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Reporterin Kimberley Wells arbeitet beim Fernsehen und ist mit ihren recht banalen Geschichten sehr erfolgreich. Gern würde sie etwas riskanteres und sensationelles behandeln, doch man traut ihr dies nicht zu und behauptet sie eine Frau sei eben in dem besonders gut, was Kimberley gerade behandele.
Als die strebsame und selbstbewusste Frau nun mit ihrem Kameramann Richard Adams und dem Tontechniker eine Reportage in einem Kernkraftwerk dreht scheint alles so gewöhnlich wie immer, doch von einem Beobachtungsraum aus wohnen sie einem Zwischenfall bei, der viele Fragen aufwirft. Sie dürfen dies nicht filmen, doch Kameramann Richard, der ein klarer Gegner von Kernkraft ist und eine eher revolutionäre Ader besitzt, filmt das Ereignis heimlich mit. Kimberley merkt schnell, hier hält sie einen explosiven Stoff in der Hand, der ein wahrer Knüller ist. Doch schnell bekommt sie einen Maulkorb vorgesetzt. Sie darf die Story nicht verwenden und nicht über den Vorfall sprechen. Und plötzlich ist der Film verschwunden und mit ihm auch Richard.
Derweil führt man im Kernkraftwerk eine genaue Untersuchung durch. Jack Godell, der zur fraglichen Zeit vor Ort war und in das Geschehen direkt involviert, merkt schnell, man ist sehr daran interessiert das Kraftwerk wieder ans Netz zu legen und sieht über Risiken gern hinweg. Die Lage spitzt sich zu und Godell sieht bald nur noch eine Möglichkeit.

Das Thema Kernkraft ist auch heute noch ein heiß diskutiertes Thema, an der Einstellung dazu hat sich nichts geändert. Seinerzeit gab es noch kein Tschernobyl, doch die Auswirkungen atomarer Energie waren wohl bekannt, schon allein wegen Hiroshima und Nagasaki. Verständlich, dass man einer Energiegewinnung durch Atomenergie skeptisch gegenüber stand und steht.
Dieses Thema griffen die Macher auf, es war ihnen zum einen ein Bedürfnis über das Thema zu berichten und zum anderen ein Stoff, der sich sicher gut verkaufen ließ. So verfassten Mike Gray („Der Mann vom anderen Stern“), T.S. Cook („Baretta“) und Regisseur James Bridges ein Drehbuch, mit dem sie einige namhafte Darsteller engagieren konnten, zumindest sind sie das aus heutiger Sicht. Jane Fonda, die seinerzeit schon als Reaktionärin bekannt war, Jack Lemmon, seinerzeit schon ein gefeierter Star und Michael Douglas, bilden das Hauptgespann, das für die Geschichte von großer tragweite ist. Die Rolle des Kameramannes Richard Adams sollte ursprünglich Richard Dreyfus spielen, doch kurz vor Beginn der Dreharbeiten zog er wohl zurück und man besetzte den Platz mit Douglas. Weitere bekannte Gesichter fallen an Wilford Brimley (Das Ding aus einer anderen Welt), Richard Herd („V – Die außerirdischen Besucher kommen“ / „T.J. Hooker“) oder James Karen (Poltergeist).
Von den erwähnten Darstellern wohl am meisten im Gedächtnis bleiben wird vor allem Jack Lemmon, denn was er hier an Darstellerischem Können bietet rechtfertigt seine damalige Nominierung für den Oscar vollauf. Nicht Overacting ist bei ihm zu erleben, sondern ein unheimlich glaubwürdiges Spiel, was unweigerlich in den Bann zieht. Daneben verblassen Jane Fonda und Michael Douglas durchaus, doch möchte ich ihre Leistungen damit nicht herunterspielen. So besticht Fonda als strebsame Reporterin und verkörpert dabei nicht den Stereotyp der penetranten und rücksichtslosen Sensationslüsternen. Man kauft ihr das Streben nach dem ehrlich erkämpften Aufstieg ab und sieht wie sie unter ihren Vorgesetzten leidet, die sie in der Ecke der banalen Berichterstattung sehen und ihr nichts Größeres zutrauen, wie Enthüllungen alla Bob Woodward und Carl Bernstein. Fonda agiert stets glaubhaft und nicht arrogant und übertrieben, wie es eben immer üblich für diese Figuren in Hollywood war. Überzeugend ist ebenfalls Michael Douglas, der im Jahr zuvor im Film „Coma“ auf sich aufmerksam machte und sich deswegen wohl für den Part von Richard Dreyfuß empfahl. Wenn ich mir Dreyfuß in der Rolle vorstelle, bin ich der Meinung, Douglas war die wesentlich richtigere Wahl, denn ihm kauft man den revolutionären Geist wesentlich besser ab. Dreyfuß wäre da sicher steifer gewesen.
Mir noch im Kopf haften blieb, Richard Herd. Diesen eiskalten emotionslosen Blick vergisst man nicht, schon gar nicht wenn man dann die weiteren Ereignisse kennt. Was für ein mieses Schwein.

Jedenfalls hatte Regisseur James Bridges einen begabten Cast und ein erstklassiges Drehbuch. Dieses galt es nun passend auf die Leinwand zu bringen und dafür holte man James Crabe, der einige Jahre zuvor schon begeisternde Bilder als Kameramann drehte und zwar für Sylvester Stallones „Rocky“. Um die Geschichte in packende Bilder zu kleiden war er somit genau der richtige. Gelungene Kamerafahrten und Bildkompositionen fangen das Geschehen optimal ein, doch könnte man behaupten die Bilder seien zu kühl und schlicht. Dem würde ich zustimmen, aber im gleichen Atemzug behaupten es unterstützt die Stimmung der Geschichte und damit konzentriert man sich auch mehr auf das wesentliche, nämlich die Story und jene die sie vortragen.
Sonderlich rasante Szenen bekommt der sensationslüsterne Zuschauer nicht geboten, bis auf ganz wenige Ausnahmen im letzten Drittel. Man könnte somit meinen der Schnittmeister hätte nicht sonderlich viel zu tun gehabt. Das stimmt aber nicht, denn der Schnitt ist eine immens wichtige Sache, wenn es um Spannung geht. Besonders in so Szenen, wie dem Zwischenfall zu beginn und am Ende, sowie bei so einigen Momenten mitten im Film, ist ein guter Schnitt von entscheidender Wichtigkeit, denn mit ihm steht und fällt ein solcher Moment. Zwei Jahre zuvor hatte David Rawlins „Saturday Night Fever“ geschnitten und ganze Arbeit geleistet. Bei „Das China Syndrom“ ist ihm ebenfalls alles geglückt. Die eben angesprochenen Stellen besitzen eine Nerven zehrende Spannung und lassen einen gebannt auf die Leinwand starren. Kamera, Darsteller, Regie und Schnitt haben hier hervorragend funktioniert und alles ohne Musikuntermalung.
Eine spannende Musik kann einem Kinofilm noch einiges mehr an Spannung verleihen, ihn aber auch unnötig aufblähen. Scores von Elmer Bernstein sind phantastische Kompositionen, doch ich glaube ein solcher hätte hier einiges von der Glaubwürdigkeit genommen. Michael Small (Marathon Man) hatte einen kompletten Score geschrieben, doch die Verantwortlichen waren damit absolut nicht zufrieden. Man entschied, ganz auf einen Musikscore zu verzichten und so hört man während des gesamten Filmes nur Musik, die auch die Protagonisten hören, was heißt, die Musik kommt nur aus Radios, Jukeboxen, Fernsehgeräten und dergleichen. Jetzt könnte man ja Vor- und Abspann anbringen, doch im Vorspann hört man das von Stephen Bishop komponierte Lied aus einem Radio und der Abspann ist ohne Ton, was angesichts der zuvor gesehenen Ereignisse aber mehr als passend ist.
Im Zusammenhang mit dem Vorspann fällt mir noch eine Sache ein, die ich unbedingt erwähnen möchte. Die Kamera verfolgt das Filmteam, eben Jane Fonda, Michael Douglas und der Tontechniker, auf ihrer Fahrt zum Kernkraftwerk mit einer Luftkamera, die offensichtlich an einem Helikopter befestigt war. Geschnitten wird hier eher wenig und zu einem Zeitpunkt überhaupt nicht. An einem Punkt an dem jeder andere auf eine andere Kamera gewechselt hätte bleibt James Bridges, bzw. Kameramann James Crabe, auf der Helikopterkamera und zoomt von sehr weiter Ferne auf Close-Up Nähe heran. Die Darsteller, in dem Fall Michael Douglas, mussten den Wagen selbst auf einer befahrenen Straße (ich bezweifle, dass der übrige Verkehr gestellt ist) steuern und allein darinnen agieren, während sie vom Helikopter aus in eben einer Einstellung gefilmt wurden. Besonders beim heranzoomen könnte man meinen, die Kamera würde immer mehr zu wackeln beginnen, doch weit gefehlt, sie bleibt sehr ruhig. Diese Inszenierung beeindruckte mich sehr und spricht mit für die außergewöhnlichen Köpfe, die hinter dem Projekt stehen.

Der Umstand, dass der Einstieg so außergewöhnlich ist, er beginnt mit einem Fernsehbeitrag von Kimberley Wells und nichts wird kommentiert, der darauf folgende Vorspann, die packende, zuweilen Nerven zehrende und gegen Ende dramatischer werdende Geschichte, die sehr glaubwürdig agierenden Darsteller, das komplette fehlen von komponierter Musik und der Abspann, der völlig ohne Ton daherkommt zeichnen einen überragenden Film, der mich zutiefst beeindruckte, fesselte und zum Nachdenken anregte. Zu Recht wurde „Das China Syndrom“ für vier Oscars nominiert und zu unrecht bekam ihn Jack Lemmon nicht verliehen. Auch Jane Fonda ging leer aus, ebenso wie das nominierte Drehbuch und die Ausstattung.
Lemmon bekam jedoch eine Auszeichnung in Cannes 1979 sowie den BAFTA Award verliehen. Diesen bekam auch Jane Fonda. In den Nominierungen für den Golden Globe ging der Streifen leider ebenfalls leer aus. Ich finde diese vielen Nominierungen sprechen eine deutliche Sprache und die Tatsache, dass nicht überall etwas abgeräumt wurde ist kein Grund zum Schämen, denn in dem Jahr hatte man mit „Apokalypse Now“ und „Kramer gegen Kramer“ ja schwere Konkurrenz.
Wie nah „Das China Syndrom“ an der Wahrheit lag, zeigte ein Zwischenfall im Atomkraftwerk „Three Mile Island“ in Pennsylvania am 23. März 1979, nur 13 Tage nach Kinoveröffentlichung des Filmes. Dieser Vorfall hatte frappierende Ähnlichkeit mit jenem aus dem Streifen und zeigte, wie ernst zu nehmen dieses Thema war und bis heute ist. Den Atomgegnern kamen Film und Vorfall ganz gelegen, im Kampf gegen Atomenergie, doch alles schützte nicht vor „Tschernobyl“ 1986, genau sieben Jahre später.

Ich begeistere mich sehr für Katastrophenfilme. „Das China Syndrom“ ist kein direkter Vertreter dieses Genres, doch er kratzt gefährlich daran und ist eine aufrüttelnder Thriller, wie er packender kaum sein kann. Für mich ein Meisterwerk, was sich von der üblichen Filmmachart in Hollywood in einigen Punkten abhebt und damit auch filmisch etwas Besonderes ist.
Das Wort ‚China Syndrom’ ist übrigens eine sehr interessante Bezeichnung für einen Vorgang, der sich bei einer Kernschmelze angeblich ereignen könnte, zumindest theoretisch. Der Kern brennt sich in die Erde und zwar soweit, bis man in China wieder heraus komm (Auf der anderen Seite der Erdkugel). Klingt übertrieben, zeigt aber denke ich sehr gut, welche Energien hier freigesetzt werden können.

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