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Nach der Mitarbeit am Horrorfilm „Schock“ seines berühmten Vaters Mario Bava, einem der Aushängeschilder des italienischen Genre-Kinos, sowie der Co-Regie für das TV-Drama „La venere d'Ille“, ebenfalls zusammen mit Bava senior, setzte Lamberto Bava („A Blade in the Dark“) mit dem Horrorfilm „Macabro – Die Küsse der Jane Baxter“ im Jahre 1980 sein erstes eigenständiges Regieprojekt um.

New Orleans, USA: Jane Baxter (Bernice Stegers, „Fellinis Stadt der Frauen“), Mutter von zwei Kindern, betrügt ihren Ehemann regelmäßig mit ihrem Liebhaber Fred (Roberto Posse, „Insel der neuen Monster“) in einem Zimmer einer vom blinden Jungen Robert (Stanko Molnar, „A Blade in the Dark“) und seiner alten Mutter (Elisa Kadigia Bove) bewohnten Wohnung. Janes kleine Tochter (Veronica Zinny) durchschaut das Spiel jedoch und ertränkt ihren kleinen Bruder während eines Liebesspiels ihrer Mutter in der Badewanne. Als diese davon erfährt, lässt sie sich in Panik von Fred nach Hause fahren, doch dieser verliert erst die Kontrolle über sein Fahrzeug und beim anschließenden Unfall seinen Kopf. Das ist zu viel für Jane und sie wird ins Sanatorium eingeliefert. Als sie nach einem Jahr entlassen wird, hat sie sich von ihrem Mann getrennt und bezieht das ehemalige Liebesnest. Robert ist mittlerweile erwachsen, seine Mutter tot und so ersehnt er sich die Zuneigung Janes. Doch diese beginnt schnell, sich erneut nächtlichen Vergnügungen im Bett hinzugeben...

Der bis auf die Außenaufnahmen mitnichten in New Orleans, sondern am Gardasee gedrehte sleazige Psycho-Horrorfilm bedient nur ein Jahr nach Joe D’Amatos fulminantem „Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf“ erneut das Thema der Nekrophilie, verfolgt jedoch einen ganz anderen Ansatz als der Splatter-Schocker des Kollegen. Bava jr. beginnt seinen Film mit einer in Sicherheit wiegenden Fahrt durch New Orleans zu entspannten Saxophon-Klängen. Jane behauptet ihrer Tochter gegenüber, zu einer Besprechung zu müssen und stiehlt sich von ihrer Familie davon. Die kleine Lucy jedoch ist plietsch und überführt ihre Mutter. Indiz der Kaltschnäuzigkeit Janes und ihrer Besessenheit von ihrem Liebhaber ist, dass sie sich davon nicht abhalten lässt, es erneut mit ihm zu treiben, was Bava einen ersten Anlass für Oben-ohne-Szenen bietet. Derweil kommt es zur Tragödie und Lucy tötet ihren kleinen Bruder; Jane lässt sich panisch von Fred nach Hause fahren, dessen Leben an einem Lichtmast endet.

Nachdem sich bis hierhin die Ereignisse recht rasant überschlagen haben, drosselt Bava für die von nun an ein Jahr später spielende Handlung deutlich das Tempo. Nach Janes Einzug in die ehemalige Liebeshöhle verfällt sie schnell in alte Verhaltensmuster, vermisst ihren Fred über alle Maßen und stöhnt nach ihm. Die dünnen Wände lassen den nebenan schlafenden Robert immer noch alles mithören; seine Sehnsüchte und sexuellen Obsessionen werden nicht nur geweckt, sondern geradezu heraufbeschworen. In dieser Atmosphäre des Leidvollen und Unausgesprochenen in einem irgendwie muffigen und lieblosen, eigentlich wenig erotisierenden Ambiente des Hauses lässt Bava wohldosiert fast tödliche Stille zu, um sie hin und wieder durch Mundharmonikaklänge aufzulockern. So entsteht eine morbide Stimmung, die konterkariert wird von den urbanen Bildern New Orleans mit seinen Leuchtreklamen, Straßenmusikern und tanzenden Kindern.

(Achtung: Ab jetzt wird gespoilert!) Nacktszenen Janes in der Badewanne bedeuten gleichzeitig den Beginn eines Spiels der (mehr oder weniger) attraktiveren Frau in den besten Jahren mit dem einsamen blinden Jüngling; ins Bett geht sie jedoch nach wie vor allein, obwohl sie sich dort mit jemandem zu vergnügen scheint. Und weshalb ist eigentlich das Tiefkühlfach abgeschlossen? Bava entschleunigt „Macabro“ arg, bisweilen scheint der Film fast in Zeitlupe abzulaufen. Doch trotz seines behutsamen Spannungsaufbaus, begleitet von dramatischen Klavier- und Streicher-Ensembles, kann er allenfalls auf den Suspense-Effekt bauen, da der Zuschauer natürlich längst weiß, was sich da im Eisschrank befindet und mit wem bzw. vielmehr womit sich Mrs. Baxter da so leidenschaftlich amüsiert. Als Robert schließlich den Schlüssel zum Eisfach findet, wird das „Geheimnis“ sodann auch gelüftet und Freds abgetrennter Kopf erscheint in vollem Glanze, inklusive auf ihm krabbelnder Maden. Doch mittlerweile wurde Lucy wieder in die Handlung eingeführt, die auf perfide Weise ihre Mutter psychologisch terrorisiert, indem sie ihr ein Foto des toten Sohns ins Zimmer stellt und Freds Ohrläppchen aus der Kommode mopst, um es in ihren Eintopf zu werfen und mitzuservieren. Als sie aber schließlich den Mord gesteht, wird sie wiederum von Jane ertränkt. Bava hat das Tempo wieder angezogen, liefert seine Geschichte aber zunehmend verrückter Absurdität aus: Geht das extrem unwahrscheinliche Verhalten des Töchterchens mit etwas Wohlwollen noch als gelungener Beitrag zum Thema „kleine Satansbraten“ durch, führt die konstruierte Beziehung zwischen Jane und Robert zu einem rumpligen Finale, in dem sich beide bekriegen und Jane schließlich in Hänsel-und-Gretel-Manier im Ofen gebrutzelt wird – welch ein Zufall, dass der gerade dastand… Endgültig der Lächerlichkeit preis gibt Bava seinen „Macabro“ mit einer überhaupt nicht zum Vorausgegangenen passenden, hochgradig albernen Pointe, die wirkt, wie ein mieser, nachträglich eingefügter Produzenteneinfall.

So überzeugend es Lamberto Bava über weite Strecken gelingt, mit der morbiden Thematik zu spielen und sie unter weitestgehendem Verzicht auf blutige Spezialeffekte stilvoll und beklemmend zugleich in Szene zu setzen, so inkonsequent wird er, als er, statt auf psychologischen Tiefgang zu setzen, sich zugunsten Gruselkabinett-C-Horrors entscheidet und die ansonsten so besonnene und ihre Rolle interessant ausfüllende Bernice Stegers zu unwürdigem Chargieren zwingt, was dem Film jeglichen Anspruch nimmt. Was über bereits Genanntes indes positiv in Erinnerung bleibt, ist Veronica Zinny, die die Rolle des bösartigen Kinds mit sichtbarer Hingabe mimt.

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