Review

Eine regsame Variation des closed-room-murder-mystery, im bunten Einband, vorzugsweise Softcover mit Fadenheftung. Eine getreuliche Schundnovelle, für den kleinen Preis und das schnelle, ungezwungene Vergnügen, als Reise durch Genre und Rückkehr zu einer Ära, die noch von Auguste Dupin, Gideon Fell, Sherlock Holmes oder Jane Marple bevölkert war. Ein Schauerroman, jenseits von Raum und Zeit und irgendwie auch entgegengesetzt von Rationalisierung und Deduktion, mehr Grusel als Krimi, mehr Fernsehen als Kino, ein gleichzeitig gemütlich altmodisches, aber dennoch modern aufgearbeitetes Multi-Star-Vehikel zwischen Nostalgie, Gegenwartsfixierung und Schreckensvision.

Heartbeat 100 bietet Alles in Einem, das Vertraute in frischer, aber nicht wirklich neuer Anordnung oder gar Formulierung, sondern die kommerzielle Anwendung mit altbewährten, lieb gewonnenen, vielleicht sogar vom baldigen Verschwinden bedrohten Elementen. Irgendwo im Niemandsland eines weitab abgeschotteten Dorfes angesiedelt, eine labyrinthische, gleichzeitig spärlich besiedelte und dennoch oftmals überfüllte Gegend, die vor Tatverdächtigen einer spektakulären Bluttat nur so strotzt und ebenso viele weitere Gefahren als auch potentielle Opfer aufweist. Im Mittelpunkt des alles widersprechenden, zeitlos schlichten thrill & chill Geschehens stehen entsprechend dessen selbstverständlich Fremde, Stadtmenschen, die bisher dachten, durch das Leben in der Metropole Hong Kongs alles zu kennen und genauso alles im Griff zu haben und nun schnell feststellen müssen, dass die Wahrheit hier draußen ganz anders aussieht.

Sowieso ist Nichts das, wonach es anmutet; Täuschung als das oberste Gebot in der Planungsphase, Realisierung und Vollstreckung durch die Hintertür der lange unsichtbar bleibende Gestaltungsansatz. Eine schmuckvoll funktionale Entwirk- und Entweltlichung, die prädestinierte Vorurteile ebenso wie persönlich arrangierte Gewissheiten so oft und so ausdauernd ins Gegenteil umdreht, dass man letztlich Nichts und Niemand mehr trauen und selbst seinen eigenen Gefühlen und Sinnen nicht mehr vorbehaltlos glauben sollte. Eine neugierige, ruhelose, aber nicht nervöse Erzählung überlegter Nachlässigkeit, voll mit Vorfreude oder Ungeduld, mit Dramatik oder lediglich suggerierter Spannung, mit Fröhlichkeit oder Schrecken. Vorzeichen für diesen steten Schein einer Sache und die Farce einer Erkenntnistheorie, für Mutmaßung und Bestätigung durch Irreführung werden von Beginn weg durchgängig dargereicht; eine Abfolge von Spiegelfechterei, mysteriösen Illustrationen und gaukelnden Konstruktionen, die ein wahrlich ausgefeiltes Drehbuch zwar nicht komplett ersetzen, aber in imitationskünstlerischer Weise einen guten, dick aufgetragenen Bluff, eine kühne theatralische Behauptung zwischen Lust und Verdruss abliefern kann:

Nach einem 15 Millionen Dollar Raub sind die drei Täter nach Annahme der angehenden Krimiautorin Maggie [ Maggie Cheung ] zurück in ihre Heimat, in das On Lok Village, einem besseren Gehöft geflüchtet. Maggie packt ihre Schwester Chu Chu [ Bonnie Law ] und ein wenig unwillig auch ihren zu anschmiegsamen Freund Weeny Eyes [ Lui Fong ] ein, um eben dort zu recherchieren und sich neben der Aussicht auf 50000$ Belohnung auch an einem fiktiven Buch zu versuchen. Auf dem Weg dorthin begegnen sie dem urban cop Inspector To Nam [ Mark Cheng ], der den lokalen Sergeant Kwan Kau [ Lam Chung ] bei Ermittlungen an einem Doppelmord unterstützen soll. Die Städter stoßen in dem recht kleinen, aber von der Fremdenverkehrsbranche gut versorgten Örtchen neben einer reichlich zähnefletschenden Jugend auch auf den mysteriösen Antiquitätenhändler Yam [ Wu Fung ] und dessen geistig behinderten Neffen "Pink Panther" [ Wong Ching ]; zudem treibt See Tai Hoi [ Shing Fui On ], einer der Bankräuber, sobald es dunkel wird sein Unwesen. Außerdem mehren sich die Anzeichen, dass es auch im Anwesen selber nicht ganz koscher zugeht.

Die Doppelregie präsentiert diese gar nicht so lyrische Idylle umgekehrter Machtverhältnisse, abgebröckelter Fassade und archaischer Triebe in durchweg selbstsicheren Bildern. Die Einstellungen des morbiden Reigens sind nicht hundertprozentig fehlerfrei, vertrauen dem rasanten Wechsel der Gangart und beharren zuweilen sehr auf den nach einer Weile recht durchsichtigen Effekt der doppeldeutigen Desinformation; beherrschen aber das Grundwissen der Sprache der Phantastik und wenden die Ornamentik des Genres gefällig, wenn auch nicht zu siegessicher an. Spitzfindigkeit, Ausreden und andere Manipulationen im verwinkelten Marionettenspiel sind vielerlei und beruhen sowohl in der Materie als in der Form der berufenen Werke und der Authentizität der Nachahmung, allerdings werden sie trotz zunftgemäßer Indienstnahme ein wenig zu hartnäckig, zu routiniert und auf Dauer auch mit zu viel gefahrlosem Augenzwinkern und verhaltenem Optimismus in mundgerecht servierten Häppchen gereicht, als dass sie bleibenden Einfluss ausüben können. Gleichzeitig ist die farbintensive Effekthascherei auch zu nachgiebig, zu offiziell, im Kontext fast ein bisschen zu gutherzig, um selbst für den kurzen Moment präziser Schocks die Quintessenz oder zu guter Letzt auch die entscheidende, am Besten auch finale Konsequenz zu sedimentieren. Zu oft entpuppt sich der anfängliche Schrecken als leere Drohung, so dass, wenn die jederzeit latent vorhandene, aber ebenso jederzeit abgeschwächte Krise tatsächlich vor der Haustür steht, die pure Aufmerksamkeit bereits auf andere Inhalte gefesselt oder ganz abgezogen ist.

Immerhin, da schon die innere dramaturgische Dringlichkeit nicht gegeben ist, bemüht man sich umso mehr um eine äußerliche Publikumswirkung, eine relativ wilde Aneinanderreihung, fast einen metatextlichen Index an Motiven, Botschaften und Phantasmen des Horrorgenres, um das anfängliche whodunit in die Extremlage eines gesetzfreien Raumes zu bringen und so hinsichtlich seiner Bedeutung zu verschärfen. Da werden im zunehmenden Maße allerlei kreuchendes Getier wie Ratten und vor allem auch Schlangen in Szene gesetzt, abergläubische Hysterien beschworen, Backwoodklassiker wie The Beasts [ 1980 ] und The Island [ 1985 ] zitiert, verschiedene Schneidewerkzeuge à la Axt, Spitzhacke und Sichel warnend aus extremen Unterlicht gefilmt, Schattenrisse, nahezu Schwarz-Weiß-Kontraste, eigenwillige Silhouetten und andere befremdende Perspektiven gewählt. Im fünfgängigen Überraschungsmenü ebenso enthalten sind leicht verdauliche und angenehm patente Portionen Action, Humor, zusätzlich noch ein Tick Romantik; eine abgewogen artifizielle Atmosphäre zwischen dem Schutz der Gemütlichkeit, einer konstant urigen Rustikalität und einer ästhetisch unbekümmerten Provinzposse.

Details