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Zweifellos ist Land of the Dead eins der meisterwarteten Horrorsequels aller Zeiten, allerdings wohl nur bei dem kleinen Häuflein ganz eingefleischter Genrefans. Beim großen Rest der Kinogänger scheint der Film auf weitgehendes Desinteresse zu stoßen. Den „Otto-Normal-Sehern“ und vor allem den Jüngeren darunter ist der Name George A. Romero oftmals kein Begriff. Das liegt einerseits daran, dass Romero in seiner Karriere fast immer sauber am Mainstream vorbeiinszeniert hat und andererseits daran, dass zumindest zwei Teile seiner bisherigen Zombietrilogie hierzulande schwer durch die Zensur gebeutelt wurden und noch heute immer wieder beschlagnahmt werden, sobald sie in irgendeiner Form in ihrer ungeschnittenen Form neu herausgebracht werden – die Filme wurden über Jahrzehnte regelrecht mundtot gemacht. Außerdem ist die Vermarktung von Land of the Dead durch Universal sehr schlecht; das Studio hat es verpasst, gerade bei den jüngeren Zuschauern Aufklärungsarbeit zu leisten und den Bekanntheitsgrad und die Bedeutung Romeros als Wegbereiter und Innovator zu mehren. Stattdessen zielte die Werbekampagne ausschließlich auf die Fans des Regisseurs ab, die ohnehin auch so ins Kino geschlurft wären.

„Night of the Living Dead“, der erste Teil aus dem Jahre 1968, gilt inzwischen weithin (sogar in Deutschland) als Kunstwerk und eins der einflussreichsten Werke des Independentfilms aller Zeiten und wurde sogar ins New Yorker Museum of Modern Art aufgenommen. Die Fortsetzung „Dawn of the Dead“ (hierzulande unter dem Titel „Zombie“ bekannt) aus dem Jahre 1978 hingegen, die weltweit einer der populärsten und am meisten kopierten Horrorfilme ist und in vielen Ländern einen Ruf als doppelbödige Splatter-Satire innehat (vor allem im amerikanischen Director’s Cut), wurde von den tumben Moralaposteln hierzulande als gewaltverherrlichender Schund abgestempelt. Hinzu kommt eine Vielzahl verschiedener Schnittfassungen, die weitere Verwirrung stiften – es gibt alleine drei „offizielle“, von den vielen inoffiziellen und zensierten ganz zu schweigen. Nicht besser ergeht es „Day of the Dead“, dem dritten Teil der Reihe von 1985, der seinerzeit zudem ein kommerzieller Misserfolg war. Auch dieser Film, der zugegebenermaßen von der gezeigten Gewalt her absolut keine Gefangenen macht, dabei aber keineswegs den sozialen Kommentar vernachlässigt, ist für die Jugendschützer Deutschlands ein rotes Tuch.

Day of the Dead ist inzwischen 20 Jahre alt, und der Zombiefilm, der seit Ende der 80er-Jahre im Grunde genommen nur noch untot vor sich hin dümpelte, ist heute nach Filmen wie „28 Days Later“ (auch wenn es strenggenommen dort „Infizierte“ statt Zombies sind; die Mechanismen des Films sind aber die gleichen wie bei einem Zombiefilm), dem Remake von Dawn of the Dead und der Horrorkomödie „Shaun of the Dead“ wieder in aller Munde. Dazu füllen sich die Videothekenregale zusehends wieder mit Untotenware. Das bedeutete für Romero, dass er endlich nach vielen Jahren die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt bekam, um einen neuen „Dead“-Film drehen zu können. Für seine Verhältnisse hatte er diesmal sogar richtig viel Geld zur Verfügung, nämlich 15 Millionen Dollar (ein durchschnittlicher Hollywoodfilm kostet hingegen zwischen 60 und 70 Millionen Dollar). Bei Day of the Dead, dem bis dahin teuersten Film der Reihe, betrug das Budget drei Millionen Dollar. Ursprünglich waren es sogar sieben Millionen Dollar gewesen, aber aufgrund Romeros hartnäckiger Weigerung, eine „R-Rated“-Version abzuliefern, die in den Kinos gezeigt werden konnte, wurde das Budget mehr als halbiert; dafür hatte Romero dann aber freie Hand für seine „harte“ Version.

Im Jahr 2005 geht das so nicht mehr – ein Film ohne ein R-Rating hat kommerziell in der Regel überhaupt keine Chance mehr und wird in praktisch keinen Kinos vorgeführt. Zudem ist die Zeit der Gore-Eskapaden der 70er- und 80er-Jahre vorbei. Splatter hat zwar längst Einzug in den Mainstreamfilm gehalten (siehe beispielsweise Kill Bill oder Starship Troopers), aber dafür gibt es kaum noch den puren Splatterfilm an sich. In Zeiten der DVD andererseits bieten sich neue Kompromissansätze: Im Kino lässt man eine Kinofassung laufen, die für ein R-Rating tauglich gemacht wird (oder die im Falle von Herr der Ringe von der Spielzeit her an herkömmliche Sehgewohnheiten angenähert wird) und das Studio zufriedenstellt, und auf DVD bekommt dann der Regisseur freie Hand für seinen „Director’s Cut“ oder wie immer er die Version dann nennt. Unter dieser Voraussetzung war der sonst so kompromisslose Romero dann auch bereit, eine „weiche“ Version fürs Kino abzuliefern. Die „harte“ Unrated-Version gibt es noch nicht, daher kann ich nicht beurteilen, ob sie wirklich so viel härter wird. Ein bisschen zweifle ich schon daran, denn wir befinden uns wie gesagt eben nicht mehr in den 80er-Jahren, wo harte Splatterfilme noch an der Tagesordnung waren. Diese Entwicklung wird auch vor Romero nicht haltgemacht haben, und Metzeleien wie bei Day of the Dead stehen keinesfalls zu erwarten.

Land of the Dead jedenfalls ist in seiner Kinofassung ein guter bis sehr guter Horrorfilm geworden, der mit einem spannenden Plot, guten Darstellern, tollem Make-up (bei einem anderen Film würde ich sagen: Oscarnominierung für Nicotero/Berger) und einer guten Portion Gesellschaftskritik überzeugen kann. Das Übliche eben, was man sich erwarten konnte. Land of the Dead ist jedoch in keiner Weise innovativ oder wegbereitend für das Genre. Klar entwickelt Romero seine Zombies weiter (lässt sie beispielsweise lernen und organisiert handeln), aber etwas wirklich Neues gibt es nicht. Night of the Living Dead und Dawn of the Dead waren zu ihren Zeiten Paukenschläge, die das Kino maßgeblich verändert haben. Day of the Dead seinerseits war ein sehr wütender Film; ob Romero Frust abgelassen hat über die politische und gesellschaftliche Situation seiner Zeit oder mehr darüber, dass er aus Budgetgründen sein Drehbuch „vereinfachen“ musste oder beides zusammen, weiß ich nicht genau. Land of the Dead ist jedenfalls nichts dergleichen, ihm fehlt die Radikalität, und er wird die Kinolandschaft bestimmt nicht verändern, sondern ist „lediglich“ ein weiterer sehr sehenswerter Genrebeitrag der heutigen Zeit. Mehr zu erwarten wäre auch vollkommen überzogen gewesen.

Romero selbst hat die Reihe ja lose so konzipiert (wenn auch wohl eher nachträglich), dass er pro Jahrzehnt einen „Dead“-Film macht und in diesem seine Sicht auf die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen des betreffenden Jahrzehnts zum Ausdruck bringt. In den 90er-Jahren gab es keinen „Dead“-Film, so dass er diesmal mehr oder weniger gleich zwei Jahrzehnte verwursteln kann. Seine Geißelung der Klassenbildung zwischen Arm und Reich, des Kapitalismus, des Kampfs gegen den Terror usw. fällt diesmal zugegebenermaßen ab und an ein kleines bisschen naiv aus, aber das stört nicht weiter. Der Splattergehalt hingegen bewegt sich – wie oben angesprochen – natürlich „nur“ auf R-Rating-Niveau, was nicht bedeuten soll, dass es nichts für das Genreherz zu sehen gibt: Blutige Bisse, Herumwühlen in Eingeweiden, Kopfschüsse en masse und vieles mehr – und das auf technisch allerhöchstem Niveau. Der Härtegrad ist somit in etwa vergleichbar mit anderen modernen Horrorfilmen wie beispielsweise dem Remake von Dawn of the Dead.

Darstellerisch können die meist unbekannteren Schauspieler genauso wie Asia Argento und Dennis Hopper überzeugen; lediglich ein etwas charismatischerer Hauptdarsteller als Simon Baker wäre vielleicht nicht schlecht gewesen, obwohl er seine Sache ganz ordentlich macht. Eine Prise Humor hat sich dieses Mal auch eingeschlichen, eigentlich das erste Mal seit Dawn of the Dead. Kameratechnisch bleibt Romero sich treu und verzichtet komplett auf schnelles MTV-Gewackel, sondern arbeitet wie gewohnt häufig mit unbewegten Kameraeinstellungen aus vielen Perspektiven, die dann virtuos zusammengeschnitten werden. Von der Filmmusik her ist Land wie schon sein Vorgänger für meinen Geschmack ein bisschen zu unspektakulär ausgefallen. Schlecht ist der Score keineswegs, aber die Messlatte ist halt die Musik von Goblin in Dawn of the Dead.

Land of the Dead stellt zusammenfassend einen würdigen Beitrag zu Romeros „Dead“-Reihe dar; jahrelang hätte man sich nicht träumen lassen, dass der Film überhaupt noch kommt. Für sich alleine genommen wird der Film sicher nicht zu einem bedeutenden Genreklassiker wie seine Vorgänger avancieren – dafür ist er zu konventionell und zu wenig innovativ – aber das hätte man ohnehin nicht erwartet (jedenfalls ich nicht). Dafür ist Land of the Dead enorm unterhaltsam und stellenweise spannend wie kein anderer „Dead“-Film mehr seit dem Erstling. Was unterm Strich bleibt, ist einer der besten Horrorfilme des Jahres 2005, der jedoch nicht am Thron des Königs, des genialen britischen Schockers „The Descent“, zu rütteln vermag. 8,5/10

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