Da stehe ich also Samstags mittags im Elektronikfachmarkt meines Vertrauens und durchstöbere die DVD-Abteilung nach den neuesten Schnäppchen, als mir ein Gespräch zu Ohren kommt, das kennzeichnender für den vorliegenden Film nicht sein könnte… Da unterhalten sich die blonde Jenny und die brünette Dörte (Namen vom Rezensenten geändert) über die DVD, die Dörte sich gerade aus dem Regal genommen hat, um den Covertext zu studieren. „Nä, hol den net! Den hab ich inner Videothek ausgeliehen. Schrott is dat. Da denkt ma, ma hätt’ en lustigen Film mim Bill Murphy, oder wie der Kerl da heisst, un wat is? Mist, absoluter Mist!“ – „Och? Wirklich? Klingt doch eigentlich ganz gut!“ – „Lass et, wer so’n Müll gut findet, der muss schon ganz schön einen an der Waffel ham!“
Jawoll! Endlich wieder ein Film, der das Publikum in zwei Lager spaltet: „Broken Flowers“! Der ungekrönte König des Independent-Films präsentiert sich in gewohnter Manier aber mit neuem Glanz seinem Publikum und liefert ein Werk ab, das nicht zuletzt aufgrund seines bekannten Hauptdarstellers Bill Murray auch dem einen oder anderen Mainstream-Kinogänger einen Blick abverlangt haben dürfte. So wohl auch der guten Jenny, die sich herrlichst darüber echauffiert, dass man ihr in der Videothek auch hätte sagen können, dass der Film so schlecht ist…
„Also, so schlecht kann der Film doch gar net sein!“ – „Doch, glaub mir, hab selten so was langweiliges gesehen! Da passiert wirklich die ganze Zeit gar nix!“
Tja, wie es für Jim Jarmusch so typisch ist, suhlt er sich nicht in überladenen Handlungssträngen, sondern konzentriert sich einzig und allein auf seine Charaktere, in diesem Fall in erster Linie natürlich auf den von Bill Murray dargestellten Don Johnston. Eben dieser ist ein gealterter Gigolo, der eines Tages einen Brief ohne Absender erhält: Sein Sohn wird ihn besuchen kommen! Nur: Wer ist sein Sohn? Und aus den Lenden welcher Frau ist er gekommen? Fragen, denen er sich – gedrängt durch seinen Freund Winston – nun annimmt. Er macht sich auf die Reise in seine Vergangenheit. Auf die Reise zu den Frauen, von denen dieser mysteriöse Brief stammen könnte…
„Ach, komm… du willst mich doch verarschen!“ – „Nein, wirklich! Ich hab dauernd drauf gewartet, dass da was passiert, aber irgendwie… naja, langweilig halt. Keine Action, nix Lustiges, einfach Nix!“
Nun, dem kann ich nun ganz und gar nicht zustimmen. Zwar stimmt es, dass es schon bedeutend handlungs- und actionschwangerere Streifen gab, aber als Charakterstudie funktioniert „Broken Flowers“ auf ganzer Linie. Statt des hier attestierten „Nix“ passiert dann doch noch so einiges. Zwar nicht eindeutig, nicht oberflächlich, sondern vielmehr in der Tiefe des Geschehens. Dass sich dies der blondierten Schönheit nicht offenbart hat, stimmt mich zwar irgendwie traurig, aber letztlich wundert es mich dann doch nicht. Da sitzt man halt wieder einmal den Stereotypen auf, die man sich über die Jahre hinweg gebildet hat: Ich jenem, dass solche Frauen wie Jenny und Dörte sich für Jarmusch-Filme nie und nimmer begeistern können; und das Blondchen eben dem, dass Bill Murray (oder doch „Bill Murphy“?) immer für krachend laute Comedy steht. Doch bei beidem weit gefehlt! Murray beweist hier – nach „Lost in Translation“ bereits zum zweiten Mal – sein Talent für die ruhigen, tiefschürfenden Rollen. Er verleiht der Rolle des Don durch seine knautschgesichtige Melancholie eine gewisse Liebenswürdigkeit, die trotz seiner menschlichen Verfallenheit noch einen Tick über der Liebenswürdigkeit seiner „Lost in Translation“-Rolle des Bob Harris einzuordnen ist. Bei solch einer Hauptfigur und dem filmischen Talent eines Jim Jarmusch macht es dann sogar richtig Spaß, dem Protagonisten dabei minutenlang zuzuschauen, wie er einfach nur auf einem Sofa sitzt.
„Also, mir hat schon der Kaffee-Film von dem gefallen! Ich glaub, den nehm’ ich mit!“
Hallelujah! Ein weiteres Vorurteil (fast) aus der Welt geräumt! Und die Erkenntnis, die ich schon zuvor hatte, nochmals bestätigt: „Broken Flowers“ ist zwar ganz und gar nicht das, was sich wohl viele bei erster Betrachtung der Besetzung vorgestellt haben, aber trotz – oder gerade wegen (?) – seiner Eigenartigkeit ein wundervoll liebenswertes Stück Film und der erneute Beweis, dass ein Regisseur, der seine selbst geschaffenen Figuren freundschaftlich, respekt- und liebevoll behandelt, letzten Endes einen wundervollen Film erschaffen kann. „Broken Flowers“ ist zwar nichts für den nach Action gierenden Männerabend, aber als angenehme Kost für einen ruhigen Filmabend wärmstens zu empfehlen. 9 von 10 welken Blüten für „Broken Flowers“, die trotz der eventuell erschreckend wirkenden Tiefgründigkeit erfreulich leicht zu konsumieren sind.