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Im Rausch des Hedonismus

Den Zeitgeist der eigenen Dekade kritisch unter die Lupe zu nehmen, birgt immer ein gewisses Risiko. Viele wollen nicht an die Schattenseiten ihrer Generation erinnert werden, womöglich sind sie sich deren auch gar nicht bewusst. In Romanform hatte „Bright Lights Big City" große Erfolg gefeiert, warum dies der Filmversion nicht gelang, ist schwer zu sagen. In der Theorie war das Projekt bestens gerüstet für eine ähnlichen Siegeszug. Nicht nur konnte man mit James Bridges einen mit gesellschaftskritischen Stoffen erfahrenen Regisseur („Das China Syndrom) gewinnen, Bestsellerautor Jay McInerney verfasste höchst persönlich das Drehbuch zu seiner Vorlage und der seit „Back to the Future" zum Teenie-Superstar der 80er aufgestiegene Michael J. Fox spielte die Hauptrolle.

Vielleicht lag es an der ungleich unmittelbareren Ich-Perspektive, mit der McInerney seine autobiographische Erzählung über die hedonistische New Yorker Yuppie-Szene ausbreitete, dass der Film nicht denselben packenden Sog entwickeln konnte. Vielleicht sorgte auch Bridges unaufgeregte Inszenierung für ein deutlich schlechteres Abschneiden im Vergleich zum thematisch verwandten Börsen-Thriller-Hit „Wall Street" des damals noch vor Vevre und Ideen strotzenden Oliver Stone. In jedem Falle lief „Bright Lights, Big City" unter Wert, denn kaum ein Film liefert einen schonungsloseren Blick auf das von Oberflächlichkeiten dominierte Berufs- und Privatleben aufstrebender Großstädter.

Gerade wegen seiner ruhigen, beobachtenden Erzählweise entfaltet sich das ganze Drama des Protagonisten in aller Klarheit. So wird man Zeuge, wie der talentierte Schriftsteller Jamie Conway im allnächtlichen Koks- und Partyrausch zunehmend seinen klaren Fokus verliert und unbeirrbar auf den Abgrund zusteuert. In seinem Dauerbetäubungszustand verkennt er auch die wahren Absichten seiner Freundin Amanda (Phoebe Cates), die ihn nur geheiratet hatte, um ein Stück Ruhm abzubekommen. Als dieser ausbleibt und ihre eigene Model-Karriere Fahrt aufnimmt, verlässt sie ihn. In selbstzerstörerischer Trauer stürzt sich Jamie noch vehementer ins New Yorker Nachtleben und verliert auch noch seinen sicheren Job bei einem städtischen Society Magazin. Als sich auch noch der unverarbeitete Tod der Mutter zu ersten Mal jährt, scheint der totale Absturz nicht mehr aufzuhalten.

Michael J. Fox spielt diesen Gestrandeten und von Unsicherheiten und Traumata Geplagten als netten Jungen von nebenan, was dessen Erfahrungen und Alltag überhaupt erst emphatisch erfahrbar macht. Gemeinsam mit Jamie erlebt man den glitzernden Albtraum der Großstadt fast wie in Trance. Kiefer Sutherland zeigt bereits hier sein Talent für brüchige Figuren und gibt als Jamies bester Freund Tad den vermeintlichen Widerpart des sich mit den Umständen bestens arrangiert habenden Partylöwen. In wenigen Augenblicken blitzt allerdings der Zyniker auf, der genau weiß, dass er die Leere seines Daseins nur mit schnellem Sex und regelmäßigem Drogenkonsum betäubt und verdrängt.

„Bright Lights, Big City" mag nicht ganz so scharfzüngig, auf den Punkt und bitterböse sein wie seine literarische Vorlage, als nachdenklich stimmendes Sittengemälde der auf Hedonismus und Äußerlichkeiten fixierten Yuppie-Generation gehört er neben Oliver Stones wütender Wall-Street-Abrechnung aber zu den besten Versuchen der 80er Jahre den eigenen Zeitgeist einzufangen. Treffend untermalt von passender, zeitgenössischer Popmusik (u.a. Bryan Ferry, New Order, Depeche Mode und Price) und gedreht an New Yorker Originalschauplätzen gelingt James Bridges auch audiovisuell ein so stimmiges wie interessantes Zeitdokument, das vor allem in der Rückschau durch seinen unverstellten Blick und seine messerscharfe Beobachtung besticht.   

 

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