Review

Das Schweigen der Männer!
Ein gar nicht so unpassender Untertitel für Jim Jarmuschs Film „Broken Flowers“, einer Charakterstudie aus einiger Entfernung, die Betrachtung eines Mannes, der ahnt, daß sein Leben irgendwann in nicht zu ferner Zukunft enden wird und sich langsam bewußt wird, daß ihm nicht viel bleibt. Ohne daß er etwas dagegen tun kann.

Bill Murray spielt diesen Mann, Don Johnston („... mit einem t“), der gleich zu Beginn von seiner derzeitigen (jüngeren) Freundin verlassen wird, dies aber wehrlos und geradezu katatonisch aufnimmt.
Mit steinerner, stoischer Miene sitzt er auf dem Sofa, ist fast wortlos gegenüber dem Abschied, sieht er wie aus großer Ferne einem Spielfilm über „Don Juan“ zu, der uns verrät, was geschieht, wenn solche Frauenhelden in die Jahre kommen. Offenbar war Don so ein Charmeur ohne wahre Bindungsfähigkeit, aber mit vielen Liebschaften, doch jetzt kommt er in die Jahre und wie der Blumenstrauß auf dem Kaminsims verblüht auch er.

Alles ändert sich, als mit der Trennung ein Brief ankommt, der Don informiert, daß er Vater eines 19jähren Sohnes ist. Die Zurückgezogenheit ist jedoch zu groß, es bedarf schon seines Nachbarn, der für Don eine Reise in die Vergangenheit zu den fünf Frauen organisiert, die als mögliche Mutter in Frage kommen.

Von diesem Punkt an folgt der Zuschauer dem widerstrebenden Don als Mitreisender. Wie befohlen jeder seiner alten Lieben einen Strauß mit rosa Rosen mitbringend, sucht er stets nach Anhaltspunkten für seinen Sohn, nur – er fragt bei keiner direkt danach.
Obwohl bis auf einen Fall durchaus freundlich empfangen, bleibt Don stets zurückhaltend, eine Un-Person auf einem zufälligen Besuch und scheint nur dort zu sein, um still zu suchen, zu schweigen und uns verschlüsselte Hinweise auf seinen Charakter zu geben.
Er war nie ein Snob, die erstbesuchte Laura (Sharon Stone) wirkt sogar ein bißchen prollig, aber Don behält seine höflich-zurückhaltende Position, auch als deren Tochter Lolita (Name ist Programm) ihm nackt vor der Nase herumhüpft. Zwar landet er mit Laura wieder im Bett, aber das ist wohl eher auf ihre Aktivität zurückzuführen.
Dora (Frances Conroy) wirkt wie ein Kunstgeschöpf in ihrer Modellhaussiedlung, das servierte Essen wirkt künstlich arrangiert, ihr Mann und sie demonstrieren plakative Harmonie, die die Wortlosigkeit der Ehe (und das Fehlen von Kindern) noch brüllender macht. Ein Foto aus der Hippie-Zeit enthüllt eine Menge über Dora, die vielleicht lieber ein anderes Leben gelebt hätte und über Don, der es damals gemacht hatte.
Carmen (Jessica Lange) dagegen ist zu einer Fachfrau für Kommunikation mit Tieren geworden, geradezu dekorativ von ihrer lesbischen Assistentin bewacht. Obwohl auch hier die Unterhaltung auf neutralem Sektor bleibt, spürt man, daß diese Trennung etwas mehr bewirkt, mehr Kreise zog.
Und schließlich Penny (Tilda Swinton), gestaltet sich als wütende Furie und Rockerbraut, zu der keine Worte mehr führen, die Don eh nicht hat.

Am Ende spürt Don seinen Einfluß auf das Leben anderer, aber den fehlenden Einfluß anderer auf ihn. Ihm ist nichts geblieben von seinem Leben und plötzlich wacht er auf und setzt sich mit entwaffnender Verzweiflung in Bewegung, als er einen jungen Tramper berät, den er für seinen Sohn hält.
In der Schlußeinstellung umkreist die Kamera einen verwirrten Don auf einer abendlichen Straße, der nicht weiß, in welche Richtung er gehen soll, wo seinen Sohn suchen, der allerdings vielleicht gar nicht existiert, wie Hinweise andeuten.
Man möchte ihm wünschen, daß die Bewegung anhält, die Tendenz wider dem Stillstand genügt dem Film da völlig.

Jarmusch drehte hier kein echtes Portrait, sondern entwirft Skizzen, in den man sich seinen eigenen Don Johnston entwerfen kann. Murray agiert noch zurückgezogener als in „Lost in Translation“ und wirkt trotzdem stets überzeugend und anrührend schüchtern. In den gegensätzlichen Liebschaften spiegeln sich die Charakterzüge wieder ohne ganz ans Licht zu treten, aber das ist auch nicht nötig. Jarmusch liebt seine Figuren, auch die unsympathischen und das genügt.
Es gibt keine Moral, keine echte Botschaft, kein Ziel in diesem Film, das eingehalten werden könnte. Aber dennoch ist das Ergebnis bewegend, humorvoll, ruhig und vor allem anrührend.
Leise von außen, doch innen dröhnend.
Verwelkte Blumen fürwahr! (8,5/10)

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