er feststellen muss, dass ihn seine Frau verlassen hat und ganz Rom von seinen Schulden weiß, muss er handeln. Der Strudel, in den der zunehmend Verzweifelte gerät, ist ein Paradebeispiel für einen tragikomischen Parforceritt. Albertis Gefühlslage wechselt ständig zwischen Verdrängung und ungeschönter Offenheit. Doch weder kann er damit sich selbst helfen, noch versteht seine Umgebung seine Kritik. Der sympathische Durchschnittstyp Giovanni Alberti böte sich als Identifikationsfigur geradezu an, wäre sein Beispiel nicht gleichzeitig so entlarvend. Obwohl Vittorio de Sicas frivoler Beitrag zum Episodenfilm „Boccaccio‘70“ (1962) sehr gut ankam, und er mit seinem wenige Monate später folgenden Film „Ieri, oggi, domani“ (Gestern, heute und morgen, 1963) große Erfolge feierte und Preise bis zum Oscar einheimste – jeweils nach einem Drehbuch Cesare Zavattinis - blieb „Il boom“ die internationale Vermarktung verwehrt. Auch in Deutschland kam der Film nicht in die Kinos, gegen den die populäreren Werke von zahnloser Harmlosigkeit sind. (9/10)

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