Review

„Sich kratzen und schweigen!“

Gualtiero Jacopetti und Franco Prosperi – diese Namen bringt der Filmkenner in erster Linie mit skandalträchtigen Dokumentarfilmen, italienischen „Mondos“, in Verbindung. Die letzte Zusammenarbeit beider war jedoch ein Spielfilm, der trotzdem nicht ohne „Mondo“ im Namen auskam: Die Verfilmung von Voltaires „Candide oder der Optimismus“, die unter dem Namen „Mondo Candido“ im Jahre 1975 veröffentlicht wurde.

Der Jüngling Candide (Christopher Brown, „Das Ritual“) lebt in paradiesischen Zuständen in den Tag hinein. Aus diesen wird er jedoch eines Tages jäh vertrieben, als er dabei erwischt wird, wie er sich seiner geliebten Kunigunde (Michelle Miller, „Das achte Opfer“) vergnügt. Dies ist der Auftakt zu einer Odyssee durch die Weltgeschichte, während der Candide unablässig nach Kunigunde sucht und dabei Bekanntschaft mit allen möglichen und unmöglichen geschichtlichen Ereignissen und organisiertem menschlichen Versagen, (un)menschlichen Abgründen macht. Nie weit entfernt: Der von der Syphilis gezeichnete, doch unverbesserliche Optimist Panglos (Jacques Herlin, „Der Dämon und die Jungfrau“), der gebetsmühlenartig beschwört, man befände sich jeweils in der besten aller möglichen Welten.

Voltaire war einer populärsten Autoren der europäischen Aufklärung. Seine satirische Novelle „Candide oder der Optimismus“ stellte einen Gegenentwurf zur optimistischen Weltanschauung Gottfried Wilhelm Leibniz' dar. Jacopetti träumte schon länger davon, diese einmal zu verfilmen und setzte zusammen mit Prosperi dieses Vorhaben schließlich in die Tat um, indem er den Stoff aktuellen Ereignissen und Gegebenheiten anpasste. „Mondo Candido“ beginnt in einer märchenhaften, betont kitschigen, an den Garten Eden erinnernden Fantasiewelt und bewegt sich fortan episodenhaft, befreit von Zeit und Raum, von Epoche zu Epoche, wo Candide mit den unterschiedlichsten Gefahren konfrontiert wird. Inquisition und Krieg prägen seine Stationen bin in die Gegenwart hinein, wo sich Candide im nordirischen Bürgerkrieg, im kapitalistischen Manhattan und im Palästina-Israel-Konflikt wiederfindet.

Die für ihren Kulturpessimismus berüchtigten italienischen Filmemacher inszenierten ein bizarres, surreales Märchen voll beißendem Zynismus und sarkastischem, schwarzem Humor und legen damit den Finger in die Wunden der blutgetränkten Menschheitsgeschichte. Sie gehen dabei metapherreich und künstlerisch-symbolträchtig vor, ohne jedoch jemals ihre eindeutigen Aussagen zu verschleiern. Der Tonfall indes ist nicht immer einheitlich; so legen es einige Szenen auf eine Absurdität an, die weniger für Lacher als vielmehr für verdutzte Gesichter beim Publikum sorgen dürfte, während andere auch visuell gewisse Härten offerieren, die sicherlich unterschiedlich aufgefasst werden, und wieder andere nur so vor pechschwarzem Humor und/oder scharfzüngigem Wortwitz und blasphemischen Tendenzen strotzen, womit sie stark an britischen Humor à la Monty Python erinnern. Exemplarisch sei hierfür eine meiner Lieblingsepisoden dieses Films genannt, Candides Besuch im bürgerkriegserschütterten Nordirland. Die vier sich durch die Handlung ziehenden Hauptcharaktere – Candide, Panglos, Candides Begleiter (dessen Name mir entweder entfallen ist oder der nie namentlich genannt wird) und Kunigunde – stehen stellvertretend für unterschiedliche menschliche Charaktertypen und Lebensentwürfe. Optimist Panglos ist eigentlich der größte Zyniker, wenn er stets in verantwortlicher Rolle auftritt und sich zum aktiven, willfährigen Diener des jeweiligen Zeitgeists und Systems macht, währenddessen aber von der besten aller möglichen Welten schwärmt. Kunigunde ist das Glück, oft zum Greifen nah, dann wieder so fern, nicht selten trügerisch und letztlich doch anders als erwartet. Und während Candides zumindest in diesem Text namenloser Begleiter das Leben so nimmt, wie es jeweils kommt, sich damit soweit arrangiert, dass er im Hier und Jetzt das Optimum an Genuss und Lebensfreude für sich herausholen kann, bleibt Candide ein Getriebener, rastlos in die Ferne schweifend und liebenswürdig-naiv nach seiner idealisierten Kunigunde strebend.

Jacopetti und Prosperi sowie die 1970er-Dekade wären nicht eben jene, würde der offene Umgang mit Nacktheit ein Problem darstellen. So bekommt man auch hier ganz selbstverständlich einige nackte Tatsachen zu sehen, natürlich, ungeschönt und frei von Prüderie. Den Vogel in Sachen Sexismus schießt man aber ab, als man sich unter eine israelische Frauenarmee mischt, die selbstredend aus einer Ansammlung attraktiver Sexbomben besteht, die man beim Duschen belästigt. Diese im Kontext des Films mir weitestgehend sinnbefreit erscheinende, aber sehr schön anzusehende Szenenabfolge mündet schließlich im Höhepunkt des Films, jener ästhetisierten Schießerei zwischen Frauenarmee und feindlichen Soldaten in einem blühendem Mohnfeld, wo der Kontrast zwischen wahnsinniger Schönheit und ebenso wahnsinniger, hässlicher Gewalt selten so deutlich wurde. Und ebenso ästhetisch wie die blühenden Felder setzt man das Sterben der von Kugeln durchlöcherten Soldaten in Szene, blutige Schusswunden werden in ausgewalzten Zeitlupeneinstellungen verursacht. Generell zieht sich eine hervorragende, über die Schönheit der Natur schwelgende und auf die Gräuel der Menschheit draufhaltende Kameraarbeit durch den gesamten Film, der, unterlegt von einem einmal mehr wunderschönen Soundtrack Riz Ortolanis, temperamentvoll und bisweilen wütend innerhalb pompöser Ausstattung an den verschiedensten Orten gedreht wurde und die ursächlich zugrunde liegende Attitüde irgendwo zwischen aufgeklärtem Mahnen und verzweifeltem Weltschmerz humoristisch aufbereitet zeigt.

Diese weitere Italo-Wundertüte, bei der man wahrlich nie sicher sein kann, was als nächstes passiert und deren von der Literaturvorlage abweichendes Ende in mehrere Richtungen interpretierbar ist, ist ebenso schwer zu beschreiben wie zu bewerten. Im Zuge meiner relativ unvorbereiteten Erstsichtung missfiel mir zunächst ein wenig der inhaltliche Stil mit all seinen eher selten liebenswürdigen, vielmehr plump-provokanten Absurditäten, insbesondere während des in der Vergangenheit angesiedelten Abschnitts. Mit zunehmender Spieldauer aber fand ich besseren Zugang und gewann „Mondo Candido“ an Klasse, entsprach meinem Geschmack für Satire. Zudem lässt sich angenehmerweise unschwer ein Bezug zu heutigen Zeit herstellen, in der noch immer vielerorts die Vorzüge ihrer überbetont und die Blicke von Krieg, Tod, Elend und schreienden Ungerechtigkeiten abgelenkt werden, vorzugsweise von denjenigen, die all das mitzuverantworten haben, während andere Bescheidenheit und eine realistische Einschätzung des eigenen Platzes auf der Gewinnerseite des Erdballs mit Demut und Schicksalsergebenheit verwechseln und damit das Märchen von der „besten aller möglichen Welten“ an- und widerspruchslos aufrechterhalten. Anspruch, Kunstfilm und Exploitation liegen bei „Mondo Candido“ ebenso dicht beieinander wie Genie und Wahnsinn.

Ich zücke zunächst vorsichtig und noch unter dem Eindruck des sich einer Genrezuordnung entziehenden, ebenso originellen wie außergewöhnlichen Films eine etwas ratlose 7/10. Eine Zweitsichtung wird mein Urteilungsvermögen beizeiten mit Sicherheit schärfen, zweifelsohne jedoch handelt es sich um einen besonderen Film unter den vielen besonderen Filmen Italiens, der sich zwischen ganz vielen Stühlen breitgemacht hat. Selten jedenfalls waren Pessimismus und Desillusion so kunterbunt, vergnügt und aufgekratzt wie hier.

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