„A Funny Thing Happened on the Way to the Forum“, platzt es auf einmal aus unserem Begleiter heraus. Obacht: Er verwendet hier das Epische Präteritum, eine Vergangenheitsform, die den Gegenwartsbezug herauszustellen vermag. Wir werden dadurch unmittelbar in die Zeit des alten Roms zurückversetzt, als spazierten wir gerade höchstpersönlich in eine Toga gewickelt über die gepflasterten Marktstraßen der Innenstadt. Tja, wo wir schon mal vor Ort sind, können wir ihn ja auch einfach mal fragen, was denn so für merkwürdige Dinge auf dem Weg zum Forum passiert sind. Und da trällert er auch schon los: „Something familiar, something peculiar, something for everyone – a comedy tonight!“
Ungerührt vom deutschen Titel „Toll trieben es die alten Römer“, der das Gegenwärtige in der Vergangenheitsform wieder ein wenig übertüncht und stattdessen die historische Lesart in den Vordergrund rückt, macht Richard Lesters Sandalenkomödie vom ersten Takt an den Anschein, just in diesem Moment erst Geschichte zu schreiben. Kulissen und Statisten wirken wie für die Theateraufführung des Tages zurechtgerückt, als sei soeben der Vorhang gefallen, und mit ihm – Alea Iacta Est – die Würfel. Hauptdarsteller Zero Mostel, der als Sklave Pseudolus fast schulterzuckend in das alltägliche Treiben seines Volkes einführt, verpasst einem gleich zum Einstieg einen fetten Ohrwurm, der im Grunde nichts anderes ist als die vertonte Materialisierung des Hier und Jetzt. Wie sonst definiert sich wohl das Präsens in all seinem Geltungsbedürfnis, wenn nicht durch einen nervigen Song mit Humpa-Humpa-Rhythmus, der einem gerade in Dampfgeschwindigkeit durch die Hirnfalten gepustet wird?
Lester legt nach seinem Regiedebüt „Twen-Hitparade“ (1961) und seinen beiden Beatles-Filmen („Yeah! Yeah! Yeah!“, 1964; „Hi-Hi-Hilfe!“, 1965) also einen weiteren Musicalfilm nach, verwendet die Musik aber erstmals nicht als eigentlichen Hauptgegenstand, sondern vielmehr als filmisches Schmiermittel, um in die Welt des geschichtlichen Themenfilms zu schlittern, die ihn geradewegs durch die Tore des Römischen Reichs befördert. Gefüllt mit allerhand wunderbaren Knautschvisagen, darunter Michael Hordern, Jack Gilford, Michael Crawford, Leon Greene und natürlich Zero Mostel in der Hauptrolle, der mit einigen besonders markanten Gesichtsverrenkungen auf sich aufmerksam macht, wird daraus eine wahre Orgie der situativen Komik, angereichert mit narrativen Brandbeschleunigern wie Jump-Cut-Daumenkino und Fast-Forward-Sequenzen, die deutlich an die Stummfilmzeit anknüpfen. Nicht nur deswegen sticht der Name Buster Keaton ganz besonders aus dem Cast heraus, war die hier absolvierte Nebenrolle des damals bereits schwer an Krebs erkrankten ehemaligen Stummfilmstars doch seine letzte überhaupt.
Was zunächst auf ein konfuses Knäuel aus schnellen Gagsalven hindeutet, wird tatsächlich sehr behutsam aufgebaut, wenn man genauer hinschaut. Die Ereignisse des ersten Akts könnte man fast schon als Stadtführung bezeichnen. Die Figuren werden von Stadtführer Pseudolus nicht bloß mit Namen vorgestellt, auch ihre Funktion im völkischen Sinn wird soweit ausgeführt, dass am Ende ein schlüssiges Konstrukt aus Handels- und Privatbeziehungen entstanden ist, das wie ein kleines Ökosystem innerhalb der gezeigten Epoche anmutet. Die Darstellungsmittel reichen dabei bisweilen ins Fach der absurden Komödie, die sich viel vom Surrealismus borgt; da kann es dann auch mal darum gehen, einen besonderen Schlaftrunk aus Pferdeschweiß anzurühren, so dass man bei der anschließenden Jagd auf den Schweiß vielleicht sogar auf ein Pferd im Dampfbad stößt.
Eine sattelfeste Handlung im Sinne echter römischer Tragödien beziehungsweise Komödien ergibt sich im Anschluss der Rundführung als Konsequenz der Entschlossenheit des Pseudolus, sein Sklavendasein zu beenden. Klassische dramaturgische Mittel wie Begierde, Manipulation und Tücke sind daraufhin die treibenden Kräfte des Lustspiels, das sich bei weitem nicht nur zu Boden abspielt, sondern manchmal auch auf Häuserdächern bis hinein in die obersten Ebenen der umliegenden Aquädukte. Der Humor ist, nicht nur was die Mimik der Akteure angeht, von ausgesprochen physischer Natur. Er unterliegt nicht zwingend den statischen Abbildungszwängen einer Parodie, wie so einiges, was Mel Brooks (“Silent Movie“, 1976) eine Generation später mit allerhand Genres ausloten würde, sondern flüchtet sich fast ausschließlich in die Bewegung, stromert zwischen den betont künstlichen, aber überaus hübschen Kulissen umher und sucht dort nach geeigneten Nischen für allerhand Stunts, Täuschmanöver und Verwechslungssituationen, die sich im Laufe der 90 Minuten ergeben.
Auch gibt es Ähnlichkeiten zwischen „Toll trieben es die alten Römer“ und dem ein Jahr später veröffentlichten Filmdebüt von Comicheld Asterix („Asterix der Gallier“, 1967), die keineswegs beim Ambiente haltmachen, sondern durchaus auch das Humorverständnis betreffen, das oftmals gar nicht so offensiv ausfällt wie die Dynamik auf der Leinwand sich präsentiert, sondern gelegentlich hintergründig zur Entfaltung kommen kann. Maskiert ist es nicht selten durch die Lyrik aus den Liedtexten, die zu Liedgut gehören, in dem das Opernhafte bis Volksnahe so herzlich überdehnt wird, das wohl selbst Musical-Hasser eine Chance haben, sich damit anzufreunden. Stephen Sondheim hat da wieder ganze Arbeit geleistet. Das gilt für die Originaltonspur ohnehin, mit ein bisschen Toleranz aber durchaus auch für die vollständige deutsche Lokalisierung der Liedtexte, die es zwar in Sachen Lippensynchronizität und inhaltlicher Übersetzung nicht immer so genau nimmt, jedoch Sprecher-Sänger mit reichlich Timbre einsetzt, die den Originalen bestmöglich nacheifern, so dass zumindest der Schwung erhalten bleibt.
Nun ist ja Humor immer Geschmackssache, an dem gesunden Mittel aus Sittengemälde und einfacher Unterhaltung des Pöbels ist jedoch auch rein nüchtern betrachtet nicht viel auszusetzen, zumal Entgleisungen selbst dann ausbleiben, wenn ein Streifzug durch die römischen Bordelle ansteht. Dass die Schüsse sich gelegentlich auch mal im Blau des Himmels verlieren, liegt in der Natur der Sache, wenn man mit so viel Tempo unterwegs ist, oft genug jedoch sind auch Einschläge auf der Zielscheibe zu feiern, was viel damit zu tun hat, wie die Darsteller ihre Rollen auskosten. Zero Mostel ist zu köstlichen Übertreibungen in der Lage, wie sie vor einem Regelwerk nach Vorbild der heiteren Ludi Scaenici nur angemessen erscheinen.
Bis in den illustrierten Abspann hinein bleibt „Toll trieben es die alten Römer“ damit seiner Linie des neckischen Kabaretts voller spontaner Unmittelbarkeit treu, das im eigentlichen Akt der Bewegung viel schillernder, viel lebendiger erscheint als sein eher unauffälliger Leumund im Kontext der Filmgeschichte vermuten ließe. Irgendwie passt das zu einem Film, der gar nicht so sehr Film sein will, sondern das Archivarische lieber eintauschen möchte gegen den Augenblick des Moments, der eben auch im antiken Rom, das von Liebe, Leben und Hinterlist beflügelt ist.